Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Wiler Coiffeurbranche: Zwischen Haarpracht und Bürstenschnitt

In Wil gibt es viele Coiffeursalons auf engstem Raum. Sorgen macht man sich in der Branche deswegen jedoch nicht.
Philipp Wolf
Das Preisgefälle zwischen klassischen Salons und Billigcoiffeuren zeigt sich besonders bei Männer-Haarschnitten. (Bilder: Getty)

Das Preisgefälle zwischen klassischen Salons und Billigcoiffeuren zeigt sich besonders bei Männer-Haarschnitten. (Bilder: Getty)

Wer von der Wiler Fussgängerzone in Richtung Altstadt schlendert, sieht zahlreiche Coiffeurgeschäfte nahe beieinander. Nicht weniger als sieben Salons buhlen im Umkreis von gut 100 Metern um Kundinnen und Kunden. Rund um den Bahnhof findet sich eine ähnliche hohe Dichte an Coiffeurgeschäften. Insgesamt gibt es in Wil laut Branchenkennern rund 60, laut Telefonbuch 45 Salons. Auf den ersten Blick scheint die Konkurrenz unter Wiler Coiffeuren riesig.

Zahlreiche etablierte Geschäftsführer sehen die Situation jedoch nicht ganz so dramatisch – oder zumindest differenzierter. Marco Maione, Inhaber des Salons «Immagine», sagt beispielsweise:

«Wenn jeder in der gleichen Preiskategorie arbeitet, dann ist das keine gravierende Konkurrenz.»

Die Preise klassischer Salons variieren zwischen 40 und 60 Franken

Die Preiskategorie für einen klassischen Männerhaarschnitt reicht in den traditionellen Wiler Coiffeurgeschäften von rund 40 bis 60 Franken. Qualitativ werden ähnliche Dienstleistungen angeboten, Unterschiede gibt es beim Interieur, der Musik, die im Laden gespielt wird, oder den verwendeten Pflegeprodukten – und natürlich den Angestellten.

Grosser Wettbewerb besteht untereinander insofern nicht, weil jeder klassische Salon zu grossen Teilen von der eigenen Stammkundschaft lebt, die über Jahre hinweg aufgebaut wurde. Von Konkurrenz spricht Maione erst dann, «wenn der Preis kaputt gemacht wird». Gemeint sind Coiffeurgeschäfte, die für einen Männerhaarschnitt bloss 20 Franken verlangen. Deren Anzahl hat, laut Maione, in den vergangenen gut zehn Jahren drastisch zugenommen.

Kein Traditionsgeschäft ist in der Lage den Preiskampf zu gewinnen

Martin Peterer, Geschäftsführer von «Intercoiffure Martin», sagt mit Blick auf die Tiefpreiskonkurrenz:

«Man muss gar nicht erst versuchen, gegen Billigpreiscoiffeure anzukommen. Diesen Kampf kann man nur verlieren.»

Peterer ist der Meinung, dass ein Geschäft mit solchen Preisen die Verpflichtungen des Gesamtarbeitsvertrages (GAV, siehe Zweittext) nicht erfüllen kann. Roger Bieri, Betreiber von «Roger Bieri Hairstyling», teilt die Bedenken bezüglich des GAVs. Er bezweifle, dass Coiffeure, die Haarschnitte für 20 Franken anbieten, den GAV einhalten können.

Beide Coiffeure sehen zudem die Personenfreizügigkeit – sie besteht seit 2002 – als Ursprung des Wachstums von Billigcoiffeuren. So seien Geschäftsmodelle entstanden, die mit dem GAV praktisch nicht vereinbar seien, sagt Bieri:

«Man muss sich entscheiden: entweder GAV oder Personenfreizügigkeit.»

Mauro Tiberi, Präsident der St. Galler Sektion von Coiffure Suisse, sagt dazu, es würden seit geraumer Zeit verstärkt Kontrollen durchgeführt, um sicher zu gehen, dass sich alle an die Regeln halten.

Billigpreismodell ist auf hohe Frequenz angewiesen

Zudem ist Tiberi der Meinung, dass das Geschäftsmodell der Billigcoiffeure funktionieren kann. Wer für 20 Franken Haare schneide, brauche einfach eine höhere Frequenz. Wer wenig bezahlt, kommt dafür häufiger, so das Kalkül. Tiberi sagt:

«Der Markt reguliert das Ganze.»

Inhaber von Billigsalons sind sich derweil bewusst, dass sie von den etablierten Coiffeuren argwöhnisch beäugt werden. Er halte sich an den GAV und zahle ebenfalls Mehrwertsteuer, sagt der Betreiber eines Salons, der für einen Männerhaarschnitt 20 Franken verlangt. Das Geschäftsmodell mit niedrigen Preisen und hoher Frequenz sei zwar hart aber es rechne sich, so der junge Mann, der nicht genannt werden will.

Gegenüber seinen Mitstreitern hegt der Billigcoiffeur indes dieselben Zweifel wie die Haute Coiffure gegenüber ihm. Er sei überzeugt, dass einige seiner direkten Konkurrenten nicht alle Regeln einhielten und teilweise schwarz arbeiteten. Gemäss eigenen Angaben steht sein Geschäft im Billigpreissegment in direkter Konkurrenz mit drei oder vier Geschäften.

Ein ramponierter Ruf und eine Gesellschaft im Wandel

Von Seiten der traditionellen Salons heisst es derweil, man fühle sich im Wettstreit um Kundschaft von den Billigcoiffeuren grundsätzlich nicht bedroht. Denn ihre Klientel ist nicht identisch mit dem der preisgünstigen Mitstreiter. Die traditionellen Geschäfte sind auf Kunden ausgerichtet, die meistens mehr wollen als einen blossen Bürstenschnitt. Sie wollen, dass ihre Wünsche erfüllt werden – wie speziell sie auch sein mögen – und sie sehen in einer Coiffeuse eine Vertrauensperson.

Manch eine Kundin oder ein Kunde besucht ihren Coiffeur mehrmals die Woche, zwar nicht für eine neue Frisur, aber für das Waschen und Föhnen. Ein guter Coiffeur zeichne sich schliesslich sowohl durch gutes Handwerk als auch durch Einfühlungsvermögen aus, heisst es von Seiten der klassischen Coiffeure.

Haarpracht nicht mehr für alle gleich wichtig

Das Aufkommen der Billigcoiffeure habe diesem positiven Image der Branche jedoch geschadet, sagt Bieri. Doch ist der Erfolg der Billigkonkurrenz gleichzeitig das Resultat eines gesellschaftlichen Wandel. «Vor 20 oder 30 Jahren hatte das Haareschneiden noch einen ganz anderen Stellenwert», so Bieri. Damals hätten noch mehr Leute gerne Geld bezahlt für einen guten Coiffeur. Die Haarpracht war für viele ein stärkeres Identifikationsmerkmal als heute.

Dieser Tage habe jeder und jede viel mehr Möglichkeiten, sein Geld auszugeben für Dinge, welche die eigene Persönlichkeit reflektierten. So ist der künstlerische, kreative Aspekt des Haareschneidens über die Jahre ein Stück weit in den Hintergrund geraten. Das sei schade, insbesondere weil das Handwerk in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht habe, sagt Bieri:

«Früher war das Image super, aber der Haarschnitt dürftig. Heute ist das Image dürftig, aber der Haarschnitt super.»

Zwölf Minuten pro Haarschnitt

Die Schweizer Coiffeurbranche verfügt über einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Dieser legt fest, dass der Mindestlohn für eine gelernte Coiffeuse oder einen Coiffeur ab dem 5. Berufsjahr 4000 Franken beträgt. Laut Martin Peterer, Geschäftsführer von «Intercoiffure Martin» in Wil, muss der Stundensatz für eine Arbeitskraft mindestens 90 Franken betragen, damit die GAV-Anforderungen erfüllt werden können. Peterer rechnet vor, dass dieser beispielsweise mit zwei Männer-Haarschnitten, die 30 Minuten dauern und 45 Franken kosten, erreicht werden kann.

Laut Mauro Tiberi, Präsident der St. Galler Sektion von Coiffure Suisse, müsste der Stundenansatz gar bei mindestens bei 100 Franken liegen. Damit ein Billigcoiffeur, der Männern die Haare für 20 Franken schneidet, diesen Betrag erreicht, müsste eine Arbeitskraft pro Stunde fünf Kunden die Haare schneiden. Das entspräche zwölf Minuten pro Haarschnitt. Neben dem Einhalten des GAVs sind Coiffeure gesetzlich dazu verpflichtet, ab einem Umsatz von 100000 Franken im Jahr 7,7 Prozent Mehrwertsteuer zu bezahlen. Mehrere Branchenkenner sind der Meinung, dass einige Billigcoiffeure das Zahlen dieser Steuer umgehen, in dem ein tieferer Umsatz ausgewiesen oder schwarz gearbeitet wird. (pw)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.