«Die Bildung nicht vergessen»

WIL. Der Direktor der St. Galler Industrie- und Handelskammer, Kurt Weigelt, fordert einen ETH-Campus für Wil West. Swiss Engineering Wil setzt die Idee auf die lokale Agenda. Wer ist die Vereinigung, die sich für die Bildung einsetzt?

Philipp Haag
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Auf dem Gelände von Wil West zwischen Wil, Sirnach und Münchwilen soll nach Ansicht der St. Galler Industrie- und Handelskammer ein Ableger der ETH Zürich realisiert werden. (Bild: pd)

Auf dem Gelände von Wil West zwischen Wil, Sirnach und Münchwilen soll nach Ansicht der St. Galler Industrie- und Handelskammer ein Ableger der ETH Zürich realisiert werden. (Bild: pd)

Die erste Reaktion, die Kurt Weigelt auslöste, war Erstaunen. Die Politiker in Wil wussten im vergangenen November nicht so richtig, wie sie mit der Ankündigung umgehen sollten: Der Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen/Appenzell forderte die ETH Zürich auf, auf dem Gebiet Wil West einen Ableger zu realisieren. Konkret geht es um die Abteilung Maschinenbau und Verfahrenstechnik, die in Zürich an die räumlichen Kapazitätsgrenzen stösst und die die ETH an einen anderen Standort verlegen will.

180 Mitglieder

Eine Gruppierung in Wil konnte mit der Meldung sehr wohl etwas anfangen, sie sprach deren Mitgliedern gar aus dem Herzen: Swiss Engineering Wil. Bei Swiss Engineering Wil handelt es sich um eine 180 Mitglieder starke Sektion des Schweizerischen Branchenverbands für Ingenieure (aller Fachrichtungen) und Architekten. Die Wiler Sektion, die bei fachspezifischen Themen auch eine Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Politik einnehmen möchte, nahm Weigelts Anstoss auf, um ihn auf lokaler Ebene zu stärken und zu verbreiten. Der Vorstand, respektive der inoffizielle Beisitzer Werner Rüttener, Mitglied bei der IHK St. Gallen/Appenzell, arbeitete ein Positionspapier zu «ETH Science City Wil» aus, das die Mitglieder an der Generalversammlung verabschiedeten, und sandte es an den Wiler Stadtrat sowie an kommunale, kantonale und nationale Politiker aus der Stadt.

Im Schreiben führt Swiss Engineering Wil aus, weshalb ein ETH-Campus in Wil West Sinn macht: Insbesondere die Stärkung der Wirtschaft, da die Region Wil einen hohen Industrialisierungsgrad aufweist und ein ETH-Ableger interessante Interaktionen ermöglichen würde. Swiss Engineering Wil setzte das Thema auch auf die Agenda des Stadtparlaments, indem der Vorstand das Verfassen der Interpellation «ETH Science City Wil» von Mario Breu (FDP) unterstützte (die Wiler Zeitung berichtete). Dass die ETH die Maschinenbau-/Verfahrenstechnik-Abteilung in Wil ansiedelt, diese Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering. Die ETH sucht eher einen Standort nahe der EMPA in Dübendorf.

Dies gestehen auch Rüttener und Swiss-Engineering-Wil-Präsident Guido Breu ein. Dennoch: Ihnen ist daran gelegen, dass die Idee, die Weigelt aufgeworfen hat, sich nicht einfach verflüchtigt. Sie sehen die Idee einer ETH als Denkanstoss, als Aufforderung, «die Bildung bei Wil West nicht zu vergessen», wie Breu sagt. Er kann sich vorstellen, auf dem Gelände eine Art Innovationspark zu realisieren, in dem ein Bildungsinstitut quasi das Zentrum bildet, um welches sich junge Firmen und Start-ups aus Forschung und Technologie ansiedeln. Breu hofft, Regio Wil werde dereinst die Vision teilen.

War Selbsthilfe-Organisation

Das Gebiet der Regio Wil umfasst ungefähr das gleiche Einzugsgebiet der vor 109 Jahren gegründeten und im Jahr 2001 aus der Fusion von Wil mit Uzwil entstandenen Swiss Engineering Wil und Umgebung. Ursprünglich eine Arti Selbsthilfe-Organisation für Ingenieure mit Krankenkasse, Pensionskasse und Hilfskasse, dient die Wiler Stelle des Schweizerischen Branchenverbands heute dem Informations- und Erfahrungsaustausch sowie als Netzwerk. Nicht zuletzt einen gesellschaftlichen Charakter haben die jährlich sieben Veranstaltungen, die unter einem Jahresmotto stehen. Im 2015 ist «Mobilität» das übergeordnete Thema. Ende Juni organisierte Swiss Engineering Wil einen Anlass zur E-Mobilität, zu dem auch die Öffentlichkeit eingeladen war. Ausserdem engagiert sich ein Swiss-Engineering-Mitglied jeweils beim Lehrstellenforum. Die Wiler Sektion sieht es als ihre Aufgabe an, den jungen Leuten zu vermitteln, dass nicht nur der universitäre Pfad zum Ziel führt, sondern der Weg über eine Berufslehre und ein anschliessendes Studium an einer Fachhochschule gleichwertig, wegen der praktischen Erfahrung gar besser sein kann.

Sie stehen hinter einem Positionspapier zur ETH Wil: Werner Rüttener und Swiss-Engineering-Wil-Präsident Guido Breu. (Bild: Philipp Haag)

Sie stehen hinter einem Positionspapier zur ETH Wil: Werner Rüttener und Swiss-Engineering-Wil-Präsident Guido Breu. (Bild: Philipp Haag)

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