Die Kunsthalle, in Rot-Weiss gehüllt

WIL. Die Fassade der Kunsthalle an der Grabenstrasse in Wil ist mit einem Sichtschutz versehen. Wird der Bau heimlich umgebaut? Die Kunsthalle ist eine Baustelle – aber durch eine künstlerische Intervention.

Philipp Haag
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Die beiden Künstler Martin Cleis und Hans Thomann vor der eingekleideten Kunsthalle. (Bild: Philipp Haag)

Die beiden Künstler Martin Cleis und Hans Thomann vor der eingekleideten Kunsthalle. (Bild: Philipp Haag)

WIL. Umhüllt in sanftes Rot-Weiss präsentiert sich gegenwärtig die Kunsthalle Wil. Ein Sichtschutz umgibt die Fassade des Baus. Ein ungewöhnlicher Anblick. Die weichen Farben, weisen sie darauf hin, dass hinter der Plane hart zu Werke gegangen wird? Ist die Umhüllung mit dem Signalisationsnetz ein Hinweis darauf, dass die Kunsthalle klammheimlich umgebaut wird und nichts nach aussen dringen soll? Die Kunsthalle ist eine Baustelle. Doch die Baustelle zeigt sich nicht als Stelle, an der ein Bau entsteht, sondern als Stelle, an der ein Bau in ein Kunstwerk transformiert wird.

Die beiden Künstler Martin Cleis und Hans Thomann wandeln die Kunsthalle in eine Baustelle um. Äusseres Zeichen: Die Verkleidung. Schöner Nebeneffekt: Die Umhüllung verbirgt das braune Holzgitter, das dem schönen Bau nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. Eine kleine Provokation in zarten Farben, die irritiert und neugierig macht.

Eingestürztes Gerüst

Irritierendes ist auch im Innern der Kunsthalle zu sehen. Ein Baugerüst, eigentlich Symbol für Standfestigkeit, in sich zusammengefallen. Mittendrin liegt eine angekohlte Schaufensterpuppe. Die turmartige Installation reicht bis in die Galerie empor. Auf der Galerie: Fein säuberlich aufgereihte Gerüstteile mit einem Gewicht von 1,2 Tonnen. Die beiden Künstler verlegen Elemente, die üblicherweise im Freien an Hauswänden zu sehen sind, in den Innenraum. An einen Ort, an dem sie eigentlich nichts zu suchen haben. Sie berauben das Baugerüst seiner «natürlichen» Umgebung, zwängen es unter ein Dach. Seinem Zweck, für Stabilität zu sorgen, ziehen sie den Boden unter den Füssen weg, indem sie es eingestürzt präsentieren. Durch die zusätzlich auf der Empore parallel aneinander gereihten Gerüstteile spielen Martin Cleis und Hans Thomann mit den Themen Chaos und Ordnung. Gegensätze, die sich aber auch gegenseitig inspirieren können: Aus Chaos entsteht Ordnung und umgekehrt.

Das Scheitern

Die konfektionierten, zu einer chaotischen Skulptur zusammengefügten Baustellengerüst-bestandteile vermitteln im besonderen eine Botschaft: Das Scheitern. «Scheitern gehört zur Gesellschaft und ihrer Entwicklung», sagt Hans Thomann. «Wichtig ist, wie damit umgegangen wird.» Denn Scheitern, so schmerzhaft es im Moment ist, kann positive Seiten haben. Es kann zu Neuem inspirieren, einen Prozess auslösen.

Eine Arbeitsgemeinschaft

Der Prozess der Entstehung ist für die beiden Künstler ein wichtiger Bestandteil des Werks. Ähnlich den Handwerkern auf einer Baustelle arbeiten sie vorübergehend in einem intensiven Austausch zusammen, reiben sich, reflektieren sich, ergänzen sich, um schliesslich etwas temporär Neues zu schaffen: [ : die baustelle] 150905.

Die Vernissage, oder das Richtfest, wie Martin Cleis und Hans Thomann es nennen, findet am Samstag, 5. September, um 18 Uhr statt. Ein Richtfest ist aber kein Richtfest ohne Bäumchen. Darum setzen die beiden Künstler ein Tännchen auf das Dach der Kunsthalle – eine irritierende Vorstellung.