«Die hütig Jugend!»

Seitenblick

Josephine Opprecht
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«Immer glotzt ihr in euer Handy!» Jeder hat diesen Satz mit diesem anklagenden Unterton schon gehört und sich genervt. Ist schon klar: Früher war alles besser und die Jungen sind alle faul und verblödet. «Die Jugend von heute» lebt nun mal im Zeitalter der Technik und des Internets. Eine neue Zeit mit neuen Phänomenen, an die man sich erst noch gewöhnen muss.

Früher, als alles noch besser war, ging man nach draussen oder las ein Buch. Die «Digital Natives» hingegen tauchen in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten ein: das Internet. Merkel behauptete, es sei für uns alle Neuland. Nein, liebe Frau Bundeskanzlerin, es ist bereits ein Zuhause für viele geworden. Stolz wird das Avo­cado-Knäckebrot (Vollkorn versteht sich) auf sozialen Netzwerken wie Instagram, Twitter oder was auch immer präsentiert. Dort folgt man den Reichen und Schönen und bewundert ihre retuschierten Bilder, darauf erpicht, genauso auszusehen. Das eigene, tolle Leben und die tollen Freunde auf tollen Bildern mit der ganzen Welt zu teilen, ist ein absolutes Muss. Damit jeder sieht, wie weltoffen man ist, geht es für das nächste Selfie auf Reisen zu den schönsten Orten der Welt. «Die Jugend von heute» geht also doch noch aus dem Haus. Im Internet wird sich auch gegenseitig geholfen: Heute wird das Böse in der Welt mit Hashtag-Kampagnen tapfer bekämpft. Von wegen Jugendliche seien asozial, weil sie ständig in ihre Smartphones starren! Computerspiele ermöglichen es, sich durch den Online-Modus zu gemeinsamen Abenteuern in den unglaublichsten Fantasie-Welten zu treffen. Eine Runde «Tschau Sepp» kann da beim besten Willen nicht mithalten. Auch sonstige Unterhaltung ist heute bequem von zu Hause aus auf einem einzigen Gerät verfügbar. «Die Jugend von heute» ist nicht faul. Sie tut nur das, was jeder an ihrer Stelle tun würde. Sie entscheidet sich für den Weg des geringsten Widerstands.

Das Internet und die heutige Technik waren anfangs ganz klar ein Mittel zum Zweck. Die «Digital Natives» haben schlichtweg auch die spassigen Seiten daran entdeckt. Bücher liest man ja auch nicht nur, um sich neues Wissen anzueignen, oder?

Josephine Opprecht

josephine.opprecht@wilerzeitung.ch