Die haben gesponnen, die Lehrer

Keine Schulhäuser und keine Schulbücher, Lehrer, die unterrichten und nebenbei noch einer anderen Arbeit nachgehen: Ende des 18. Jahrhunderts war das vollkommen normal, wie ein Blick in die Stapfer-Enquête zeigt.

Ursula Ammann
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Die Antworten aus Züberwangen: Dort unterrichtete Jörg Fidelle Hug, der gleichzeitig Schreiner war. (Bild: Bundesarchiv)

Die Antworten aus Züberwangen: Dort unterrichtete Jörg Fidelle Hug, der gleichzeitig Schreiner war. (Bild: Bundesarchiv)

REGION. Wenn heute ein Schüler im Unterricht eine mitgebrachte Zeitung liest, dann tut er dies wohl eher heimlich unter dem Tisch. In der reformierten Primarschule Kirchberg gehörten Zeitungen Ende des 18. Jahrhunderts zum offiziellen Schulmaterial. Ein einheitliches Schulbuch gab es nicht. Die Kinder nahmen ihren Lesestoff von zu Hause mit: Neben Zeitungen waren das auch Briefe. Teilweise legte der Lehrer seinen Schützlingen aber auch einige Zeilen aus Psalmen oder geistlichen Liedern zum «copieren» vor.

Dies und noch vieles mehr hielt J. Jacob Egli, evangelischer Schullehrer in Kirchberg im Kanton Säntis, 1799 in der helvetischen Schulumfrage, der Stapfer-Enquête fest. Er schloss mit Republikanischem Gruss und Hochachtung. Insgesamt sind von der Stapfer-Enquête, die an Lehrer in der ganzen Schweiz versandt worden ist, noch rund 2500 Antwortschriften vorhanden, darunter auch viele aus der Region Wil.

Mehr kleben als sitzen

Was heute selbstverständlich ist, fehlte den Schülern vor über 200 Jahren: Ein Schulhaus. Auf die Frage nach einem solchen antwortete Jörg Fidelle Hug, Lehrer aus Züberwangen, kurz und knapp: «nichts». Lehrer Egli aus Kirchberg gab sich dafür umso ausführlicher. Der Unterricht werde in «Privat Haüseren» abgehalten, «Wo die Kinder aus Mangel des Raums mehr aneinander Kleben müßen, als sizen könen». In Kirchberg existierte zur damaligen Zeit zwar ein Schulhaus – neu erbaut 1785 –, jedoch war dies der katholischen Schule vorbehalten. Der evangelische Lehrer Egli genierte sich nicht, in der Umfrage sein Bedauern darüber kundzutun. «Jst Leider! kein eigenes» schrieb er unter dem Stichwort «Schulhaus».

In Lütisburg fanden sich die Schüler jeweils in des Mesmers Wohnstube zum Lernen ein. Ebenso in Ganterschwil. Dort war der Mesmer gleichzeitig auch der Schulmeister.

Lohn aus dem Wald

Doppelfunktionen waren in jener Zeit keine Seltenheit. Die Lehrer mussten meist noch einer anderen Arbeit nachgehen, denn vom Unterrichten konnten sie nicht leben. Der Züberwanger Lehrer antwortete auf die Frage nach seinem Gehalt wieder kurz und knapp: «nichts». Neben seinem Lehramt war er noch als Schreiner tätig. Fridolin Wigert, Lehrer in Rickenbach, amtete nach eigenen Angaben gleichzeitig als «Brifat man». Der Ganterschwiler Lehrer Gallus Antonius Jßener schrieb, dass er «vorhero im Dorff spinte, so wie er jetzt neben der Schule annoch spint». Die Lehrer in Kirchberg betätigten sich zusätzlich im musikalischen Bereich. Zu den nebenamtlichen Aufgaben von Lehrer Egli gehörte das Vorsingen. Der katholische Lehrer Joseph Antony Baumgartner, zarte 18 Jahre alt, musste neben der Schule «Organist seyn, und die Musik dirigieren und Undericht in der Musik geben.» Er hatte alle Ämter von seinem Vater übernommen, der wegen «Schlagfluß» untauglich geworden war. Immerhin bekam er für seine Arbeit etwas Holz, das er aber selbst fällen musste.

«100 Bey guter Witterung»

So verschieden wie die Anstellungsbedingung der Lehrer, so verschieden waren auch die Unterrichtszeiten oder Schulfächer. In Züberwangen beispielsweise gehörte neben Lesen und Buchstabieren «der katekismo» zum Stundenplan, in Lütisburg wurde auch Rechnen gelehrt.

Das einzig Beständige in der regionalen Bildungslandschaft war scheinbar das Unbeständige. Auch was die Schülerzahlen betraf: Auf die Frage, wie viel Kinder die Schule überhaupt besuchen, schrieb der junge Kirchberger Lehrer Joseph Antony Baumgartner: «ist sehr verschiden von 30 bis 100 Bey guter Witterung.»

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