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Die Kamera aus der Trödelshow: Der Uzwiler Urs Sohmer fotografiert mit 80-jähriger Technik.

Damit kehrt er zu den Anfängen der Fotografie zurück. Die Atelierplattenkamera stammt aus dem Jahr 1937 und kostete Urs Sohmer rund 2500 Franken.
Michael Hug
Urs Sohmer mit seiner Atelierplattenkamera aus der TV-Trödlershow «Bares für Rares». (Bilder: Michael Hug)

Urs Sohmer mit seiner Atelierplattenkamera aus der TV-Trödlershow «Bares für Rares». (Bilder: Michael Hug)

Mancher will die neueste Kamera haben. Digital muss sie sein, viele Pixel muss sie haben, eine hohe Lichtempfindlichkeit, dabei schnell und soll fast nichts kosten. Urs Sohmer will das Gegenteil: Analog, keine Pixel, mässige Lichtempfindlichkeit, langsam, dafür technisch einfach und was sie kostet, spielt weniger eine Rolle. Jetzt hat er sie, die Kamera seiner Träume: eine Atelierplattenkamera, vollanalog, Baujahr 1937, 50 Kilogramm schwer.

Das Ungetüm macht Bilder so gross wie ein A4-Blatt. Seine neue, alte Kamera hat Geschichte. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hergestellt, hat sie ein deutscher Porträtfotograf 1937 für 700 Reichsmark auf der Leipziger Messe gekauft. Nun ist sie bei Urs Sohmer gelandet: «Sie hat mich mit mehreren Objektiven rund 2500 Franken gekostet.» Doch das Geld sei die Kamera wert, sagt der Uzwiler Experimentalfotograf.

In Leipzig abgeholt und nach Uzwil gebracht

Dabei musste die antike Kamera ihren Weg in die Schweiz erst noch finden. Urs Sohmer: «Jemand aus meinem Freundeskreis hat mir erzählt, dass in der Fernsehsendung ‹Bares für Rares› eine solche Studiokamera verkauft wurde.» Er suchte im Internet das Video der Sendung vom November 2017 und fand heraus, dass Händler Fabian Kahl die Kamera ersteigert hatte. «Wir haben dann über E-Mail verhandelt und schliesslich hat sie eine deutsche Freundin in Kahls Antiquitätengeschäft in Leipzig abgeholt und nach Uzwil gebracht.» Jetzt ist sie da, in seinem Besitz, und der Besitzer ist sichtlich stolz:

«Für diesen Preis hätte man eine gute Digitalkamera kaufen können mit Millionen von Pixeln. Aber diese hier, die macht Bilder, die haben so viel Pixel, dass man sie gar nicht sieht. Da sind die Moleküle die Pixel!»

Am Anfang war die Daguerreotypie

Womit Urs Sohmer auf die Technik zu sprechen kommt: «Mit dieser Kamera sind früher Porträts auf Grossformat-Film aufgenommen worden. Ich habe die Kassette geringfügig angepasst, damit ich sie für meine Nassplatten nutzen kann.» Nassplatten: Am Anfang der Fotografie stand die Daguerreotypie von 1839. Die «Dago», wie sie heute genannt wird, verwendete Silber- oder versilberte Metallplatten und war deshalb teuer. Die Nassplattentechnik ersetzte 1851 die Dago. Sie verwendete flüssiges Silbernitrat, das mittels ebenfalls flüssigen Kollodiums auf Metall- oder Glasplatten aufgebracht wurde. «Kollodium war damals der bekannteste und beste Kleber», sagt Urs Sohmer, «er war nötig, weil das Silbernitrat nicht auf der Platte haftete.»

Nassplatten-Session im Freien: Urs Sohmer (hinter der Kamera) beim Einrichten des Settings.

Nassplatten-Session im Freien: Urs Sohmer (hinter der Kamera) beim Einrichten des Settings.

Die Vorbereitung für die Aufnahme aber wurde komplizierter, erklärt Sohmer, weil sowohl das Kollodium wie auch das Silbernitrat erst kurz vor der Aufnahme auf die Platte aufgebracht werden konnten.

Genau darin liegt die Faszination der Nassplattenfotografie, sagt Sohmer: «Man kann, ja man muss viel experimentieren bis zur brauchbaren Aufnahme. Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit, Alter und Dichte des Kollodiums, die Art der Platte und vor allem die Belichtungszeit – alles beeinflusst die Aufnahme.»

Silbernitrat drei Minuten auf die Platte einwirken lassen.

Silbernitrat drei Minuten auf die Platte einwirken lassen.

Die Kassette mit der Platte in die Kamera einspannen.

Die Kassette mit der Platte in die Kamera einspannen.

Belichtungszeit von 10 bis 30 Sekunden

Kommt dazu, dass die Fotoplatte nach dem Silberbad lichtempfindlich ist, was bedeutet, dass die Platte nun vor Licht geschützt werden muss. In der Dunkelkammer nimmt Sohmer nach drei Minuten die Platte aus dem Bad und schliesst sie in einer Kassette. Die Kassette montiert er an die Rückseite der Kamera und zieht den Rollladen der Kassette zurück. Die Kamera ist nun «scharf». Entfernt der Fotograf nun den Deckel vom Objektiv, wird die Platte belichtet:

«Je nach Umgebungslicht muss ich zehn bis dreissig Sekunden belichten.»

Selbstredend, dass das Motiv, mitunter ein Mensch, während dieser Zeit stillhalten muss. Nach der Belichtung muss die Platte in der Dunkelkammer entwickelt werden. Dabei entsteht direkt ein Bildpositiv, wenn auch spiegelverkehrt, auf der Platte.

Das Resultat: Entwickelte Positiv-Platte des Autors.

Das Resultat: Entwickelte Positiv-Platte des Autors.

Urs Sohmer beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit der Fotografie. Heute ist er 51 Jahre alt und immer noch leidenschaftlich dran an dieser Technik. Nur hat er nicht mit dem Fortschritt mitgehalten, sondern bewegt sich vielmehr in der Geschichte zurück: «Je mehr man zurückgeht in die alten Techniken, desto mehr wird es zum Handwerk. Es ist vieles nicht gut belegt, man muss sich die Bedienungsanleitungen sozusagen selber erarbeiten, in alten Büchern graben und viel selbst herausfinden.» So wie damals professionell fotografiert wurde, das gäbe es heute gar nicht mehr, sagt Sohmer.

Vom Vater Beruf und Hobby übernommen

Darum müsse man Geräte wie Zutaten aufwendig beschaffen. «Gerade das Kollodium ist so etwas, das man nur noch schwer bekommt, weil man es einfach nicht mehr braucht, auch nicht in anderen Bereichen.» Zudem könne aus Kollodium Sprengstoff hergestellt werden, sagt Sohmer, was die Beschaffung nicht einfacher macht.

«Reingezogen hat es mich damals in der Sekundarschule, da gab es das Freifach Fotografie. Von da an hatte ich ein Fotolabor in der Waschküche meiner Eltern.»

Ausserdem hat sein Vater, der für Bühler viel unterwegs war, oft fotografiert. Vom Vater hat Urs Sohmer den Beruf, Mühlenbauer, und das Fotografieren übernommen. Und so ging auch er für Bühler auf Montage und fotografierte dabei oft und viel. Aber: «Das Handwerk im Labor gefällt mir mehr als das Bilderbearbeiten am Computer. Die Digitalfotografie hat mich nie so fasziniert wie die analoge Schwarz-Weiss-Fotografie.»

Diese Technik sei noch lange nicht ausgereizt, sagt der Uzwiler, «im Gegenteil, je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr tut sich auf.» Seit ein paar Jahren betreibt er mit einer Hobby-Kollegin zusammen ein Atelier in der «Strumpfi» in Oberuzwil, wo er auch Porträt-Sessions mit der Nassplattentechnik anbietet. Er geht nicht mehr auf Montage, um mehr Zeit für seine Leidenschaft zu haben. Und für Experimente. Zurzeit mit seiner jüngsten Errungenschaft: der Atelierplattenkamera aus der TV-Trödelshow.

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