Die Frau mit der Motorsäge: Anna Ehrbar gehört zu den wenigen Frauen, die sich zur Forstwartin ausbilden lassen

Ein Drittel der Schweizer Fläche ist bewaldet und verlangt nach Unterhalt. Anna Ehrbar ist im dritten Ausbildungsjahr zur Forstwartin im Forstrevier Magdenau und lernt, was es heisst, sich um den Wald zu kümmern.

Brigitte Hunziker Kempf
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Die Motorsäge ist eine treue Begleiterin von Anna Ehrbar. In ihrer Ausbildung als Forstwartin liebt sie die Holzhauerei. (Bild: Brigitt Hunziker Kempf)

Die Motorsäge ist eine treue Begleiterin von Anna Ehrbar. In ihrer Ausbildung als Forstwartin liebt sie die Holzhauerei. (Bild: Brigitt Hunziker Kempf)

Erzählt Anna Ehrbar von ihrem Lehrberuf, von ihrem Alltag im Wald, spürt man ihre Begeisterung: «Ja, es war die richtige Entscheidung.» Sie wollte nach der Schulzeit nicht in Räumen arbeiten, auf einem Bürostuhl verharren. Nein, sie gehörte an die frische Luft. Rund 300 junge Menschen starten in der Schweiz jährlich mit der Berufsausbildung zur Forstwartin oder zum Forstwart. In Annas Jahrgang begannen 2016 schweizweit zwölf Frauen die Lehrzeit. Sie erzählt schmunzelnd:

«Es ist sicherlich kein typischer Frauenberuf und die Reaktionen auf meine Wahl fielen auch unterschiedlich aus.»

Sie besucht die Berufsschule in Herisau mit 17 jungen Männern. «Die Jungs haben sich längst an mich gewöhnt und die Stimmung ist sehr gut.» Auch ihr Körper hat sich der täglichen strengen Arbeit im Forst angepasst. Als Frau, ist sich die 18-Jährige bewusst, hat sie bei gewissen Tätigkeiten nicht dieselbe Kraft wie ihre Berufskollegen. Aber dies kompensiert sie mit ihrer Arbeitstechnik und überlegtem Handeln. Besonders mag Anna die Holzhauerei. Sie ist stolz auf ihre treue Begleiterin, die 60 Kubikzentimeter starke Motorsäge Husquarna 562. Mit ihr hat sie bereits viele Fallkerben ausgesägt und Fällschnitte ausgeführt.

Instruktionen über Funk

Ihr Tun wird von ihrem Ausbildner, Oliver Zangerl aus Herisau, achtsam begleitet. Der 28-jährige Forstwart-Vorarbeiter des Reviers Magdenau strahlt eine zum Arbeitsort passende Ruhe aus. Möchte er Anna während der Holzernte auf eine Korrektur hinweisen, tut er dies über ein im Sicherheitshelm angebrachtes Mikrofon per Funk. «Es ist wichtig, dass die Lernenden gut, klar und ohne Hektik instruiert und begleitet werden», ist ihm bewusst. Er liebt es, jungen Menschen sein Wissen rund um die Forstarbeit weiterzugeben. Er ist deshalb auch als Instruktor in den Holzhauerei-Kursen, die gesamtschweizerisch von Wald Schweiz organisiert werden, aktiv.

«Wir müssen für guten Branchen-Nachwuchs sorgen, damit auch in Zukunft im Sinne der Nachhaltigkeit gehandelt wird.»

Nachhaltiges Wirken bedingt ein umfangreiches Wissen rund um die komplexen Zusammenhänge zwischen Fauna, Flora, Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Denn der Wald ist nicht nur Holzlieferant. Er ist Lebensraum für verschiedenste Tier- und Pflanzenarten, ein grosses Trinkwasser-Reservat, speichert Kohlenstoff und ist ein sehr beliebter Erholungsort der Menschen.

Den multifunktionalen Wald zu bewirtschaften und ihn für die nachkommenden Generationen umsichtig zu pflegen, benötigt Fachleute mit Kenntnissen. Dies auch in Anbetracht der zukünftigen Herausforderungen rund um den Klimawandel. Höhere Temperaturen und häufigere Trockenperioden werden die Zusammensetzung der Baum-Gesellschaften verändern und auch das wachsende Problem von Schadorganismen ist zu spüren.

Begehrte Ausbildung - wenige Lehrstellen

Um die Ausbildung der Forstwartleute kümmert sich unter anderem auch die Fachstelle des Bundes für die Aus- und Weiterbildung in der Waldwirtschaft namens «Codoc». Sie ist Informationsdrehscheibe, Lehrmittelzentrale und Auskunftsstelle für forstliche Ausbildungsfragen. Rolf Dürig, Co-Leiter der Fachstelle, ist sich der komplexen Herausforderungen in der Forstbranche wohl bewusst: «Der Wald muss versiert bewirtschaftet werden, damit die Stabilität und Schutzfunktion gewährleistet werden kann. Eine schwierige Aufgabe, dies auch in Anbetracht des existierenden wirtschaftlichen Drucks auf die Holz- und Forstbranche.»

Laut Dürig ist die Berufsausbildung zum Forstwart in der Schweiz beliebt. Man habe kaum Probleme, die Lehrstellen zu besetzen. Eher sei es ein Thema, genügend Ausbildungsplätze anzubieten. Nicht jeder Forstbetrieb habe die hierfür nötigen finanziellen und personellen Ressourcen. Das Forstrevier Magdenau hat sie. Auch nach dem Lehrabschluss von Anna Ehrbar wird die Lehrstelle wieder besetzt», sagt Oliver Zangerl. «Unser neuer Forstwart-Lernender ist ein junger Mann aus der Region.»

Weiterbildung zur Baumpflegerin

Und wie sieht die Zukunft von Anna aus? «Ich möchte mich nach meiner Lehrzeit zur Baumpflegerin weiterbilden. Ich liebe das Klettern und möchte mich auch weiterhin in der Baumwelt bewegen. Und vielleicht kehre ich später wieder in die Forstbranche zurück.»

Gemäss Rolf Dürig bleiben rund ein Drittel der ausgebildeten Forstwarte und Forstwartinnen der Branche erhalten, viele wechseln in verwandte Berufe. «Die Abwanderungs-Quote ist nichts Ungewöhnliches, auch in anderen Berufen ist dies der Fall. Unsere Lehrabgänger sind begehrte Berufsleute. Sie haben gelernt in einem Team zu arbeiten, sind sicherheitsbewusst in ihrem Tun und können motiviert mit anpacken, und dies alles bei jeder Witterung.»

«Im Wald findet gute Bildung statt»

Heute Donnerstag, 21. März, findet der Tag des Waldes statt. Für 2019 lautet das Motto «Im Wald findet gute Bildung statt». Der Tag des Waldes wurde von der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) in den 1970er-Jahren als Reaktion auf die globale Waldvernichtung ins Leben gerufen. In der Schweiz wächst auf rund 1,28 Millionen Hektaren Wald. Diese Fläche wird von zirka 5000 Fachleuten der Forstwirtschaft gepflegt und bewirtschaftet. Fast die Hälfte der in der Schweiz vorkommenden Tiere und Pflanzen sind auf den Wald angewiesen, das sind ungefähr 20000 Arten. Dank der Waldbewirtschaftung bleibt die wertvolle Biodiversität erhalten, dies trotz der vielschichtigen Anforderungen an den heutigen multifunktionalen Wald. (pd)