Die Pest als Retterin der Menschheit: Wiler Kantischüler untersucht Einfluss des schwarzen Todes auf Bevölkerungswachstum

Eine Krankheit als natürlicher Regulator des Bevölkerungswachstums? Eine These mit Zündstoff. Der Wiler Kantonsschüler Reto Braun ging in seiner Maturaarbeit dieser Frage nach.

Christof Lampart
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Als sich Reto Braun für seine Maturaarbeit entschied, war das Coronavirus noch nicht in aller Munde.

Als sich Reto Braun für seine Maturaarbeit entschied, war das Coronavirus noch nicht in aller Munde.

Bild: Christof Lampart

Der Wiler Kantonsschüler Reto Braun ging in seiner Maturaarbeit der Frage nach, wie sich die Weltbevölkerung entwickelt hätte, wenn der «Schwarze Tod» im Mittelalter nicht wiederholt ganze Landstriche Europas weitestgehend entvölkert hätte. Dafür wählte er den durchaus provokativen Titel «Die Pest – Die Retterin der heutigen Gesellschaft?».

Stets werde darüber berichtet, wie stark die Bevölkerung auf der ganzen Welt wachse und immer mehr Völker in bevölkerungsreichen Ländern unter Hungersnöten, Wohnungsraummangel und anderen Problemen leiden, sagt Braun. Die Tendenz von solchen Problemen ist steigend. «Doch ist es gar nicht so schlimm, wie es eigentlich hätte sein können?», hält er fragend im Vorwort fest.

Für Braun war schon früh klar: «Ich wollte die Bevölkerungszahlen zwischen der grossen Pestperiode in den Jahren 1347 und 1353 untersuchen und auswerten. Und zwar unter der Annahme, dass die Pest nie existiert hätte. So wollte ich herauszufinden, ob die Pest uns vor einer Überbevölkerung bewahrt hat.»

Die Pest im Wil im Jahr 1611

Auch Wil wurde von der Pest heimgesucht. 1610 zählte die Pfarrei Wil, zu der neben der unteren und oberen Vorstadt auch Rossrüti, Breitenloo, Wilen, Boxloo, Maugwil, Züberwangen, Weieren, Gampen und Bronschhofen zählten, 3882 Einwohner.

Um einen Wert für die Bevölkerungszahl zu erhalten, errechnete Braun die Einwohnerzahl anhand der Taufstatistiken und der damit verbundenen Geburtsstatistiken.

Zwischen 1610 und 1612 starben in der Pfarrei Wil 888 Personen an der Pest, was einem Bevölkerungsrückgang von 23 Prozent entsprach.

Doch nicht nur in Wil waren solche Zahlen Usus. Auch in vielen anderen Städten und Gebieten Europas bewegte sich die Zahl der Pesttoten im gleichen Zeitraum zwischen einem Viertel und einem Drittel der Bevölkerung.

Braun errechnete, dass zwischen 1305 und 1405 die Weltbevölkerung rund 71 Millionen Menschen an die Pest verlor. Er ging davon aus, dass 1305 die Weltbevölkerung 385 Millionen Menschen betrug.

Hätte es keine Pest und ein lineares Wachstum gegeben, das auf heute anerkannten wissenschaftlichen Rechenmodellen beruht, so wäre die Weltbevölkerung bis ins Jahr 1405 auf 413 Millionen Menschen angewachsen. Tatsächlich ging die Bevölkerungszahl jedoch in diesem Zeitraum zurück – um 43 Millionen Menschen.

Bis zu 1,691 Milliarden Menschen weniger wegen der Pest?

Da sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte in Bereichen Hygiene, Medizin und Wirtschaft die Bedingungen markant verbesserten, setzte ab dem 19.Jahrhundert ein starkes, globales Bevölkerungswachstum ein. Deshalb sei die Frage, ob die Pest die «Retterin der heutigen Gesellschaft» sei, nur schwer zu beantworten, wenngleich der Einfluss der Pesttoten des Mittelalters auf die spätere Bevölkerungsentwicklung sicherlich einen Einfluss gehabt habe, so Braun.

Denn Fakt ist, führte man die lineare Berechnung der Bevölkerungsentwicklung vom Mittelalter bis heute unter der Prämisse fort, dass es keine Pest gegeben hätte, dann würden heute 9,486 Milliarden Menschen auf der Welt leben – 1,691 Milliarden mehr, als es aktuell sind.