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«Die Schule ist für die Kinder da und nicht umgekehrt»

Die Stadt Wil entscheidet bald, ob es eine reine Bubenschule geben soll. Der Psychologe Allan Guggenbühl zeigt die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen auf und was diese für einen Einfluss auf den Unterricht haben.
Buben machen in der Schule mehr Probleme als Mädchen. Stimmt das wirklich? «Hier muss man klar unterscheiden zwischen Probleme machen und Probleme haben», sagt Guggenbühl. (Bild: Christian Beutler(Keystone)

Buben machen in der Schule mehr Probleme als Mädchen. Stimmt das wirklich? «Hier muss man klar unterscheiden zwischen Probleme machen und Probleme haben», sagt Guggenbühl. (Bild: Christian Beutler(Keystone)

Buben schlagen, raufen, pöbeln und machen Lärm in der Schule. Fast immer sind es Buben, die in der Schule Probleme verursachen. Am Donnerstag, 22. November, um 19.30 Uhr referiert Allan Guggenbühl an einer öffentlichen Veranstaltung der Kathi-Elternvereinigung im Kathi zum Thema «Auf dem Weg zu einer knabengerechten Schule».

Gemäss dem Psychologen und Psychotherapeuten Allan Guggenbühl hat die Fixierung auf die Gender-Debatte dazu geführt, dass geschlechterspezifische Unterschiede im Schulunterricht vernachlässigt und Buben dadurch benachteiligt werden. Im Gespräch führt er aus, weshalb Buben im heutigen Schulsystem Probleme bekunden und wie die Schule darauf reagieren sollte.

«Buben ticken anders als Mädchen»

Buben machen in der Schule mehr Probleme als Mädchen. Stimmt das wirklich? «Hier muss man klar unterscheiden zwischen Probleme machen und Probleme haben», sagt Guggenbühl. Es sei jedoch ganz klar, dass die Buben mit dem Schulsystem mehr Probleme hätten als Mädchen. «Das ist eine Realität, die sich statistisch belegen lässt.» Auch in der Erziehungsarbeit werde er häufig damit konfrontiert. Dreiviertel seiner Sprechstunden seien mit Buben. Doch woher kommt das? «Buben ticken anders als Mädchen. Dies wird in der offiziellen Pädagogik zu wenig berücksichtigt», sagt der Professor. Die Folge sei, dass man es verpasse, die Buben in ihren männlichen Verhaltensmustern anzusprechen. Das löse Probleme aus.

Emotionen über Sachthemen ausdrücken

Das vorherrschende pädagogische Konzept ist in den Augen Guggenbühls zu wenig auf Disziplin und zu stark auf «Selbstgesteuertes Lernen» mit impliziten Regeln ausgerichtet. «Die Schüler sollen selber merken, was sie lernen müssen. Mädchen können mit dieser Situation geschickter umgehen. Sie passen sich an. Buben hingegen sind oft überfordert», sagt Allan Guggenbühl. Auch in Bezug auf die Sprache gebe es geschlechtsspezifische Unterschiede: «Buben drücken eher über Sachthemen ihre Emotionen aus. Bei den Mädchen sind es Beziehungsthemen, die im Vordergrund stehen.» Das seien keine oberflächlichen Plattitüden, sondern Tatsachen, die empirisch nachweisbar seien.

Das wirft die Frage auf: Sind die Mädchen nicht zu «überangepasst»? Müsste man nicht dort ansetzen und sie ermutigen, aufmüpfiger zu werden? «Das sehe ich auch so», sagt der Psychologe. Mädchen könnten hie und da «aufmüpfiger» sein und sagen, was sie denken.

«Sie nehmen jedoch gerne Rücksicht auf das Gegenüber. Dies erlebe ich auch in Therapiestunden.»

Es brauche in der Regel länger als bei Buben, bis man bei den Mädchen zum eigentlichen Problem vorgedrungen sei. «Sie präsentieren tendenziell mehr mit vordergründigen Schwierigkeiten», sagt Guggenbühl. «Dieses Phänomen erlebe ich auch häufig bei Studentinnen. Sie verhalten sich weniger konfrontativ. Im Gegensatz zu Studenten wagen sie weniger, öffentlich ihre Meinung zu sagen.»

In den Augen Guggenbühls muss zivilisierter Widerspruch Platz haben in der Schule. Gleichzeitig brauche es aber Bezugspersonen, die den Schülern Grenzen aufzeigten. Schüler integrierten sich oft über Widerstand. Heute würden «aufmüpfige» Schüler schnell diagnostiziert oder sogar pathologisiert und als Problemfälle an ausserschulische Fachstellen «ausgegliedert».

Buben wollen zuerst beeindrucken

Ein typisches Verhaltensmuster von Buben beschreibt Guggenbühl folgendermassen: «Buben setzen andere Strategien ein als Mädchen, um in einer Klasse oder Gruppe Anschluss zu finden. Sie suchen weniger den persönlichen Kontakt, sondern wollen die Anderen erst einmal beeindrucken. Cool stellen sie sich mit ihrem Handy hin und prahlen mit Fussball-Ereignissen. Nicht persönliche Eigenschaften zählen, sondern das, was man tut, spielt und besitzt. Ich sage nicht, dass das gut ist, es handelt sich einfach um Realitäten.»

Stellt sich die Frage, was das für den Schulunterricht bedeutet: Wie kann man den Bedürfnissen der Jungen gerecht werden? «Buben sollten zuerst mit Gruppenregeln, Positionen und Schulhausritualen bekannt gemacht werden. Sie wollen wissen, wo Grenzen gezogen werden und wie die Institution funktioniert», sagt der Psychologe. Zweitens gehe es um die Art und Weise, wie die Lehrpersonen mit den Buben kommunizieren. «Sie müssen ihre Erwartungshaltung klar äussern», empfiehlt Guggenbühl. Dabei sei interessant zu beobachten, dass Buben mit hohem Leistungsdruck besser umgehen könnten als Mädchen. «Wenn die Lehrperson zum Beispiel erklärt, dass ein Drittel der Schüler das Ziel nicht erreichen werde, setzt dies bei ihnen Energien frei. Bei Mädchen geschieht das Gegenteil.» Buben hätten weniger Angst vor dem Scheitern als Mädchen. Hier komme der Wettbewerbsgedanke ins Spiel, der sie zu Leistungen ansporne.

Allan Guggenbühl

Der Sohn eines Psychiaters und einer Bildhauerin wurde 1952 in Zürich geboren. 1974 schloss er zuerst die Ausbildung zum ­Primar- und Reallehrer und ein Jahr später in Mexiko zum klas­sischen Gitarristen ab. Guggenbühl arbeitete als Gitarrenlehrer und Musiker, bis er an der Universität Zürich in Psychologie abschloss. Es folgte ein Diplom als analytischer Psychotherapeut. Der 66-Jährige ist heute Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern, Direktor des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama und besitzt eine eigene Praxis. Zudem ist er Autor von mehreren Fachbüchern, unter anderem zu Konfliktmanagement und Jungen- und Männerarbeit. (nir)

Männerquote ist nicht das Problem

Schliesslich gelt es, die Schulen bewegungsfreudiger zu gestalten. Langes Sitzen und die Konzentration auf verbale Äusserungen kämen den Mädchen entgegen. «Dies kann man bereits beobachten, wenn man ein Schulgebäude betritt. Jungs rennen die Korridore entlang, schubsen und stossen sich, Mädchen hingegen gehen zivilisiert redend zum nächsten Schulzimmer», sagt Guggenbühl.

Das wirft die Frage auf, ob es eine Männerquote bei den Lehrerberufen braucht. «Die tiefe Männerquote ist nicht das eigentliche Problem», sagt der Psychologe. Lehrerinnen könnten genauso gut mit Jungs umgehen wie Lehrer. «Es geht um Respekt vor Geschlechterunterschieden. Die Erkenntnis sollte sich durchsetzen, dass die Schule für die Kinder da ist und nicht umgekehrt.»

Bubenschulen bietet Vorteile

Seit Jahren gilt die Gleichbehandlung der Geschlechter als oberstes Gebot im Schulunterricht. Entspricht diese Forderung nicht mehr der Realität? «Leider wird Gleichberechtigung und Chancengleichheit mit Gleichheit verwechselt», sagt Guggenbühl. «Die Fixierung auf die Gen-der-Debatte hat dazu geführt, dass wir geschlechterspezifische Unterschiede in der Erziehung unter den Tisch wischen. Es gibt Entwicklungsphasen, wie zum Beispiel die Pubertät, wo die Differenzen sehr gross sind und wo sie im Schulunterricht nicht mehr vernachlässigt werden können.»

In Wil muss in absehbarer Zeit darüber entschieden werden, ob und wie weit es in Zukunft geschlechterspezifische Oberstufenschulen geben wird. Aktuell gibt es das Kathi als reine Mädchensekundarschule, die anderen beiden Oberstufen sind geschlechtergemischt. Ob es künftig auch eine reine Bubenschule geben soll, darf Wil demnächst entscheiden. Was hält Allan Guggenbühl von geschlechterspezifischen Oberstufenschulen? «Dieses Schulmodell bietet riesige Vorteile. In einem solchen System steigt die Chance, dass die Kinder ernst genommen und gefördert werden. Es ermöglicht eine kindergerechte Förderung.» (red/pd)

Hinweis

22. November, 19.30 Uhr, Kathi, Klosterweg 13, Wil. Keine Anmeldung erforderlich.

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