Die Heimat in der Welt gefunden

Aufgewachsen ist Toni Stadler in Braunau und Wil. Gearbeitet hat er als UNO-Diplomat und Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK auf der ganzen Welt – unter anderem in Irak und Ruanda. Vor kurzem erschien sein Roman «Global Times».

Ursula Ammann
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Toni Stadler am Bahnhof Wil. Seine Heimatstadt besuchte er regelmässig mit seinen Kindern. (Bild: Ursula Ammann)

Toni Stadler am Bahnhof Wil. Seine Heimatstadt besuchte er regelmässig mit seinen Kindern. (Bild: Ursula Ammann)

Herr Stadler, Sie waren 20 Jahre im internationalen Dienst tätig. Haben Sie überhaupt noch einen Bezug zu Ihrer Heimatstadt Wil?

Toni Stadler: Selbstverständlich. Ich habe Wil mit meinen Kindern regelmässig besucht, um ihnen zu zeigen, wo ich meine Schulzeit verbracht hatte. Auch die Klassenzusammenkünfte der ehemaligen Sonnenhof-Schüler führen mich jeweils hierher. Von den politischen Entwicklungen in Wil habe ich allerdings nicht viel mitbekommen, da ich immer im Ausland stationiert war.

Vor kurzem ist Ihr neuer Roman «Global Times» im Offizin Zürich Verlag erschienen. Hauptprotagonist Marius B. hat, wie Sie, für das IKRK und die UNO gearbeitet. Ist Marius B. Toni Stadler?

Stadler: Die meisten Szenen in diesem Buch sind authentisch oder mir so erzählt worden. Ich habe sie meinem Tagebuch der vergangenen 20 Jahre entnommen. Auch die politische Denkweise von Marius B. entspricht der meinen. Dennoch ist das Buch keine Autobiographie. So spielt in «Global Times» das Alter von Marius B. eine zentrale Rolle. Er befindet sich mit 45 Jahren in der Lebensmitte. Als ich mit dem Roman begonnen hatte, war ich 65. Ich habe das Lebensgefühl mit 45 Jahren aus der Erinnerung heraus beschrieben. Für mich ist das ein sehr intensives Lebensalter gewesen. Ein Alter, in dem sich zahlreiche neue Möglichkeiten auftun – sei es beruflich, in Freundschaften oder Beziehungen. Das führt nicht zuletzt zu vielen Ehescheidungen. Die sind bei international Tätigen bekanntlich häufiger als bei Sesshaften.

Marius B. trifft seine zukünftige Lebenspartnerin, eine Amerikanerin mit japanischen Wurzeln, bei seinem Einsatz für das IKRK in Thailand. Die Beziehung hält. Wie war das bei Ihnen?

Stadler: Auch das ist authentisch. Ich lernte meine Lebenspartnerin wirklich etwa so wie im Roman kennen und lebe noch heute mit ihr zusammen. Aber, keine Angst, zwar ist in diesem Roman viel von verschiedenen Beziehungsmodellen unter global Mobilen die Rede, doch mein eigenes Eheleben breite ich darin nicht aus.

Sie haben Kriegsereignisse vor Ort miterlebt. Hatten Sie nie Angst um

Ihr Leben?

Stadler: Es gab einige solche Situationen. Zum Beispiel ein Mörserangriff auf ein Flüchtlingslager in Thailand, ein anderes Mal ernsthafte Zwischenfälle mit Minen in Sisophon, Kambodscha. Allerdings gehört es bei Mitarbeitern des IKRK oder der UNO schon fast zum Berufsstolz, nicht über seine Ängste zu sprechen. In der Regel sind Kriegsgebiete vor Ort erlebt aber weniger furchteinflössend als im TV. Das Fernsehen hat die Tendenz, die schrecklichsten Bilder zu zeigen und die ruhigen Quartiere auszublenden. Diplomaten leben üblicherweise in Hotels oder Häusern, die gut bewacht sind.

Konnten Sie auch abschalten von Ihrer Arbeit?

Stadler: Erschreckend ist eher, wie schnell man das Abschalten lernen kann und die schlimmen Bilder aus dem Alltag beiseiteschiebt. Das ist auch deshalb möglich, weil man als Expatriierter oft privilegiert lebt. Ich erinnere mich an Kigali, Ruanda, kurz nach dem Genozid, wo meine Familie in einem schönen Haus mit Garten wohnte. An den Wochenenden spielten wir Expatriierten Tennis oder fuhren in einen Wildpark nach Uganda.

Wie haben Sie den Wechsel erlebt, als Sie von Kriegsschauplätzen zurück in die «zivilisierte» Welt – nach New York – gekommen sind?

Stadler: Nach Jahren nahe am echten Krieg fiel mir auf, welch grosses Ausmass an Gewalttätigkeit und Blutrünstigkeit im Kino, Theater und in den Computerspielen meiner Kinder herrschte. Meine Partnerin und ich hörten auf, ins Kino zu gehen. Vielen Kulturkonsumenten im Westen fällt das viele Blut auf den Bildschirmen kaum mehr auf. Ohne moralisieren zu wollen: Mich nervte und langweilte die vorgespielte Gewalt und das falsche Blut. Auch wenn manche Experten anderer Meinung sind: Man kultiviert damit eine archaische gewalttätige Seite des Menschseins, die wir alle in uns tragen.

Sie sind viel mit verschiedenen Religionen in Berührung gekommen. Gibt es für Sie eine Problemreligion, die das friedliche Zusammenleben auf der Welt gefährdet?

Stadler: In den 20 Jahren, in denen ich im internationalen Dienst tätig war, hatte ich im Wesentlichen mit drei kriegerischen Konflikten in drei verschiedenen Ländern zu tun. Eines hatten diese gemeinsam: ihre starke Religiosität. In Irak war es der Islam, in Kambodscha der Theravada-Buddhismus, in Ruanda der Katholizismus. Mir fiel bei allen drei Religionen auf, dass sie eine starke Tendenz haben, ihre meist ungebildeten Gläubigen kindlich und unmündig zu halten, was sie für Mächtige manipulierbar macht.

Wie hat sich das geäussert?

Stadler: Ich erinnere mich an ein Tischgespräch mit zwei normalerweise verschleierten Frauen in Kerbala, Irak. Es waren die zwei Ehefrauen des Vaters meines UNO-Chauffeurs. Diese Frauen – eine war 50, die andere 35 – kamen mir wie Kinder vor. Sie waren es nicht gewohnt, einem Mann in die Augen zu blicken, der nicht ihr Ehemann war. Sie wussten fast nichts von der Welt ausserhalb ihres Haushalts und kicherten wie Zwölfjährige. In Kambodscha hatte ich oft erlebt, wie halbgebildete Mönche auf ihren Motorrädern in die Dörfer kamen und die Schulkinder lehrten, dass das Leben nicht dazu da sei, in den Lauf der Welt einzugreifen, sondern dass man den Lauf der Dinge meditierend geschehen lassen solle. In Ruanda waren die Pfarrer Autoritäten. Was «Hochwürden» sagte, galt auf dem Land für Jung und Alt. Die katholische Kirche war vor dem Völkermord von April bis Juli 1994 politisch sehr nahe bei der Hutu-Oberschicht. Im Genozid an den Tutsi spielte sie, milde ausgedrückt, eine fragwürdige Rolle. Als die Hutu-Regierung über das staatliche Radio anordnete, alle Tutsi im Land seien zu töten, gab es keinen Appell des Erzbischofs dagegen.

Derzeit wird der Islam am meisten kritisiert. Verstehen Sie das?

Stadler: Durchaus. Aber ich möchte in dieser wichtigen Frage aus UNO-Sicht argumentieren. Die Länder, aus denen die heutigen moslemischen oder Hindu-Immigranten kommen, sind alle Mitglieder der Vereinten Nationen, anerkennen also die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Unsere Kritik sollte sich auf alle Kulturen und Religionen richten, deren heilige Schriften die Menschenrechte verletzen. Wörtlich genommen tun dies beispielsweise das Alte Testament, der Koran oder auch die alten Texte des Hinduismus. Respekt verdient, was die Menschenrechte beachtet und die Menschen wissender und mündiger macht. In einem liberalen Rechtsstaat wie der Schweiz verbietet man dennoch keine Religion. Doch es sollte Religionen und Kulturen verunmöglicht werden, menschenrechtsverletzende Lebensregeln als Wille Gottes zu präsentieren und zu lehren.

Ist die Welt in den letzten Jahren insgesamt schlechter geworden?

Stadler: Ich habe die vergangenen 20 Jahre wissenschaftlich und technisch als Fortschritt wahrgenommen. Auf geistiger Ebene, so scheint es mir, ist – mindestens ausserhalb Europas – das naive «Glauben wollen» – sei es an Götter, Autoritäten oder an Veganismus – auf dem Vormarsch. Dabei brauchte die Welt dringlicher mehr rationale Menschen mit Verstand und Mitgefühl, die aufgrund von konkretem Wissen die Zukunft ansteuern wollen. Das kritische wissenschaftliche Denken ist es, welches alle ernstzunehmenden Universitäten sämtlicher Kulturen miteinander verbindet und die Menschheit über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg einigen und vorwärtsbringen kann. Auch hier in Wil.

Fühlen Sie sich als Schweizer oder sogar als Wiler?

Stadler: Die Identitätsfrage wird zu oft auf Nation, Hautfarbe, Sprache oder Religion reduziert. Bei Personen, die international arbeiten und leben, beruht die Identität wohl stärker darauf, was sie in ihrem Leben alles erfahren und durch ihre Arbeit bewirkt haben. Ich bin als Teenager in Wil aufgewachsen. Das macht die Äbtestadt für mich einmalig. Doch mit dem Älterwerden wird es weniger bedeutend, dass ich hier aufgewachsen bin, selbst dass ich einen Schweizer Pass besitze. Es soll nicht undankbar klingen, doch eine echte Identität braucht nicht unbedingt ein Vaterland. Andere Lebensphasen haben ähnlich starke Spuren in meiner Identität hinterlassen wie der Sonnenhof in Wil: Die Reislandschaften Kambodschas, die multikulturelle Metropole Bangkok, Manhattan oder Paris.

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