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Die Mühle von Rickenbach wird abgebrochen: Ein Zeitzeuge erzählt von Mäusen, Gipfeli und Festen in luftiger Höhe

Der markante, 52 Meter hohe Silo der Eberle Mühlen in Rickenbach wird bis Ende Jahr abgebrochen. An seiner Stelle entsteht ein ebenso hohes Wohngebäude. Der ehemalige technische Leiter der Mühle beobachtet die Veränderungen gespannt.
Sandro Büchler
Schaulustige verfolgen, wie der in den Jahren 1962 bis 1965 gebaute 52 Meter hohe Weizensilo in Rickenbach abgebrochen wird. (Bild: Sandro Büchler)

Schaulustige verfolgen, wie der in den Jahren 1962 bis 1965 gebaute 52 Meter hohe Weizensilo in Rickenbach abgebrochen wird. (Bild: Sandro Büchler)

Nachdem sich der Nebel an diesem Oktobertag aufgelöst hat, schwingt sich Elmar Wirz auf sein E-Bike und fährt von Gossau nach Rickenbach. An den Ort, an dem er nahezu ein halbes Jahrhundert gearbeitet hat.

Schon früh kommt Elmar Wirz mit den Eberle Mühlen in Rickenbach in Kontakt. Dort montiert er 1964 die erste Mühle nach seiner Lehre als Mühlenbauer. «Eine Mühle für Hartweizen, Grundlage für die Produktion von Teigwaren, und eine Weichweizenmühle, für Brot», erklärt der 74-Jährige zu Hause in Gossau. Die Montage nahm ein ganzes Jahr in Anspruch. Er baut weitere Mühlen, reist in Europa und Afrika herum. «Mein Handwerk bot mir die Chance, im Ausland zu arbeiten. Das hat mich gereizt.»

«Mein Handwerk bot mir die Chance, im Ausland zu arbeiten. Das hat mich gereizt.»

Doch bereits Anfangs 1970 zieht es ihn zurück nach Rickenbach. Er wird technischer Leiter der Eberle Mühlen. 44 Jahre – bis zu seiner Pensionierung – bleibt er dem Betrieb treu.

Elmar Wirz zeigt zu Hause in Gossau Fotos, die ihn und das Müllerhandwerk zeigen. (Bild: Sandro Büchler)
Er hat ein ganzes Album von seiner Arbeit als technischer Leiter der Eberle Mühlen hat Wirz angelegt. (Bild: Sandro Büchler)
Darin zu finden: Bilder von Maschinen, freudige Momente, ein abwechslungsreiches Leben in der Mühle Rickenbach. (Bild: Sandro Büchler)
Elmar Wirz wartete Anlagen wie diese. Bild aus dem Innern der Eberle Mühle. (Bild: zVg)
Bis Ende des Jahres soll der ganze Silo dem Erdboden gleich gemacht sein. (Bild: Sandro Büchler)
Arbeiter warten die Beisszange des Baggers. (Bild: Sandro Büchler)
Danach macht sich der Bagger wieder ans Werk. Stück für Stück wird das Silogebäude abgetragen. (Bild: Sandro Büchler)
Permanent wird Wasser auf das Abbruchmaterial gespritzt, damit es nicht zu staubig wird. (Bild: Sandro Büchler)
Schaulustige verfolgen die Arbeiten. (Bild: Sandro Büchler)
Ein Bild aus früheren Zeiten. (Bild: zVg)
Die Eberle Mühle im Oktober 1931. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Bild aus den 1930er-Jahren: Stolz präsentieren Arbeiter der Eberle Mühle ihren Lastwagen samt der Ladung voll Mehlsäcken. (Bild: zVg)
Geblieben sind die markanten, in der ganzen Ostschweiz bekannten Lastwagen. Ein Bild aus den 90er-Jahren. (Bild: zVg)
Rickenbach im Jahr 1967. Rechts wurde die Brücke fertiggestellt, aber die Strasse führt noch ins Nichts. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)
Rickenbach von oben, undatiert (Bild: zVg)
Der Mühleweiher von Süden fotografiert. Der Hang ist heute überwachsen. (Bild: zVg)
Noch steht der Silo und spiegelt sich im Wasser des Bachs zum Mühleweiher. (Bild: Sandro Büchler)
17 Bilder

Die letzten Tage der Mühle Rickenbach

Jetzt räumt ein Bagger seine Wirkungsstätte Stück für Stück komplett ab. Das Ungetüm zermalmt langsam die Grundmauern der Silos, Ende des Jahres wird das markante Gebäude dem Erdboden gleich sein.

Die Sekretärin schnitt den Mäusen den Schwanz ab

Elmar Wirz blickt den angeknabberten Silo empor. Er steht sinnbildlich für die Veränderungen der Zeit und die weitreichende Geschichte der Mühle. Erstmals wird die Mühle 1288 urkundlich erwähnt. Damals verpachtete sie der Abt von St.Gallen an Conrad Kaufmann von Wil mit der Verpflichtung, er habe in der Kirche von Rickenbach unentgeltlich Messmerdienst zu leisten. 1902 kaufte Johann Josef Eberle die Mühle, die damals noch ein Kleinbetrieb mit Mahlsteinen, Wasserkraft, Dampfmaschine und dazu gehörender Landwirtschaft war.

Unter seiner Führung, so beschreibt es eine Firmenchronik, entwickelt sich die Mühle Rickenbach zu einem florierenden Betrieb, unterstützt von seiner tüchtigen Frau und später von seinen zwei Söhnen Emil und Hans. In den 1930er- und 1940er-Jahren entstanden der erste Getreide-Hochsilo sowie ein Mehlsilo. Der weit herum sichtbare 52 Meter hohe Weizensilo wurde in den Jahren 1962 bis 1965 gebaut. Gleichzeitig übernahmen Hansjürg und Armin die operative Leitung von Vater Hans Eberle.

Elmar Wirz erinnert sich an seine ersten Jahre in Rickenbach. Die Mitarbeiter hätten ständig Jagd auf Ratten und Mäuse gemacht. Wer ein Nagetier tötete, konnte am Fenster der Sekretärin klopfen und bekam 50 Rappen pro Maus. Diese schnitt sodann der toten Maus mit einer Schere den Schwanz ab, so dass niemand zweimal kassieren konnte. «Rund zwei Dutzend Mäuse brachte ich ihr ins Büro», schätzt er.

Es bricht aber auch das Computer-Zeitalter an. Wirz erinnert sich, wie Hansjürg Eberle sagte: «Wenn man auf den Mond fliegen kann, müsste es auch möglich sein, die Mühle ohne Nachtschicht zu betreiben.» Im Jahr 1973 wurde so die erste Computersteuerung in Betrieb genommen. Damals ein Unikum, war die Anlage 15 Jahre später bereits ein «Oldtimer», wie Wirz liebevoll sagt. «Als die Steuerung ersetzt werden musste, lachten sich die Techniker von Bühler krumm ab der Programmierung mittels Lochkarten.»

Ein Patron und Freund

Die 90er-Jahre sind geprägt von Veränderung. Die Mühlenbranche durchläuft einen Strukturwandel. Wirz fasst die Entwicklung zusammen:

«Zwar wolle jeder Mensch weiterhin mit einem Gipfeli oder einem Stück Brot in den Tag starten, doch die Marktverhältnisse haben sich verändert.»

Für die verhältnismässig kleine Mühle wurde das Umfeld schwieriger. Auch Hansjürg Eberle erkannte die Zeichen der Zeit, und fasst den Entschluss, die langjährige und erfolgreiche Müllertradition zu beenden. Im Juni 2003 verlässt der letzte Mehlsack die Eberle Mühlen. Wirz trifft das, im Nachhinein sei es aber klar der richtige Entscheid gewesen.

Für Elmar Wirz sei die Mühle auch nicht einfach eine Arbeitsstelle gewesen, es sei ein Familie. Er spricht in der Mehrzahl, von «Wir», von Treue und von Hansjürg Eberle: «Er ist ein guter Freund für mich, kein Chef.» Ein Patron nach altem Schrot und Korn, sagt Wirz über Eberle und bemerkt in diesem Moment die Analogie in seinen Worten. «Er hat immer gut für uns gesorgt – auch nach der Stilllegung des Betriebs.»

Eberle Mühlen in Rickenbach - damals und heute

Klar stimme ihn der Abbruch nun wehmütig, zugleich freut er sich, dass an gleicher Stelle ab dem nächsten Jahr ein «Bijou» von einem Wohnprojekt entsteht. «Traumhafte Lage, gewaltige Aussicht auf Säntis, Churfirsten und die Wiler Altstadt, dazu Schule, öffentlicher Verkehr und Einkaufsmöglichkeiten in Gehdistanz», preist Elmar Wirz das Projekt in den höchsten Tönen an. Vermissen werde er aber das oberste Stockwerk, die Silostube, wo sie zusammen in 52 Metern Höhe zahlreiche Feste und Jahreswechsel gefeiert haben. Doch auch beim Neubau entsteht zuoberst eine Silostube, die teils öffentlich sein soll.

Weiterhin wird er an den Mühleweiher kommen. Das sei jetzt ein privates Naherholungsgebiet direkt vor der Haustüre, so Wirz. «Hier waren wir früher oft fischen.» Er habe den Weiher quasi als sein Kind angesehen. Inzwischen halten ihn aber seine vier Enkelkinder auf Trab.

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