Die verborgene Kraft der Heugabel

KIRCHBERG. Rolf Klaus aus Kirchberg macht aus alten Heugabeln Kunst. In einer selbstgebauten Schmiede hinter seinem Haus fertigt er Kunstwerke an, die schon mal an Auguste Rodin oder Alberto Giacometti erinnern.

Pablo Rohner
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Rolf Klaus vor der «Schmitte», wo seine Kunst entsteht. (Bilder: Pablo Rohner)

Rolf Klaus vor der «Schmitte», wo seine Kunst entsteht. (Bilder: Pablo Rohner)

Am Anfang war der Amboss. Rolf Klaus steht in der «Schmitte» hinter seinem Haus auf dem Kirchberger Rätenberg und streicht mit der Hand über den schwarzen, glatten Stahl. In dem selbstgebauten Wellblechschopf verdecken Türme von Heugabeln und Vorhänge aus Eisenketten die Sicht auf das gestapelte Brennholz, mehr als zwei Personen bietet die vollgestellte Schmitte kaum Platz. «Eigentlich habe ich mir nie gern die Hände schmutzig gemacht«, sagt der gelernte Zeichner und lächelt.

Es war um das Jahr 2004, als ihm die Idee kam, wie er seine Faszination für Tradition – Klaus ist ein ausgezeichneter Kenner von Antiquitäten und Möbelmalerei – handwerklich und künstlerisch umsetzen könnte. Aus der Konkursmasse der Mondo Küchen AG erstand Klaus einen Amboss, den er eines feuchtfröhlichen Samstags in Betrieb nahm. Es war ein Nachmittag mit Freunden, bei Cervelat und Bier, als das erste glühende Stück Eisen unter den Hammer gekommen sei, erzählt Klaus; eine Heugabel, die er zu einem Kerzenständer biegt.

Menschen, Katzen, Schwäne

Seit jenem Samstag hat Klaus unzählige Heugabeln, Rechen und Gartenhacken erst in der Esse zum Glühen, dann auf dem Amboss und im Schraubstock in neue Form gebracht. Aus dem Gebrauchsgegenstand Kerzenständer sind Kunstwerke geworden, meist stellen sie Menschen in verschiedenen Posen dar, Läufer, Seilzieher, tanzende Paare. Auch Tiere finden sich in Klaus' Katalog, Katzen, Schwäne und Spinnen, daneben symbolische Kreationen. Die materiale Grundlage ist dabei stets die gleiche: ein altes Werkzeug. Trotz ihres hohen Abstraktionsgrads sind Klaus' Werke in der Lage, menschliche Haltungen mit ihren psychologischen Verfassungen exakt einzufangen. Sie tragen Namen wie «Feierabend» oder – in Anlehnung an Rodins weltbekannte Skulptur – «die Denkerin». Im kleinen natürlich. Wobei, ein Traum wäre es schon, sagt Klaus, einmal ein Objekt vergrössert in einem Park auszustellen, damit sich «flanierende Besucherinnen und Besucher daran erfreuen können».

Der Kuss der Musen

«Das vorhandene Material reicht für eine Aussage», lautet Klaus künstlerisches Credo. Damit stellt er sich in die Tradition der klassischen Avantgarde und ihrer Technik des «Détournement», der Zweckentfremdung vorgefundener Gebrauchsgegenstände. Klaus' Arbeitsweise ist inspirationsbasiert. Weil er den Kuss der Musen nicht vorhersehen kann, führt Klaus stets ein aus Draht gewundenes Modell einer Gabel mit sich. So ist er stets in der Lage, seine Ideen festzuhalten, um sie in Kirchberg in der «Schmitte» Gestalt werden zu lassen.

«UM-Kunst» nennt Klaus sein Schaffen und referiert damit auf die verschiedenen Aspekte des Wörtchens «um». Einer davon bezeichnet – wie an den Heugabeln – die verändernde Kraft, die im Umformen, im Umwandeln, wirkt. Der andere meint «um als Vorsilbe der kreisenden Bewegung, des Um-Kreisens. In seiner zweiten Produktionsform fügt der Künstler komplementäre Schmiedestücke zu beweglichen Kunstwerken zusammen, von welchen das eine – wie die Sonne – den ruhenden Pol darstellt, während das andere – wie ein Planet – sich darum herum dreht. Erstaunlich dabei: Der Balancepunkt, auf dem die verschlungenen, auf den ersten Blick alles andere als im Gleichgewicht scheinenden Eisenstücke aufeinander zu liegen kommen, ist hauchdünn, misst nicht mal einen Millimeter.

Ein Stück, ein Arbeitstag

Das Rohmaterial bezieht Klaus von einem befreundeten Alteisenhändler. Vom Pröbeln mit dem Drahtmodell über das Schmieden bis hin zur Präsentation, etwa eine sitzende Figur auf einem Holzblock, benötigt Klaus für ein Objekt meist rund acht Stunden – einen Arbeitstag.

Rund acht Stunden arbeitet Rolf Klaus an einem Objekt. (Bild: unknown)

Rund acht Stunden arbeitet Rolf Klaus an einem Objekt. (Bild: unknown)

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