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Die Predigt im Wandel der Zeit: Kirchgemeinden sind offen für Neues

Die Kirchgemeinde Straubenzell stösst im Mai die Predigt von der Kanzel und begibt sich auf die Suche nach Alternativen. Auch in der Region Wil sind Kirchgemeinden offen für Experimente.
Dinah Hauser
Die Pfarrpersonen der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell halten im Mai keine Predigt. (Bild: PD)

Die Pfarrpersonen der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell halten im Mai keine Predigt. (Bild: PD)

Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Straubenzell in der Stadt St. Gallen verzichtet im Mai auf die Predigt, das Herzstück des Gottesdienstes. In der Region Wil sind die evangelischen Kirchgemeinden überrascht ob des Experiments, aber auch interessiert und sehen Denkanstösse.

«Das Thema trifft den Nerv der Zeit», sagt Christoph Casty, Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Wil. Er selber habe sich zuvor keine grossen Gedanken gemacht. «Zwar habe ich mit Predigten experimentiert, aber intuitiv und nicht konzeptionell.»

Predigt und Pfarrberuf im Wandel

Er stimmt zu, dass die Predigt ein Monolog ist und kann sich vorstellen, dass sie sich verändern wird. Casty sieht den Pfarrberuf sowie den Gottesdienst im Wandel: «Mein Predigtverhalten hat sich über die Jahre verändert.» Früher dauerte die Predigt mindestens 20 Minuten, heute achte er darauf, dass er bei 15 Minuten bleibt und eine einfache Sprache wählt. Aber Casty hat die Predigt auch schon gekürzt: «Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, der sich unerwartet in die Länge zog. Ich habe mich spontan entschieden, die Predigt in zwei Minuten zusammenzufassen.»

Casty hält fest, dass die Predigt im Kontext des ganzen Gottesdienstes gesehen werden muss. Dieser soll den Besuchern ein schönes Erlebnis bieten und sie zum Nachdenken anregen. Casty sagt:

«Es soll also ein Ort sein, wo die Leute Gott erleben können; das Reden über Gott darf nicht trocken sein.»

Er ist bereit, sich der Herausforderung des Predigt- und Gottesdienstwandels zu stellen. Ihm ist es aber ein Anliegen, dass die Besucher in den Änderungsprozess miteinbezogen würden. «Zudem braucht es für mich einen intellektuellen Teil, so wie die Predigt», sagt Casty. Ein Gottesdienst soll nicht nur ein gutes Gefühl geben, sondern die Besucher zum Denken anregen. Denn das Intellektuelle sei auch Teil des Menschen.

«Viele Strukturen sind festgelegt»

Auch Heinrich Krauer, Präsident der Evangelischen Kirchgemeinde Münchwilen-Eschlikon möchte die Predigt nicht dauerhaft missen. «Zudem sind viele Strukturen und Abläufe von der Kirchenordnung vorgegeben und können nicht einfach geändert oder weggelassen werden», sagt Krauer. Der Zweck des Gottesdienstes sei es, den Inhalt der Bibel zu verkündigen und den Besuchern etwas mit auf den Weg zu geben. «Ohne Predigt ist dies nur schwer möglich.» Für Krauer kann eine Predigt ein Monolog sein, muss aber nicht.

Er zieht den Vergleich zum Besuch eines Vortrags, welcher auch ein Monolog sei und am Ende meist eine Diskussionsrunde folge. «Diese Gelegenheit besteht grundsätzlich auch nach einem Gottesdienst und wurde in unserer Kirchgemeinde schon wahrgenommen», sagt Krauer.

Die Nachhaltigkeit und Qualität könne durch Rückmeldungen überprüft werden. Auch die Pfarrer seien daran interessiert, dass ihre Predigten als nachhaltig empfunden werden. Krauer gibt zu bedenken: Der Unterricht an Schulen und Universitäten besteht grösstenteils aus Monologen der Lehrer und Dozenten. «Das heisst aber nicht, dass der Unterricht nicht nachhaltig ist.»

Mark Hampton, Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Flawil, sieht dies etwas anders. «Es ist nicht die Idee einer Predigt, ein Monolog zu sein», sagt Hampton.

«Die Predigt soll den Zuhörenden einen Denkanstoss geben, den sie weiterführen. Sie soll so vom Zuhörenden selbst beendet werden.»

In der Schule habe der Frontalunterricht zwar einen Platz. «Das Gelernte muss aber weiter vertieft werden, um nachhaltig zu sein», sagt Hampton.

Er findet es aber für wichtig, dass gerade die reformierte Kirche die eigenen Methoden und Formen regelmässig überprüft. Das Hinterfragen gehört für ihn im Grundsatz dazu.

Der Prediger als Bergführer

Hampton hat verschiedene Bilder für die Predigt. So kann der Pfarrer die Rolle eines Berg- oder Reiseführers übernehmen und die Zuhörer in eine andere Welt mitnehmen. Er kann aber auch ein Koch sein, der zum Buffet lädt, an dem sich die Besucher für den nächsten Lebensabschnitt stärken. Oder der Pfarrer kann die Rolle eines guten Therapeuten einnehmen, der die Zuhörer über das Erlebte reflektieren lässt, sodass diese nächste Schritte in der eigenen Entwicklung wagen.

«Dies setzt aber voraus, dass wir unsere Besucher kennen», sagt Hampton. Es sei ein schwerer Trugschluss zu glauben, dass das Studium alleine befähigt, zu wissen, was die Menschen brauchen. «Ein Bergführer kann nicht einen 4000er besteigen mit Leuten, die im Rollstuhl sitzen. Aber dafür gibt es vielleicht die Möglichkeit, in der Umgebung einen schönen Spaziergang zu machen», sagt Hampton. Jedoch setze das Offenheit und Neugier voraus. «Verschliesst sich ein Zuhörer, dann kommt auch die beste Rede nicht an», sagt Hampton.

Kirchgemeinden versuchen Neues

Konzeptionell experimentieren die Kirchgemeinden der Region schon länger mit neuen Formen und Ideen. So wurde vor 12 Jahren in Wil auf Anfrage der Besucher eine Kirchenband eingesetzt. In Münchwilen gibt es seit letztem Jahr der «Gottesdienst für Ausgeschlafene». Dieser findet zirka alle zwei Monate an einem Sonntagabend statt und eine Kirchenband spielt anstatt oder zusammen mit einem Organisten oder einer Organistin. Dabei gehe es darum, den Gottesdienst zeitgemäss zu gestalten, «ohne die Werte der Kirche zu verleugnen und deren Aufgaben zu vernachlässigen», sagt Krauer.

In Flawil besteht seit drei Jahren das Projekt «Rise Up». Einmal monatlich können die Besucher nach der Predigt schriftlich in Form einer Fürbitte darauf antworten. Regelmässig setzt sich Hampton mit Interessierten zusammen und tauscht sich über Bibeltexte aus. Daraus entwickle er eine der nächsten Predigten.

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