«Die Kameradschaft wird fehlen»

Der Männerchor Harmonie Degersheim hat an einer ausserordentlichen Hauptversammlung die Auflösung des Chors beschlossen. Vizepräsident Kurt Bruderer und Aktuar Josef Beda Senn erklären im Interview die Beweggründe.

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Kurt Bruderer und Josef Beda Senn bedauern, dass der Männerchor nicht erhalten werden kann (v.l.). (Bild: meg.)

Kurt Bruderer und Josef Beda Senn bedauern, dass der Männerchor nicht erhalten werden kann (v.l.). (Bild: meg.)

Herr Bruderer, Herr Senn, warum hat sich der Männerchor Harmonie Degersheim vor zwei Monaten an einer ausserordentlichen Hauptversammlung zur Auflösung entschlossen?

Kurt Bruderer: Wegen Mitgliederschwunds. Wir sind derzeit elf Mitglieder. Es sind viele Mitglieder abgegangen und keine neuen dazugekommen. Wir haben viel unternommen, um neue Männer für den Chor zu suchen, und haben vieles probiert. Aber es ist uns nicht gelungen. Das ist schon etwas deprimierend.

Josef Beda Senn: Wenn wir jemand gefunden haben, blieb er nicht lange. Nicht aus kameradschaftlichen, sondern eher aus beruflichen und örtlichen Gründen.

Können Sie erklären, warum es mit

dem Nachwuchs nicht geklappt hat? Ein Jodelchor beispielsweise schafft es immer wieder, junge Menschen zu begeistern.

Bruderer: Ein Jodelchor holt die Mitglieder aus den eigenen Kreisen, aus dem Bauernstand. Im Jodelchor ist man einfach dabei.

Es gibt auch andere Beispiele. Der Männerchor Eintracht Flawil beispielsweise. Dieser zählt rund 50 Mitglieder.

Bruderer: Anderes Beispiel: Der Männerchor Harmonie Flawil, denen geht es wie uns. Beim grössten Teil der Gesangsvereine in der Ostschweiz geht es mitgliedermässig eher abwärts. Aber es gibt natürlich auch Glanzbeispiele, so wie die Eintracht.

Senn: Die Eintracht hatte auch eine Frau als Dirigentin (lacht).

Wäre eine Fusion mit einem anderen Männer- oder auch Frauenchor eine Lösung gewesen?

Senn: Darüber haben wir schon nachgedacht. Man integriert sich in einen Chor, gibt sich aber trotzdem auf. Ein Männerchor ist ein eigenständiger Verein. Sich von solchen Strukturen zu lösen, damit tun sich die meisten Mitglieder schwer. Da kann man den Chor auch gleich auflösen.

Bruderer: Eine Fusion mit dem Männerchor Harmonie Flawil stand zur Diskussion. Viele unserer Mitglieder wollten aber altershalber zurücktreten. Andere wollten nicht auswärts zur Probe. Wir wollten den Chor im Dorf behalten. Die Alternative wäre ein gemischter Chor. Doch dies kam für die meisten nicht in Frage, da sie in einem reinen Männerchor singen wollten.

Was schmerzt Sie persönlich an dieser Auflösung?

Senn: Der Verlust der Kameradschaft. Es ist ein kleines Netzwerk, aber ein unglaublich kameradschaftliches. Singen kann man überall. Aber die Kameradschaft, die man über Jahre aufgebaut hat, die wird mir fehlen.

Bruderer: Die Kameraden werden mir sicherlich am meisten fehlen. Es waren für mich viele Jahre, mehr als zwei Jahrzehnte, an denen ich diese Leute jeden Dienstag zur Probe getroffen habe. Wir werden aber sicherlich auch in Zukunft den Kontakt pflegen. Es schmerzt mich aber auch, dass wir es nicht geschafft haben den Männerchor aufrechtzuerhalten.

Welches waren die Höhepunkte des Männerchors Harmonie Degersheim?

Senn: Da gibt es einige. Gemeinsame Auftritte mit dem Frauenchor Degersheim, eidgenössische, kantonale und lokale Sängerfeste.

Bruderer: In der langjährigen Vereinsgeschichte sind es einige Höhepunkte. Für mich persönlich war das 150-Jahr-Jubiläum mit grossem Fest im Jahr 1990 eindrücklich. Unterhaltungsabende, Adventskonzerte und Sängerfeste bleiben in Erinnerung. Die Heimanlässe waren auch immer sehr schöne Anlässe.

Senn: Wir waren früher im Altersheim Brunnadern, Mogelsberg, in Degersheim und in der Stiftung Säntisblick.

Bruderer: Im Dezember werden wir am Weihnachtsmarkt zum letztenmal einen Stand betreiben und den Erlös der Stiftung Säntisblick zukommen lassen.

Was passiert mit dem Vereinsvermögen?

Bruderer: In rund zwei Wochen haben wir eine Sitzung, an der wir beschliessen, was mit dem Geld passiert.

Senn: Auf jeden Fall zweckgebunden, ganz gemäss Statuten.

Geben Sie das Singen jetzt auf?

Bruderer: Es gibt Mitglieder, die sich einen anderen Gesangsverein suchen. Ich und andere Mitglieder werden auf Anfrage den Männerchor Harmonie Flawil unterstützen. Ganz beitreten werden wir aber nicht.

Sie proben trotz des Auflösungsbeschlusses immer noch. Warum das?

Bruderer: Morgen Freitag treten wir in Alterschwil beim 125-Jahr-Jubiläumsfest des Männerchors Alterschwil auf. Am Mittwoch, 22. August, werden wir am Sommerkonzert in Wolfertswil unseren Abschlussauftritt haben.

Ein tränenreicher Abschluss?

Bruderer: Wir haben absichtlich keine berührenden Lieder ausgewählt. Wir wollen einen schmissigen Abschluss. Er soll positiv in Erinnerung bleiben und die Zuschauer sollen aufgestellt und nicht traurig nach Hause gehen.

Interview: Melanie Graf