Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Die Geschichte einer Kämpferin

Tagtäglich trainiert Kunstturnerin Francesca Nocita aus Uzwil unermüdlich, um dereinst dem Nationalkader anzugehören. Eine Verletzung am Arm holte sie aber auf den Boden der Realität zurück. In einem eigenen Buch will sie nun anderen Mut machen, nie aufzugeben.
Angelina Donati
Francesca Nocita legt auf dem Schwebebalken eine Pause ein und liest Zeilen aus ihrem selbstverfassten Buch «Die schlechten Zeiten lassen dich wachsen». (Bild: Angelina Donati)

Francesca Nocita legt auf dem Schwebebalken eine Pause ein und liest Zeilen aus ihrem selbstverfassten Buch «Die schlechten Zeiten lassen dich wachsen». (Bild: Angelina Donati)

«Welche Farbe des Dresses soll ich für das Fotoshooting wählen?», fragt Francesca Nocita ihre Mutter in einer Textnachricht um Rat. «Was dir am besten gefällt», tippt Antonietta Nocita in das Handy. «Es ist schön, dass sie mich fragt. Sie sollte aber selbstständig entscheiden dürfen», begründet die Mutter der 14-Jährigen. Eigene Entscheidungen soll die junge Kunstturnerin auch über ihre Zukunft fällen. «Francesca möchte unbedingt die Kantonsschule besuchen, die in ihrem Fall als Spitzensportlerin sechs statt vier Jahre dauert», erzählt die Mutter weiter.

Dagegen sei nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Die Eltern sind sehr stolz auf ihren Schützling. «Ich wünsche mir aber, dass sich ihre Pläne nicht als Illusionen erweisen und sie danach enttäuscht ist», sagt Antonietta Nocita. Damit spricht sie den aktuellen Gesundheitszustand ihrer Tochter an. Denn noch ist nicht abschliessend geklärt, ob Francesca Nocita je wieder auf dem Niveau turnen kann, wie noch vor zwei Jahren. Damals wurde bei ihr die Krankheit Osteochondritis dissecans am linken Ellenbogen diagnostiziert. Trotz Operation leidet das Mädchen auch heute fast täglich unter Schmerzen.

Es passierte fast auf den Tag genau vor zwei Jahren. «Ich habe normal trainiert. Zum ersten Mal ist es mir gelungen, den Tsukahara mit ganzer Schraube auf originaler Höhe, stehend zu beenden», erzählt Francesca Nocita. Bei der nächsten Übung stürzte sie. «Das war nicht weiter schlimm. Es war einer der vielen gewöhnlichen Stürze», relativiert sie. Auf Geheiss ihres Trainers sollte sie die Übung wiederholen. «Plötzlich merkte ich, wie schräg ich den Handstand ausführte. Meinen Ellenbogen konnte ich nicht mehr durchstrecken.»

Auf Trainings und Wettkämpfe verzichten

Trotz enormer Schmerzen wollte die Kunstturnerin, die dem Schweizer Junioren Kader angehört, durchbeissen und weiter trainieren. Schliesslich stand am Wochenende die Schweizer-Meisterschaft bevor. An dieser konnte sie trotz des Vorfalls teilnehmen. Sie holte sich im Mehrkampf ein Diplom als Beste ihres Jahrgangs und qualifizierte sich für den Bodenfinal, wo sie den dritten Rang erreichen konnte. Eine Glanzleistung, die den darauffolgenden Tag zum schönsten Geburtstag der jungen Sportlerin machte, wie sie sagt.

Die diagnostizierte Krankheit holte sie aber auf den Boden der Realität zurück. Wegen der nicht abklingenden Schmerzen am Ellenbogen musste sich die damals 13-Jährige ausserdem einer Operation unterziehen. Was unweigerlich auch hiess, das Training zu reduzieren und auf Wettkämpfe zu verzichten. Ein herber Schlag.

«Ein Leben ohne Kunstturnen kann ich mir nicht vorstellen.»

Seit ihrem sechsten Lebensjahr trainiert sie tagtäglich. Will heissen, bis zu 25 Stunden wöchentlich. «Es war hart, zusehen zu müssen, wie die anderen Fortschritte machen.» Auch die Ungewissheit, ob sie weiterhin eine Zukunft im Spitzensport haben wird, kreiste ständig in den Gedanken des Mädchens.

Traum, eigenes Buch zu veröffentlichen

Kampflos zuzusehen und Trübsal zu blasen ist jedoch nicht ihres. «Aufgeben ist keine Option», sagt sie. Genau diese Motivation möchte sie auch anderen mit auf den Weg geben. Besonders auch den Kunstturnerinnen, die jünger sind als sie und noch am Anfang stehen. Sie waren es, die Francesca Nocita mit Fragen rund um die Verletzung gelöchert haben. In einem selbstverfassten autobiografischen Roman «Die schlechten Zeiten lassen dich wachsen» teilt die Uzwilerin nun all ihr Erlebtes und ihre Gedanken mit ihnen. Und verarbeitet darin die beiden schwierigen Jahre.

Ursprünglich war das Buch eine Projektarbeit an der Oberstufe Lindenhof in Wil. «Francescas Traum ist es, das Buch zu veröffentlichen», sagt ihre Mutter. «Verdienen möchte ich nichts damit», ergänzt die Tochter. Vielmehr möchte sie mit ihrer Botschaft anderen helfen, den Glauben an sich und die eigenen Fähigkeiten nie zu verlieren. «Es kommt doch immer mal wieder vor, dass Sportler wegen Verletzungen ausfallen und wieder zurückkommen.» Auch sie sieht sich dank eisernem Willen wieder an Wettkämpfen. «Francesca war schon immer sehr ehrgeizig. Sie ist eine, die fleissig und seriös ist», sagt Antonietta Nocita. Dass sie dereinst Spitzensport betreiben würde, damit aber hätte ihre Mutter nicht gerechnet.

Hauptsache in Bewegung und nicht still sitzen

Im Februar begann Francesca Nocita, die Trainingseinheiten wieder langsam aufzubauen. Doch durch einen «Tennisarm» muss sie wieder einen Schritt rückwärtsgehen. Trainer Gabor Kiss ist zufrieden, mahnt aber: «Manchmal müssen wir sie bremsen, weil sie sich zu viel vornimmt. Wichtig ist, dass sie sich schont.» Gut möglich, dass die Schmerzen, die die Kunstturnerin beinahe täglich spürt, ihrer eigenen Voreiligkeit geschuldet sind, wie das Mädchen mutmasst. Sie möchte alles geben, um an der Schweizer-Meisterschaft von kommender Woche teilnehmen zu können. Allerdings muss sie Einschränkungen in Kauf nehmen. «Ich werde einfachere Elemente zeigen, diese dafür umso präziser.» Obwohl sie weiss, dass sie für die Europa-Meisterschaft wenige Chancen haben wird, wird sie trotzdem ihr Bestes geben. Bereits vor drei Wochen konnte sie sich an einem Wettkampf beweisen. «Nach dieser langen Pause war ich aber so nervös wie noch nie.»

Selbst wenn alle Stricke reissen sollten, und das Mädchen im Kunstturnen doch nicht mehr Fuss fassen kann, will es sich nicht entmutigen lassen.

«Wenn sich eine Türe schliesst, öffnet sich eine andere.»

«Durch das Kunstturnen habe ich gelernt, sich etwas zu getrauen und Ängste zu überwinden», sagt Francesca Nocita, die in zwei Wochen 15 Jahre alt wird. Fürs Tanzen beispielsweise könnte sie sich begeistern. Hauptsache sie sei in Bewegung und müsse nicht still sitzen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.