Die Krux mit den Elektroautos: Warum sie den Durchbruch noch nicht geschafft haben

Einer der Gründe dafür, dass Elektroautos noch nicht wirklich Fuss fassen konnten in der Schweiz, ist das lückenhafte Netz an Elektrotankstellen. Flawil hat seine Hausaufgaben gemacht: Es gibt zwei öffentliche Ladestationen.

Tobias Söldi
Drucken
Die Elektrotankstelle auf dem Marktplatz von Flawil. (Bild: Tobias Söldi)

Die Elektrotankstelle auf dem Marktplatz von Flawil. (Bild: Tobias Söldi)

E-Mobilität hat einen schweren Stand in der Schweiz. «In anderen Ländern wird Elektromobilität viel stärker gefördert», sagt Michael Turi, stellvertretender Vorsitzender der Leitung der Raiffeisenbank Flawil-Degersheim-Mogelsberg-Oberuzwil.

Das war einer der Gründe, warum die Bank 2015 eine Elektrotankstelle auf dem Marktplatz von Flawil gesponsort hat; Betreiber sind die Technischen Betriebe. «Die Raiffeisenbank wollte einen Beitrag zur Förderung nachhaltiger Energie leisten», sagt Turi. Im September 2016 wurde sie in Betrieb genommen. 2017 haben die Technischen Betriebe eine weitere Tankstelle auf dem Parkplatz des Lindensaals umgesetzt.

Die Schweiz hinkt hinterher

In der Tat sind in der Schweiz nicht viele Elektroautos auf den Strassen unterwegs. Die Fachorganisation Electrosuisse gibt für 2017 an, dass 13067 Elektrofahrzeuge zugelassen sind. Gemessen an der Gesamtzahl der Personenwagen auf den Strassen ist dieser Anteil äusserst klein: Er liegt bei gerade mal 0,3 Prozent. In Norwegen wurden 2017 62300 Elektrofahrzeuge neu zugelassen. E-Fahrzeuge hatten bei den Neuzulassungen einen Anteil von 39,3 Prozent.

Noch nicht wirklich Fuss gefasst

Ernst Jakob Hess ist Geschäftsführer der Botsberg-Garage Hess in Flawil, die seit einem Jahr den rein elektrischen Ampera-E verkauft. Er schätzt, dass er bis jetzt etwa 20 bis 30 Stück abgesetzt hat. «Es ist ein überschaubarer Anteil. Aber ich bin überzeugt, dass er zunehmen wird», sagt Hess. Auch die Garage Langacker in Flawil hat Elektroautos im Angebot, aktuell den vier Jahre alten Kia Soul. «Bei der Einführung war die Nachfrage gross, danach ist sie abgeflacht», sagt Geschäftsführer Andy von Rotz dazu. Im Frühling lanciert er das neue Modell, den Kia Nero EV.

Die beiden Garagisten stimmen mit Michael Turi überein, dass Elektroautos hierzulande noch nicht wirklich Fuss gefasst haben. Ein Grund dafür sei das wenig ausgebaute Netz an Ladestationen. Hier ist nicht nur die Dichte des Netzes zu berücksichtigen, sondern auch die Zeit, die zum Laden benötigt wird sowie allfällige Wartezeiten an den Stationen. Von Rotz sagt: «Die Kommunikation zwischen den Ladestationen und den Elektroautos muss verbessert werden. Die Besitzer von Elektroautos müssen wissen, wo und wann eine Ladestation frei ist.» Diese Koordination könnte er sich über ein App vorstellen.

Wie gross die Nachfrage an den beiden Elektrotankstellen in Flawil genau ist, kann Urs Haaf, Geschäftsführer der Technischen Betriebe, nicht sagen. «Wir verrechnen keine Strombezüge, darum haben wir keine genauen Zahlen. Die Energiemenge ist aber relativ klein.» Er schätzt, dass ein bis zwei Autos pro Tag an den Elektrotankstellen tanken. Haas merkt an, dass die meisten Autos zu Hause über Nacht geladen werden würden. Längerfristig werden die Elektrotankstellen kostenpflichtig. «Wenn das Bedürfnis wächst, werden wir auch die Zahl an Elektrotankstellen erhöhen», sagt Haas.

Der Markt wird sich verändern

Begrenzte Reichweite und zu wenige Ladestation schränken ein. Dies weniger bei kürzeren Strecken und alltäglichen Erledigungen, sondern vielmehr bei längeren Fahrten. «Ferien mit Elektroautos müssen gut geplant werden», sagt Andy von Rotz.
Am Ende des Tages entscheidet aber oft der Preis über einen Kauf oder Nichtkauf. Für den Ampera-E in der Botsberg-Garage muss der Kunde 52700 Franken berappen. Der Kia Nero EV wird gemäss von Rotz etwa 50000 Franken kosten.

Dass Veränderungen auf dem Markt geschehen, da sind sich von Rotz und Hess einig. «Opel will 2024 jedes Fahrzeug in einer elektrifizierten Version anbieten. Das ist ein rascher Fahrplan», sagt Hess. In fünf Jahren, davon ist er überzeugt, werden die Zahlen ganz anders aussehen – vorausgesetzt, die Entwicklung der Infrastruktur hält Schritt. «Wir sind auf jeden Fall bereit, wenn es losgeht», sagt Hess. Drei seiner Mitarbeiter haben ein Zertifikat als Hochvoltmechaniker.
Andy von Rotz ist zurückhaltender. Er schätzt, dass vor allem Plug-in-Hybride an Marktanteil gewinnen werden, also Autos, die elektrische und fossile Antriebe kombinieren. «Ich schätze, dass in 10 bis 15 Jahren ein Viertel der Autos rein elektrisch sind und der Rest sich auf mit Wasserstoff betriebene Autos und Plug-in-Hybride aufteilt.»