Die Medizin am Wegrand: Auf Degersheims Heilkräuterpfad die Natur erleben

Traditionelle Naturheilkunde zum Anfassen und Erleben – dies ermöglicht der Degersheimher Heilkräuterpfad. Am 2. September wird er eingeweiht.

Andrea Häusler
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Südlich der Gartenwirtschaft des Hotels Wolfensberg wurde eine dicht bepflanzte Kräuterspirale angelegt. (Bilder: Andrea Häusler)

Südlich der Gartenwirtschaft des Hotels Wolfensberg wurde eine dicht bepflanzte Kräuterspirale angelegt. (Bilder: Andrea Häusler)

Ein Anis-Fenchel-Kümmel-Tee gegen Durchfall, eine Salbeitinktur zum Gurgeln bei Halsschmerzen, Johanniskrautextrakt gegen depressive Verstimmungen oder Ringelblumensalbe zur Unterstützung der Wundheilung: In der Natur ist gegen fast jedes Leiden ein Kraut gewachsen. Das wussten bereits unsere Ahnen und Urahnen. In den vergangenen Jahrzehnten ist jedoch reichlich Wissen über das Potenzial der Natur aus dem kollektiven Bewusstsein vieler Menschen verschwunden. Dies möchten die Initianten des Degersheimer Heilkräuterpfads ändern. Hierfür haben der Degersheimer Drogist Thomas Schneider und Gartenbauer Bruno Vanzo ein Konzept entwickelt, das in den vergangenen Wochen umgesetzt worden ist.

Zwischen Kirchenareal und Wolfensberg?

Der Pfad führt vom Dorfzentrum zum Föhrenwäldli, dann zum Wolfensberg und kehrt via katholische Kirche zum Ausgangspunkt zurück. Auf dem Rasen vor der Gartenwirtschaft des Hotels Wolfensberg wurde eine derzeit reichlich blühende «Kräuterspirale» zum Thema «Heilpflanzen in der Küche» aufgebaut. Und auf der Nordseite der katholischen Kirche schliesst ein üppig spriessendes Kräuterbeet an die bestehenden Priestergräber an. Thomas Schneider sagt: «Viele Klöster betrieben eigene Heilpflanzengärten und dokumentierten die Heilwirkungen der angewandten Pflanzen.» Einige dieser kirchlichen Kräuterheiler aus den vergangenen Jahrhunderten seien bis heute ein Begriff: Hildegard von Bingen etwa, der Kräuterpfarrer Künzle oder Abt Gregor Johann Mendel.

Projekt «Föhrenwäldli» noch nicht abgeschlossen

Während die Standorte Kirche und Wolfensberg fertig angelegt sind, befindet sich der Kräutergarten «Föhrenwäldli» noch «in Produktion», wie Schneider sich ausdrückt. Hier soll in den nächsten Tagen, in einer ausgeholzten Nische am Waldesrand, ein weiteres Küchen- und Heilpflanzenbeet gestaltet werden. Ausserdem ist vorgesehen, bestehende Sträucher und Bäume zu bezeichnen und deren heilende Wirkung zu umschreiben.

Mit unübersehbaren Hinweistafeln wird an allen drei Standorten auf mehr als zwei Dutzend Pflanzen hingewiesen. Mit den Beschilderungen werden diese Heilkräuter, von denen einige giftig sind oder giftige Bestandteile haben, in die Wahrnehmung der Vorbeispazierenden geholt. «Auf den Wiesen, entlang der Wege oder in den Wäldern sind überall Kräuter mit Heilwirkungen zu finden», sagt Thomas Schneider. Aber man müsse sie eben erkennen.

Kräuterspaziergänge und ähnliche Ideen

Am 2. September wird der Heilkräuterpfad offiziell eröffnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Projekt abgeschlossen ist, sagt Schneider. In einer zweiten Etappe könnte er sich vorstellen, auch Pflanzen entlang des Rundwegs zu beschriften und damit informative Bindeglieder zwischen den drei heutigen Standorten zu schaffen. Zunächst gelte es jedoch zu eruieren, wie gross das Interesse der Bevölkerung ist. Und wie sich die Pflanzen entwickeln. Denn nicht jedes Kraut werde sich am gewählten Standort gleichermassen wohl fühlen, sich entwickeln und Bestand haben, weiss Thomas Schneider überzeugt, dass Anpassungen nötig sein werden.

«Es gibt viele Ideen, mit denen dem Pfad in den nächsten Jahren ein Rahmen und eine Bedeutung gegeben werden können», sagt Thomas Schneider. So könnte er sich auch geführte Kräuterspaziergänge oder Vorträge über die Wirkung heimischer Heilpflanzen in freier Natur vorstellen. Oder Kurse zur Verarbeitung von Pflanzen oder Pflanzenbestandteilen zu Salben oder Tinkturen.

Pflücken für einmal nicht erlaubt

Obwohl der Heilkräuterpfad Teil des St.Galler Kantonalbank-Wettbewerbsprojekts «Degersheim zum Anbeissen» ist, welches kostenloses ernten in bezeichneten Beeten erlaubt, soll an den Kräutern nicht geknabbert werden. Denn möglichst viele Interessiere sollen – egal zu welcher Jahreszeit – ein umfassendes Bild der Pflanzen gewinnen können. Und dicht blühende Beete eignen sich nun einmal besser dazu, die Passanten zur Suche nach geniessbaren und heilsamen Pflanzen in freier Natur zu inspirieren, als zerzauste Rabatten mit kümmerlichem Bewuchs.

Die Einweihung des Heilkräuterpfads findet am Montag, 2. September, 11 Uhr, beim Kräutergarten auf der Nordseite der katholischen Kirche statt.

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