Die Nacht zum Werktag gemacht

Schmucklose Fassaden, satinierte Fensterfronten, nüchterne Falt- und Schiebetore – Immobilien, deren Zweck allein der Nutzen ist: Industriebauten eben. Die Flawiler «Future Night» ermöglichte mehr als nur Blicke hinter die Türen. Text und Bilder Andrea Häusler

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Firmen-T-Shirt und Arbeitshose statt Ausgangs-Klamotten? Für die Lernenden der «Futur Night»-Unternehmen kein Problem. Pascal Tschudin, der die Automatiker-Lehre bei der Hoegger AG vorstellte, war einer von vielen, die nebst Informationen auch die Begeisterung für den Beruf weitergaben.

Firmen-T-Shirt und Arbeitshose statt Ausgangs-Klamotten? Für die Lernenden der «Futur Night»-Unternehmen kein Problem. Pascal Tschudin, der die Automatiker-Lehre bei der Hoegger AG vorstellte, war einer von vielen, die nebst Informationen auch die Begeisterung für den Beruf weitergaben.

FLAWIL. Freitagabend, kurz nach 19 Uhr. Die Sonne scheint, doch in Flawil ist längst die Nacht angebrochen: die «Nacht der Industrie». Wenngleich dies nicht ohne weiteres erkennbar ist. Auf der Wilerstrasse zirkuliert der Verkehr, einige Fussgänger sind auszumachen: Feierabend. Daran ist in vierzehn Industriebetrieben noch lang nicht zu denken. Dem Publikum, vor allen künftigen Lehrlingen, soll ein authentisches Bild der Komplexität und Diversität der örtlichen Industrie vermittelt und eine Arbeitswelt gezeigt werden, die irgendwann die ihre sein könnte.

Erwin grüsst ganz ohne Worte

Vierzehn Unternehmen – das beschert die Qual der Auswahl. Wo beginnen? Wo aufhören? Vor der Büchler Reinli & Spitzli AG sitzen drei Mädchen auf dem Trottoir, die «Future Night»-Broschüre in der Hand. «Wir warten auf den Shuttlebus», sagt die eine. Der Rundgang liegt hinter ihnen und in dessen Beurteilung sind sie sich einig: «Interessant war es schon, aber es ist halt alles recht technisch.» Unter der Türe begrüssen zwei junge Frauen, einen Gang weiter tut dies «Erwin». Die Gestalt aus Abflussrohren, Drehverschlüssen, WC-Spülkasten und anderen Erzeugnissen aus Büchler Reinli & Spitzli-Giessformen sowie mit einem komplexen elektronischen Innenleben sei ein Lehrlingsprojekt, sagt Firmeninhaber Andreas Scherrer. «Erwin wertet hier den Besucherwettbewerb aus, ist aber eigentlich ein Visitenkartensammler, der an Messen eingesetzt wird.» Scherrer und seine Leute haben sich hinsichtlich der «Future Night» sichtlich ins Zeug gelegt. «Ja, wir haben überall geputzt», gibt der Chef lachend zu. Aber nicht nur das: hinter Bildschirmen und an Maschinen warten Lehrlinge und Mitarbeiter nur darauf, ihr Handwerk zu demonstrieren und zu erläutern. Irgendwo liegt die metallene Giessform für Tetrapack-Drehverschlüsse. «Und die Deckel wirft man dann einfach fort», staunt ein Mädchen, das sich Minuten zuvor noch eher gelangweilt hatte. Es ist warm, sehr warm. «Die Klimaanlage ist ausgestiegen», sagt Andreas Scherrer. «Und das ausgerechnet heute.»

Prügeli als süsser Magnet

Auch draussen sind die Temperaturen nach wie vor sommerlich. Wohin jetzt? Der Blick auf den Kreisel mit dem markanten Prügeli-Dekor liefert die Antwort: Die Maestrani AG, die muss einfach sein. Obwohl oder gerade weil man den Schokoladehersteller kennt. Die Dame auf dem Vorplatz rührt kräftig die Werbetrommel, lädt mit gewinnendem Lächeln zum Hinsetzen, Schoggi essen und entspannen. Der Raum auf der Rückseite des Empfangsgebäudes ist verdunkelt, eine Firmenpräsentation läuft. Immer wieder ist das Rascheln von Aluminiumfolie zu hören, hin und wieder Geflüster. Wirklich ran an die Schokolade geht's schliesslich aber nicht. Der Blick ab der Besuchergalerie muss genügen. «Denken Sie an das Lebensmittelgesetz», sagt die freundliche Dame, verdutzt, dass dies nicht jedem und jeder sonnenklar ist. Hygienevorschriften bremsen die Besucher auch bei der Flawa AG aus. Obwohl in den Produktionsräumen der Kosmetik-Wattepads die Hygienezone aufgehoben worden ist und das Publikum, begleitet vom ohrenbetäubenden, dumpfen Schlagen der Stanzmaschinen, entlang der markierten Bereiche den Weg vom Watteband zur verkaufsfertigen Pads-Rondelle verfolgen können. Ohne die weissen Kopfhauben, unter denen das Personal die Haare verborgen hat. Statt Prügeli gibt es hier eine Gratis-Foto-Session mit Fun-Charakter und Flawa-Produkte zum Schnäppchenpreis.

Der letzte Bus

Schnäppchen-Jäger sind bei der Hoegger AG fehl am Platz. Für den Preis der Maschinen, die hier für das Pressen von Fleisch – vor allem Speck – konstruiert, gefertigt und weltweit vermarktet werden, liesse sich locker ein Einfamilienhaus kaufen. Das Besucherinteresse ist gross, das Engagement der Mitarbeitenden auch: Man nimmt sich Zeit; für jeden einzelnen. Derweil rennt die Zeit. Es ist längst dunkel geworden. Auf der Magdenauerstrasse experimentieren drei Jugendliche mit ihren Kickboards. Keine Lust auf die «Future Night»? «Nein», sagt der scheinbar Älteste, «was ist das überhaupt?» Die andern grinsen.

22.15 Uhr. Bei SFS intec ist Geschäftsführer Fredi Tobler zu dieser Stunde auf sich allein gestellt, bietet dafür eine exklusive Führung. In Flawil, sagt er, würden vor allem Teile für die Autoindustrie produziert. Er weist auf ein Metallstück zur Airbag-Befestigung, zeigt kleine, kreisrunde Motorenbestandteile.

Vielleicht reicht die Zeit noch für einen Kurzbesuch bei Galledia. Im Gebäude brennt Licht und durch die Fenster sind Personen erkennbar. Doch die Tür ist verschlossen. Nebenan, im Dunkeln, wartet der letzte Bus.

Unterstützung vom Chef: Andreas Scherrer, Eigentümer der Büchler Reinli & Spitzli AG, hilft beim Ausfüllen des «Brügeli»-Wettbewerbs. (Bild: :)

Unterstützung vom Chef: Andreas Scherrer, Eigentümer der Büchler Reinli & Spitzli AG, hilft beim Ausfüllen des «Brügeli»-Wettbewerbs. (Bild: :)