Dani Ziegler im Chällertheater in Wil: Die kleine Tomatennachtmusik

Dani Ziegler probierte sein neues Programm «Bassta» im Chällertheater aus.

Michael Hug
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«Zwölf Zutaten braucht ein gutes Gericht!» Daniel Ziegler kocht einen Sugo für seine «Bassta».

«Zwölf Zutaten braucht ein gutes Gericht!» Daniel Ziegler kocht einen Sugo für seine «Bassta».

Bild: Michael Hug

Sind Bühnenkünstler unsicher über ihr Tun? Offenbar, denn landauf und landab hat die Unsitte zugenommen, vor der Premiere eine Vorpremiere zu geben, ein sogenanntes «Try-out», eine Probiervorstellung. Eine Hauptprobe mit Publikum, mit zahlendem natürlich. Und beiden, den Veranstaltern sowie den Künstlern, ist damit gedient. Nur – ist auch dem Publikum gedient?

Es bekommt zwar in den Genuss einer exklusiven Weltpremiere, es kann das Theater verlassen und behaupten: «Ich habe das neue Programm bereits gesehen – toll war’s!» Oder eben nicht so toll, auch das kommt vor, dann geht der Künstler oder die Künstlerin hin und überarbeitet sein Werk noch einmal mehr oder weniger tiefgreifend. Damit hat dann aber das «Try-out»-Publikum nicht das Original gesehen, sondern eine unfertige Darbietung.

Ehre und Chance

Offenbar ist solches Tun dem Publikum egal, vorab dem Wiler Publikum. Es kam am Donnerstagabend im Chällertheater in den Genuss einer unfertigen Weltpremiere, dem neuen Programm, dem zweiten, des Komikerbassisten Daniel Ziegler aus Herisau. Und das noch vor der Premiere in der Hauptstadt. Eine Ehre und eine Chance, dafür bezahlt man offensichtlich auch gerne Eintritt. Zieglers neues «Bassta», die «Kleine Tomatennachtmusik» wie er es nannte, ist gelungen. Nicht an allen Ecken und Enden perfekt, aber doch ok, weniger Anspruchsvolle würden sagen: «Top!», «Mega!», «Hammer!» oder «Vollgeil!». Geneigtere Zuschauende aber rümpften doch da und dort noch etwas die Stirn.

Ziegler begann mit verschwurbelter Koketterie über den Umstand, dass er jetzt doch einigermassen bekannt sein sollte im Land, ja berühmt eigentlich. Er ist berühmt, er müsste das nicht erklären, aber er tut es doch: «Ich bin Töfflifahrer und Musiker, geboren in Luzern, aufgewachsen in Herisau, der Dialekt zum Vergessen, aber so ist es nun mal.»

Hobbys hat Ziegler keine, Ideen aber schon. Viele hat er in sein Programm eingebaut. Viel Nonsens, viele Erkenntnisse aus dem täglichen Leben, und dann greift er zum Bass. Endlich, denkt sich das Publikum, der schwatzt und schwurbelt da vorne: Der «söll emol cho», soll endlich was zeigen. Und Ziegler? Er würde ja, es geht aber nicht. Die Technik streikt, das «Emanuelle» muss her, falsch, das «Manual».

Alles anders machen als die anderen – wohl die Devise des ehemaligen Sidekick Simon Enzlers, der notabene exakt fünf Tage vor ihm im Chällertheater war. «Beide oder keinen», verlangte Programmchefin Christa Elser vom Management, das beide Künstler unter Vertrag hat, sie bekam beide.

«Ich glaube, noch niemand hier drin hat einen Bassisten gesehen, der während der Vorstellung live kocht», sagt Ziegler und grinst. Nach eine Viertelstunde mehr oder weniger komischem Geschwafel und Bass-Sequenzer-Intermezzi kommt Ziegler dann doch endlich zur Sache: Er kocht sich einen Sugo und spielt dazu Tenorbass, sein Liebling. «Zwölf Zutaten braucht es für ein gutes Gericht», sagt der Kochbassist und schmeisst Büchsentomaten, Zwiebeln, Püree und Basilikum in die Pfanne, ausserdem Merlot, von dem vor lauter Probieren nicht viel übrig bleibt, aber es ist ja noch eine zweite Flasche da.

Kontextwechsel in Sekundenbruchteilen

«Kochen hat durchaus etwas mit Musik zu tun», sagt der Komiker, «zwölf Töne hat die Musik, mal abgesehen von indischer Musik. Zwölf Zutaten also.» Dann lässt er seinen Sugo vom Publikum umrühren, zupft eine kleine Melodie auf seinem Bass und übt mit dem Publikum einen selbstkomponierten, italienischen Schlager. «Wir singen zusammen Nummer 123, die Strophen eins bis drei.» Der Pfarrer, der Musiker, der Koch, der Philosoph: In Bruchteilen von Sekunden wechselt Ziegler den Kontext, trägt sein Publikum von der Küche in die Kirche, zurück ins Leben, lässt es träumen, weckt es wieder und es muss mitsingen. Das alles klappt ganz gut und kommt gut an.

Das Publikum lacht über den unbeholfen Wirkenden, der doch alles im Griff hat, mitunter doch recht komisch, aber doch überlegt seine Spässe macht. Alles läuft gut, keine Hänger, keine Fehler, doch fehlt dem Programm etwas die Dramaturgie, die Regie. Zwar wird der Sugo zum Schluss auch fertig und scheint gelungen. Doch dann reisst Daniel Ziegler, statt sich des Lobes und des Applaus auf dem Höhepunkt zu freuen, die Stimmung herunter und verteilt Umfragezettel, worauf das Publikum sich äussern kann, ob das denn nun ein gutes Programm geworden sei oder eher nicht. Das hat bestimmt noch kein Künstler gemacht – Ziegler würde es besser auch nicht tun. Lustig ist es nämlich nicht, sondern überflüssig.