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Die Sorgen einmal vergessen: Wie das Café Trotz-Dem in Wil Menschen mit Demenz hilft

Seit einem Jahr erhalten Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen im Café Trotz-Dem niederschwellig Hilfe. Sei dies, indem sie fachlichen Rat bekommen oder die Krankheit für ein paar gesellige Studen in den Hintergrund rückt.

Gianni Amstutz
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Demenz wird häufig mit Vergesslichkeit in Verbindung gebracht. Die Krankheit kann sich jedoch verschieden äussern. (Symbolbild: Fotolia)

Demenz wird häufig mit Vergesslichkeit in Verbindung gebracht. Die Krankheit kann sich jedoch verschieden äussern. (Symbolbild: Fotolia)

Das Spielen der Violinzither fällt diesem Mann trotz Demenz nicht schwer. (Bild: Gianni Amstutz)

Das Spielen der Violinzither fällt diesem Mann trotz Demenz nicht schwer. (Bild: Gianni Amstutz)

Eine kleine Gruppe hat sich im Kafi Peter im katholischen Pfarreizentrum versammelt. Denn heute gibt es etwas zu feiern. Seit genau einem Jahr finden hier jeweils am ersten Freitag des Monats die Treffen des Café Trotz-Dem statt. Ein älterer Herr sitzt am Kopfende des Tischs und hat vor sich eine Violinzither aufgebaut. Zur Feier des Tages spielt er der Gruppe darauf vor. Eifrig huschen seine Hände über das Instrument, mühelos findet sein Bogen die richtigen Saiten. Kein Liederwunsch der Gruppe bleibt unerfüllt. Noten braucht er dazu nicht, denn die Melodien und Griffe auf seiner Violinzither kennt der Mann, seit er ein kleiner Junge war. Bei bekannten Liedern klopfen die Zuhörer den Takt auf dem Tisch mit oder singen die Strophen mit. Auch sie bekunden keine Mühe mit den Textzeilen.

Demenz hat viele Gesichter

Doch das ist nicht selbstverständlich. Denn gut die Hälfte von ihnen leidet an Demenz. Oft äussert sich die Krankheit dadurch, dass betroffene Probleme mit dem Gedächtnis bekunden. Häufig ist dabei vor allem das Kurzzeitgedächtnis betroffen. So singt eine Frau etwa problemlos alle fünf Strophen von «Äs Buurebüebli» auswendige mit, kann sich aber auch nach dem dritten Mal nachfragen nicht merken, in welcher Zeitung dieser Artikel erscheint – und auch nicht, dass sie das bereits gefragt hat. Doch die Demenz hat viele Gesichter. Bei jeder Person und abhängig von der Form treten andere Symptome auf: von Persönlichkeitsveränderungen über Depressionen bis hin zum Verlust der Sprache. Allen Arten von Demenz gemein ist, dass es für Betroffene, aber auch für die Angehörigen eine grosse Belastungsprobe werden kann.

Information und Geselligkeit

Hier setzt die Organisatorinnen des Café Trotz-Dem an. Einmal im Monat können hier Betroffene und ihre Angehörigen zusammenkommen. Einerseits erhalten sie Informationen über mögliche Hilfeleistungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, anderseits können sie hier ihre Alltagssorgen für ein paar Stunden hinter sich lassen und gesellige Stunden geniessen. Gerade für Menschen mit Demenz ist Letzteres sehr wichtig, denn häufig führt die Erkrankung bei Betroffenen dazu, dass sie sich zunehmend zurückziehen. Das kann auch für die Partner belastend wirken.

Mit den Nachmittagen des Café Trotz-Dem wollen die Organisatoren dieser Isolation entgegenwirken. Und sie scheinen damit Erfolg zu haben. Im ersten Jahr haben 123 Personen die Anlässe besucht. «Wichtig ist dabei, dass unser Angebot niederschwellig ist», erklärt Edith Scherer, Leiterin Angehörigenberatung der Psychiatrie St. Gallen Nord in Wil und Mitinitiantin des Projekts. Für die Nachmittage im Kafi Peter ist keine Anmeldung nötig und jeder kann kommen wann und solange er will. Ausserdem sind zwar immer Fachpersonen anwesend, die Hilfeleistungen anbieten, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz ist aber keine Pflicht.

«Ich finde den Treff grossartig», erzählt eine Frau, deren Mann an Demenz leidet und die seit einem Jahr regelmässig teilnimmt. Einerseits könne sie sich mit Leuten austauschen, die ähnliche Erfahrungen wie sie machten, anderseits spüre sie auch jedes Mal, dass ihrem Mann die Nachmittage gut täten.