Die Katzen von Kapsali im «Grotto Glatto»

FLAWIL. Nach der Unterführung wird gern aufs Gas gedrückt. Doch dieser Zeit nicht. Nicht weil weiter vorne seit kurzem ein grauer Kasten mit scharfen Radaraugen steht, sondern weil's rechts reingeht, rein in die Glatthalde.

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FLAWIL. Nach der Unterführung wird gern aufs Gas gedrückt. Doch dieser Zeit nicht. Nicht weil weiter vorne seit kurzem ein grauer Kasten mit scharfen Radaraugen steht, sondern weil's rechts reingeht, rein in die Glatthalde. Das östlichste Quartier im Dorf, wo die Glatt weit weg, der Bahndamm nah und praktisch fast niemand zu Hause ist. Hier herrscht die Industrie, hier geht's manchmal etwas laut zu und her, tagsüber. Aber es stört niemanden, hier wird vorwiegend gearbeitet und weniger gelebt. Auch Johann Ulrich Steiger hat hier seine Arbeitszeit verbracht, und dass er auch zu leben verstanden hat, ist heute noch sichtbar, zwei Jahre nach seinem Tod. Just's Idylle blieb wie sie war.

Es musste etwas geschehen

«Es kann aber nicht alles so bleiben wie es ist», sagte sich Wolfgang Steiger, Vertreter der Erbengemeinschaft und Besitzer der Bildhauerei gleich daneben. Zur Idee, die ihm fehlte, inspirierte ihn sein Hauselektriker Patric Burtscher: «Mach eine Sommerbar.» Genau, eine Bar für laue Sommernächte, eine Beiz unter schattigen Bäumen, ein Grotto in der Glatthalde – das «Grotto Glatto». Schnell wurden Ideen konkret, Pläne geschmiedet und Programme zusammengestellt. Kultur und Kulinarik mussten Platz haben, ein Kühlschrank für das Bier und ein ordentlicher Grill. Kultur – was würde besser passen in diese Kulturstätte. Outdoor-Kino, Jam Session, gescheite Diskussionen und endlose Debatten, leise Lesungen und laute Konzerte. Um die Nachtruhe geprellt würde in diesem grünen Garten Eden, eingezwängt zwischen Autoselbstwaschanlage und Natursteinplattenwerk, sicher niemand.

Eine Handvoll Freiwillige

Gesagt, getan. Steiger und Burtscher scharten eine Handvoll Freiwillige um sich, und innert kurzer Zeit war das «Grotto Glatto» bereit. Am 11. August ging's los mit satter Musik vom DJ-Pult, das Publikum strömte in Scharen in die Grotto-Lounge, und schon am Tag danach gab's, was es in einem Grotto einfach geben muss: Risotto. Für Reisallergiker und alle anderen schuf Metzger Raffi Dürr den exklusiven «Steigerschüblig», der herzhaft gegrillt gehört und den es vor der Grottozeit noch nicht gab und auch nachher nie mehr geben wird.

Jeden Abend steht ein Event auf dem Programm, vorgestern zum Beispiel «Offenes Microphon». Jede und jeder konnte sich ins Rampenlicht begeben und sich lesend in Szene setzen, ob mit Selbstgemachtem oder Entliehenem, Hauptsache unterhaltsam.

Flawiler Erinnerungen

Und so las Wolfgang Steiger aus den Flawiler Erinnerungen in «Die Katzen von Kapsali» des heute in Wien lebenden Ex-Flawilers Andreas Niedermann. Gar mancher Zuhörende erinnerte sich ob gewisser Parallelen leise lächelnd an seine eigenen Jugendjahre im Dorf. Ornella Steiger, die Tochter, las aus «Vo Ärbet, Gsang ond Liebi» von Jakob Rotach, der in seinem Mundartwerk ebenfalls in Erinnerungen kramt, allerdings stammen die aus dem 19. Jahrhundert. Dann las einer den Matchbericht des Spiels Kroatien – Schweiz, was literarisch und kulturell vielleicht weniger bedeutsam ist, doch erheiternd war es allenthalben.

Und um das geht es im «Grotto Glatto»: Gemeinsam unterhaltsame Sommerabende verbringen – noch bis zum 25. August.

Michael Hug