Die Speisekarte

Ich gehöre, das gestehe ich gerne ein, zu jenen Gästen, die sich schon im voraus per Speisekarte ein Bild machen wollen, was einen in einem Restaurant so erwartet. Erinnern Sie sich noch? Da war in einem verglasten Kästchen vor der Tür eine Speisekarte angebracht.

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Ich gehöre, das gestehe ich gerne ein, zu jenen Gästen, die sich schon im voraus per Speisekarte ein Bild machen wollen, was einen in einem Restaurant so erwartet. Erinnern Sie sich noch? Da war in einem verglasten Kästchen vor der Tür eine Speisekarte angebracht. Die blieb da über Jahre hinweg, und es änderte sich nichts. Irgendwann war sie vom Alter gezeichnet und unleserlich geworden. Dann kam die Zeit der Kunstwerke statt Speisekarten. Man musste sich erst durch einen Werbetext kämpfen, und dann entdeckte man endlich die Speisefolge. Blumenreich war alles formuliert, und natürlich fehlte es nicht an Superlativen. Dann plötzlich entdeckte man die Möglichkeit, vorprogrammierte Karten per Computer zu gestalten und mit eigenen Restaurantdaten zu füllen. Der Nachteil bei diesem Verfahren war allerdings, dass die Speisekarten nun, sozusagen von heute auf morgen, extrem ähnlich aussahen. Was sich wiederum als ein Manko erwies, denn jeder Wirt will und wollte doch seine ganz persönlichen Spezialitäten präsentieren.

Ich finde, die Speisekarte auch und gerade im Aushang sollte als echte Visitenkarte gelten, als Appetitanreger im wahrsten Sinne des Wortes. Muss es wirklich eine Ausnahme sein, wenn der Wirt jeden Vormittag eine spezielle Tageskarte aushängt, damit der Gast weiss, was es heute Besonderes gibt? So wird schliesslich dem Gast klargemacht, welche Spezialitäten ihn erwarten. So kann man sich ausserdem von der «Konkurrenz» abgrenzen, wenn man bewusst auf das hinweist, was auf der Tageskarte steht.

Erich Berger, prämierter Koch, betreibt heute eine Kochschule in Münchwilen. Berger berichtet jeden Donnerstag aus dem Innenleben einer Küche. Fragen, Anregungen? info@bergers-kochart.ch www.ritterschmaus.ch