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Die Wachstumsphase

Bettinas B(l)ickwinkel

Oft sitze ich in einem Café oder auf einer Bank, das geöffnete Notizbuch vor mir, auf einem Stift kauend. Oder an den Nägeln. Ich beobachte meine Umgebung, versuche Bilder in meinem Kopf in Sprache zu fassen. Es muss einen schriftstellerischen Eindruck machen, wie ich da hin und wieder ein paar Wörter in unleserlicher Schrift hinkritzle, und ich bin froh, dass niemand sieht, was ich wirklich notiere. Irgendwann schmerzen die Finger, nicht nur vom Schreiben. Ich verkrampfe mich beim Lockerbleiben, bis es meine Nagelhäutchen kostet. Mittlerweile sind Ortswechsel aber eine nützliche Technik. Ich schreibe am Tisch, im Bett, in Restaurants, im Park oder in der Wohnung einer verreisten Freundin. Manchmal sind es Ideen für die Handlung, manchmal nur ein Wort oder Satz, der mir gefällt.

So wächst die Textmenge stetig. Ich mobilisiere Techniken, wenn das Schreiben zu holpern beginnt. Oder ich besuche Michèle Minelli. Im Rahmen des Stipendiums coacht mich die Schriftstellerin in meinem Schreibprozess. Bei unserem ersten Treffen haben wir über Ines, die Protagonistin meiner Geschichte, und ihre Erlebnisse gesprochen. Das hat uns beide aufgewühlt, weil man dabei unweigerlich mit der persönlichen Geschichte konfrontiert wird. Denn fiktives Schreiben ist immer auch eine Wanderung durch die eigenen Erinnerungen. Beim zweiten Treffen haben wir überprüft, was sich im bisher entstandenen Text noch versteckt. Manches darin ist wie Saatgut, das ich unbewusst gepflanzt habe. Darauf macht sie mich aufmerksam. Es muss spriessen und aufgehen, ist ein Versprechen an den Leser.

Ines lässt Menschen wehrlos an ihre Grenzen kommen und diese auch überschreiten. Sich gefühlslos zu stellen ist ihre Reaktion darauf. «Alles andere ist zu viel verlangt von diesem Morgen, von diesem ersten Moment des Zurückkehrens in die normale Welt, in der ich alles in der vorgesehenen Reihenfolge erledige. Das ist die richtige Welt, die, in die ich geboren wurde. Die, die ich kenne und die funktioniert. Die mich funktioniert.» Langsam wird Ines jedoch zur Akteurin, beginnt über ihr Leben selbst zu bestimmen. Ein Reifeprozess beginnt, der angetrieben wird durch das Kennenlernen einer (noch) fremden Frau.

In zwei Wochen fahre ich ins Bick-Atelier im Tessin. Das südliche Klima und die Einsamkeit werden Ines’ Entwicklung vorantreiben. Trotz Respekt vor der Herausforderung will ich mich nun endlich an ihr ausprobieren. Ich selbst werde ebenfalls an der Aufgabe wachsen und im besten Fall auch meine Nagelhäutchen.

Bettina Scheiflinger

Bettina Scheiflinger ist die erste Gewinnerin des Wiler Bick-Stipendiums. Im Mai wird sie einen Monat lang in einem Haus des verstorbenen Künstlers Eduard Bick im Tessin schreiben. Vor und während des Aufenthalts veröffentlicht die Autorin Kolumnen in der «Wiler Zeitung».

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