Die Letzten der Region - Milchmann Hug hat aufgehört

Anton und Brigitte Scherrer gehören nun zu den Letzten, die das alte Gewerbe noch betreiben.

Vera Minder
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Anton und Brigitte Scherrer bringen frische Produkte in ihrem «Milchboy» bis direkt vor die Haustüre.

Anton und Brigitte Scherrer bringen frische Produkte in ihrem «Milchboy» bis direkt vor die Haustüre.

Bild: Vera Minder

Von Milch, Joghurt, Rahm, Butter bis hin zu Eiern und Brot: Milchmänner liefern die frischen Produkte direkt vor die Haustür. Doch das Gewerbe verschwindet. Vor einem halben Jahr hörte auch Ernst Hug aus Maugwil damit auf. Anton und Brigitte Scherrer übernahmen seine Tour und sind nun die letzten Milchhändler der Region.

Ihr Einzugsgebiet habe sich nur minimal vergrössert, aber es ist kompakter geworden, erklärt Anton Scherrer. «Die Touren von Hug und mir haben sich teilweise gekreuzt. Jetzt haben wir seine Kunden in unsere Tour integriert.» So sind Lücken geschlossen worden. Fahrzeuge haben sie keine übernommen und ihr Lager hat sich ebenfalls nicht verändert.

«Übernommen haben wir nur einen kleiner Teil. Aber zusammen ergibt es ein besseres Ganzes.»

Einige von Hugs Kunden sind zwar abgesprungen, als sie von seinem Ausstieg gehört haben. Aber Kunden, die Jahre zuvor umgezogen sind, seien dafür plötzlich wieder dabei. Oder auch Kinder von Kunden haben sie so wieder getroffen, erzählen die beiden. Trotzdem haben sie sich vorgenommen, auf der Tour vermehrt Hausbewohner anzusprechen und so neue Kunden zu akquirieren.

Dem Fluss der Zeit unterworfen

«Früher hatte es zehn bis fünfzehn Milchmänner in der Region», erinnert sich Anton Scherrer. Sie belieferten nur die Quartiere, die ihnen von der Stadt zugeteilt worden waren. Ob wegen Karrierewechsel oder aus Gesundheitsgründen, die Milchhändler wurden nach und nach weniger und die zugeteilten Areale erweiterten sich. Im Weg waren sie sich jedoch nie. So koexistierten auch Hug und Anton Scherrer, ohne einander in die Quere zu kommen. Sie hatten immer guten Kontakt, erzählt Scherrer. Nun sind Scherrers die Letzten. «Es ist ganz natürlich so gekommen», erklärt er. Das sei der Lauf der Zeit.

Wie lange Anton und Brigitte Scherrer dem anstrengenden Beruf noch nachgehen werden, hänge von ihrer Gesundheit und der Lust an der Arbeit ab. Natürlich seien sie der Zeitveränderung unterworfen und man könne nie wissen, was morgen geschieht. Eine Herausforderung könne beispielsweise die aktuelle Nachhaltigkeitswelle werden. «Ökologie beisst sich mit Hygienevorschriften», erklären die beiden. Trotzdem werden von Unwissenden oft fordernde Stimmen laut. Dabei sind sie umweltthematisch gar nicht so schlecht unterwegs. Beispielsweise haben sie eine Kanne mit Rohmilch von einem lokalen Bauernhof immer mit dabei. Die neu aufgekommenen «Milchtankstellen» sind also gar nicht so modern, Milchmänner verfolgen dieses Konzept schon seit langem. Nur, dass sie die Milch sogar bis vor die Haustüre bringen.

Herausforderungen und Nachfolger

Was nach ihnen passieren wird, wissen die beiden noch nicht. Ein paar Jahre zuvor habe ihr Sohn gefragt, ob er das Geschäft übernehmen solle, aber damals hätten sie noch Nein gesagt. Eines Tages, wenn sie mit der Arbeit aufhören möchten, würden sie den Betrieb aber dann gern weitergeben. Ob ihre junge Vollzeitangestellte weitermacht oder sich sonst jemand finden lässt, steht noch in den Sternen.

Bis zur Pensionierung werden sie das Geschäft jedoch sicher noch weiterführen. «Wir leben im Jetzt», finden Scherrers. Besonders der positive Kontakt zu Kunden unter freiem Himmel anstatt einem klimatisierten Büroraum gefällt ihnen. Schmunzelnd erzählen sie von den wilden Geschichten der Kunden, die sie mitbekommen. Die Arbeit ist auch Passion. «Wir hängen sehr daran», bestätigt Brigitte Scherrer.