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Die letzten Individualisten

In welchem Beruf gibt es noch so viele Exoten und Originale wie bei den Zug-Kontrolleuren? Die Herren tragen noch Frisuren aus den 80er-Jahren, exotische Ohrringe oder haben ausladende Bäuche.
Chris Gilb
Bild: Chris Gilb

Bild: Chris Gilb

In welchem Beruf gibt es noch so viele Exoten und Originale wie bei den Zug-Kontrolleuren? Die Herren tragen noch Frisuren aus den 80er-Jahren, exotische Ohrringe oder haben ausladende Bäuche. Diese sind in unserer fitnessorientierten Zeit sonst in fast keinem Beruf mit Kundenkontakt mehr geduldet. Der Kontrolleur ist etwas Besonderes, so etwas wie der letzte Individualist, der einem im Alltag begegnet.

Manchmal ist er grimmig, manchmal überfreundlich, manchmal macht er politisch unkorrekte Witze, aber er nervt nie mit einem künstlich aufgesetzten Lächeln. Doch die fetten Jahre dieser Art von Kontrolleuren sind vorbei. Spätestens, seit sie ihre Smartphones zücken, statt dem Passagier einen flotten Spruch zuzuwerfen. Das macht gerade den älteren Kontrolleuren gar keine Freude. Es scheint, als gäbe es bald nur noch den Typ grimmiger Kontrolleur. Vor allem, wenn er sieht, dass ein Passagier dieses neue Abo zückt, welches an sein Handy gehalten werden muss. Vielfach tippt der Kontrolleur dann erst mal eine halbe Ewigkeit auf seinem Smartphone herum, bis seine wurstigen Fingen von diesem überhaupt erkannt werden.

Aber wer wäre an seiner Stelle nicht frustriert? Früher hatten Kontrolleure noch Augenkontakt, und den Mittelgang des Zuges nutzten sie als Laufsteg. Die Kontrolleure konnten sich an schönen Menschen oder schrägen Figuren erfreuen oder sich über diese amüsieren. Heute klären Kontrolleure nur noch über diesen Apparat, ob der Code stimmt. Auch auf dem Weg zwischen zwei Abteilen halten sie ihr Handy vor Augen. Wahrscheinlich, um Nachrichten von der Konzernleitung zu lesen oder um aus der Not eine Tugend zu machen und Snake zu spielen. Es muss sich anfühlen wie bei einer Kassiererin: Von Strichcode zu Strichcode.

In Rumänien übrigens sind die Kontrolleure noch von altem Schlag. Im Zug von der Hafenstadt Constanta am Schwarzen Meer in die Landeshauptstadt Bukarest sucht ein Tourist, um seine Nikotinsucht zu stillen, die Toilette auf. Doch der Kontrolleur, ein kleiner, dicker Mann, hat die Lunte gerochen. Nach mehrmaligem Klopfen öffnet der Tourist, um dem Uniformierten eine Zigarette auszuhändigen. Diese raucht der Kontrolleur schamlos zwischen den Abteilen.

christopher.gilb@wilerzeitung.ch

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