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«Ich versteckte den Hammer, damit meine Mutter uns nicht damit schlug» – Die vergessenen Kinder suchtkranker Eltern

Pro Klasse wachsen in der Schweiz bis zu drei Kinder mit suchtkranken Eltern auf. Erstmals fand eine nationale Aktionswoche statt, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Auch die Suchtberatung in Wil machte mit.
Lara Wüest
Viele Kinder von suchtkranken Eltern behalten ihre Sorgen für sich, weil sie ihre Eltern schützen möchten. (Bild: Getty)

Viele Kinder von suchtkranken Eltern behalten ihre Sorgen für sich, weil sie ihre Eltern schützen möchten. (Bild: Getty)

«Meine Mutter war keine böse Frau.» Mit diesem Satz beginnt Sonja Keller von ihrer Kindheit zu erzählen. Einer Kindheit, in der sie jeden Morgen selbstständig aufstehen musste, weil niemand sie weckte. In der sie sich das Frühstück selber machte und allein zur Schule ging. In der sie die Wohnung putzen musste, weil sonst niemand dazu in der Lage war und in der sie und ihr Bruder am Mittag eine Dose Ravioli oder Gulaschsuppe zu essen bekamen und am Abend oft gar nichts. «Manchmal, wenn meine Mutter durch den Alkohol aggressiv wurde, versteckte ich unseren Hammer vor ihr, damit sie uns damit nicht schlagen konnte», sagt Sonja Keller, die eigentlich anders heisst. Geschlagen hat die Mutter sie trotzdem. Anstelle des Hammers benutzte sie den Teppichklopfer. Sonja Kellers Mutter war Alkoholikerin.

Die Kindheit von Sonja Keller war eine Endlosschleife aus Einsamkeit, Leid und Fürsorge für die Mutter. Heute ist sie erwachsen. Doch verheilt sind die Narben von früher nicht.

Für solche Kinder fand in der Schweiz nun zum ersten Mal die «Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern» statt. Damit wollten verschiedene Organisationen auf das Thema aufmerksam machen. Auch die Suchtberatung der Region Wil nahm daran teil. In der Stadtbibliothek hat sie einen Medientisch mit Sach- und Kinderbüchern und Hintergrundinformationen zu Sucht, psychischen Erkrankungen und deren Auswirkungen auf die Familie aufgestellt. Dieser bleibt über die Aktionswoche hinaus bis nächsten Samstag stehen. «Viel zu lang gingen diese Kinder vergessen», sagt die Suchtberaterin Rahel Gerber.

«Suchtmittelmissbrauch ist in Wil ein grosses Thema»

Sucht Schweiz schätzt, dass pro Schulklasse ein bis drei Kinder mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen. In Wil dürfte die Zahl ähnlich hoch sein. «Es ist beunruhigend, wie viele Fälle von Vernachlässigung wir an den Schulen handhaben müssen», sagt Stefan Chiozza, Leiter Bildung der Stadt Wil. Dazu zählt er allerdings auch Kinder, deren Eltern sich einen Scheidungskrieg liefern oder psychisch krank sind. Chiozza geht aufgrund seiner Erfahrung davon aus, dass die Anzahl dieser Fälle in den letzten Jahren zugenommen hat. Auch Suchtberaterin Gerber kennt die Problematik aus ihrem Berufsalltag. «Der Missbrauch von Suchtmitteln ist in Wil ein grosses Thema. Einmal sagte mir jemand, man komme hier schneller an Kokain als an Cannabis heran», sagt sie.

Was die Kinder von süchtigen Eltern erleben, begleitet sie oft ihr ganzes Leben. Ständig müssen sie auf der Hut sein, sich den Stimmungen der Eltern anpassen. Viel zu früh müssen sie Verantwortung übernehmen. «Die Kinder sind häufig überfordert. Ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, ist für sie schwierig», sagt Gerber. Und das hat Folgen: «Ein Drittel wird ebenfalls suchtkrank und ein Drittel leidet an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen», so die Suchtberaterin. Rund ein Drittel könne ein normales Leben führen.

Zu ihnen zählt auch Sonja Keller. «Ich bin seit mehr als 30 Jahren in psychiatrischer Behandlung», sagt sie. Ihre Diagnose: eine schwere Borderline-Störung. Zudem leidet sie seit Jahren an Anorexie. Sie sagt:

«Wie viel ich esse, ist das Einzige, das ich wirklich kontrollieren kann.»

Zweimal hat Keller versucht, sich das Leben zu nehmen. Noch heute, sagt sie, habe sie Schlafstörungen, weil die Angst, dass ihre Mutter ihr im Schlaf etwas antue, so tief sitze. Dabei ist ihre Mutter bereits vor 24 Jahren gestorben.

Meistens braucht es nicht viel, um Kindern von suchtkranken Eltern zu helfen. «Man muss sie nicht aus ihren Familien reissen», sagt Gerber. Denn das könne ebenfalls traumatisierend sein. Oft genüge eine Bezugsperson, mit der die Kinder reden könnten.

«Die Kinder müssen spüren, dass sie in Ordnung sind.»

Das gebe ihrem Leben Stabilität. Doch genau dort liegt gemäss der Expertin auch das Problem: Das Leiden der Kinder bleibt häufig unentdeckt. «Die Sucht von Eltern ist in vielen Familien ein Geheimnis, an die Kinder kommt man fast nicht heran», sagt sie. Zwar gibt es gewisse Verhaltensweisen, die auf zerrüttete Familienverhältnisse hinweisen. Etwa wenn die Leistung in der Schule plötzlich stark nachlässt oder wenn ein Kind sehr aggressiv reagiert. Doch viele Kinder fallen auch nicht auf. Und von sich aus reden sie nur selten. «Sie lieben ihre Eltern und möchten diese schützen», sagt Gerber.

Trotz allem eine Mutter, die ihre Kinder liebte

Dass sie ihre Mutter liebte, sagt auch Sonja Keller. Doch wenn sie von ihr erzählt, klingt es zuweilen, als würde sie über das Leben einer fernen Bekannten sprechen. Ihre Stimme bleibt sachlich. Womöglich liegt das daran, dass sie unter einem Pseudonym ein Buch über ihr Leben geschrieben hat. «Das hat mir geholfen, alles mit Distanz zu sehen», sagt sie. Zugleich versucht Keller, was für Aussenstehende wohl nur schwer nachvollziehbar ist: Sie möchte verstehen, warum ihre Mutter die wurde, die sie war. Eine Frau, geboren im Krieg, traumatisiert und psychisch krank. Eine Mutter, die nicht in der Lage war, für ihre Kinder zu sorgen. Trotz allem ist sich Keller sicher: «Meine Mutter hat mich und meinen Bruder geliebt.»

Aktionswoche

Die Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern fand in der Schweiz vom 11. bis 17. Februar zum ersten Mal statt. Verschie­dene Organisationen aus den ­Bereichen Sucht, Familien und Kinder- und Jugendschutz führten in zwölf Kantonen Aktionen durch, um für das Thema zu sensibilisieren. Auch die Suchtberatung der Region Wil beteiligte sich daran und entschied sich sogar, ihren ­Medientisch in der Stadtbibliothek für drei Wochen stehen zu lassen. Bis nächsten Samstag können sich Betroffene und Interessierte dort informieren. Andere Länder, etwa Deutschland, führen die Aktionswoche bereits seit mehreren Jahren durch. (law)

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