Brigitte Gübeli (CVP) tritt die Nachfolge von Ruedi Schär im Stadtparlament an

Ende Monat wird Brigitte Gübeli in der CVP-Fraktion des Stadtparlaments Einsitz nehmen. Sie ersetzt dort den langgedienten Ruedi Schär, der vor den Sommerferien zurücktrat. Wie tickt die Neo-Parlamentarierin?

Richard Clavadetscher
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Brigitte Gübeli würde sich im Wiler Stadtparlament am liebsten in den Bereichen Wirtschaft oder Familien- und Sozialpolitik einbringen. (Bild: Richard Clavadetscher)

Brigitte Gübeli würde sich im Wiler Stadtparlament am liebsten in den Bereichen Wirtschaft oder Familien- und Sozialpolitik einbringen. (Bild: Richard Clavadetscher)

Ritualgestalterin – so bezeichnet Brigitte Gübeli ihre berufliche Tätigkeit. Wie nun wird die Frau wohl zum vereinbarten Gesprächstermin erscheinen? Reichlich Selbstgestricktes am Leib, gesunde Schuhe? – Nichts von alledem! Zur abgemachten Zeit kommt eine jüngere Frau zur Tür herein: modische Frisur, ebensolche Brille, Kleidung von sportlicher Eleganz – und man schämt sich still und leise wegen des Vorurteils.

Als hätte sie es geahnt: Sie sei halt nicht so der «Gschpürsch-mi-Typ», sagt Brigitte Gübeli später im Gespräch. Das ist sie in der Tat nicht. Aufgewachsen im Obertoggenburg, absolvierte sie die Wirtschaftsmatura an der Kantonsschule Wattwil, schloss daran ein Allroundpraktikum für Maturanden bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft an. Studieren mochte sie nicht. Das reale Leben, insbesondere das Wirtschaftsleben, habe sie interessiert, erzählt Gübeli.

Von der Bankerin zur Ritualgestalterin

Zwar führte der berufliche Weg der jungen Toggenburgerin nach der Matura nicht an eine Hochschule, weitergebildet hat sie sich gleichwohl, und zwar permanent. Dies in Richtung Marketing und Sponsoring, aber auch in Kommunikation und Management im Rahmen des Weiterbildungsprogramms der Universität St. Gallen sowie im bankinternen Team-Leader-Programm der Bank Julius Bär, wo sie später arbeitete. Am Ende war Brigitte Gübeli bei Julius Bär Spezialistin Marketing und Events und Projektleiterin für Nord-, Zentral- und Osteuropa. Arbeitsort: die noble Zürcher Bahnhofstrasse.

Und was ist nun mit der Ritualgestaltung? Irgendwann habe sie die Relevanz vermisst in ihrem Job, sagt Brigitte Gübeli, habe sie eine Tätigkeit näher am Menschen und seinen Bedürfnissen gesucht. Die Ritualgestaltung erfülle ihr diesen Wunsch. So absolviert Brigitte Gübeli diese zweijährige Ausbildung nun seit Herbst 2016 und noch bis November dieses Jahres.

Und wenn man das richtig verstanden hat, ist Tätigkeit einer selbstständigen Ritualgestalterin, die sie nun ist, gar nicht so unendlich weit entfernt von dem, was Brigitte Gübeli vorher schon tat: Ging es – vereinfacht gesagt – früher darum, mit interessanten Veranstaltungen ein angenehmes Umfeld für Bankkunden und Investoren zu schaffen, ist sie heute darum bemüht, für ihre «Kunden» bedeutende Momente wie Taufen, Hochzeiten, Abschiede in einer freien Zeremonie stimmig zu gestalten – durchaus mit spirituellen Gedanken, aber meist ohne religiöse Unterfütterung, was heute zunehmend gewünscht wird. «Diese Tätigkeit steht nicht in Konkurrenz zu den Kirchen», sagt Gübeli, die sich als praktizierende Christin beschreibt. «Es ist vielmehr eine Ergänzung.»

Verheiratet und Mutter eines Sohnes

Keine Frage, für diese Tätigkeit braucht es Empathie ebenso wie Fingerspitzengefühl und nicht zuletzt auch ein Stück Lebenserfahrung. Die 42-jährige verheiratete Mutter eines Sohnes, der eben in den Kindergarten eintrat, hat von jedem dieser Drei. Das zeigt sich im Gespräch. Ihr Horizont ist weit, ihr Interesse am Menschen offensichtlich – und wirkt echt, nicht aufgesetzt.

Interesse am Menschen war es denn auch, das Brigitte Gübeli in die Politik brachte. «Warum eigentlich nicht?», habe sie sich gesagt, als CVP-Vertreter sie vor knapp drei Jahre anfragten. Dass gerade die CVP bei ihr anklopfte, passt ihr bestens: «Es ist eine Mittepartei. Sie ist liberal, hat Kompetenz im Wirtschaftsbereich und zeigt gesellschaftliches sowie soziales Engagement. Darüber hinaus sucht sie den Kompromiss, statt zu polarisieren.» Damit könne sie sich identifizieren, sagt Gübeli.

Ihrem Wesen entsprechend wollte Brigitte Gübeli nach ihrem Parteieintritt nicht einfach stilles Mitglied sein. So sagte sie denn auch nicht Nein, als die Partei sie aufforderte zu kandidieren: Sie tat es erfolglos als Laienrichterin und später mit für einen «Frischling» gutem, aber nicht ausreichendem Resultat fürs Wiler Stadtparlament.

Realistin und Pragmatikerin

Dort ist Brigitte Gübeli zur Mitte der Legislatur nun gleichwohl angekommen. Dies durch den Rücktritt von Ruedi Schär und den Verzicht vor ihr liegender Ersatzkandidaten. Sie trete in grosse Fussstapfen, sagt die Neo-Parlamentarierin und verweist auf Ruedi Schärs langjährige Tätigkeit im Wiler Stadtparlament. Doch entmutigt wirkt sie deshalb nicht: «Ich habe andere Interessen als Ruedi Schär.» Sie sei überzeugt, dass dem Parlament auch diese von Nutzen seien.

Brigitte Gübeli würde sich im Stadtparlament am liebsten in den Bereichen Wirtschaft oder Familien- und Sozialpolitik einbringen. Aber als Realistin, die sie sei, wisse sie doch auch, dass sie in der Fraktion das zu nehmen habe, was man ihr anbiete. «Das ist jedoch kein Problem für mich. Ich bin nämlich nicht nur Realistin, sondern auch Pragmatikerin. Und als solche werde ich das Beste mir Mögliche geben.»