Die andere Seite der S12 - Ein Ausflug von Wil nach Brugg

Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember fährt die S12 von Wil direkt nach Brugg. Die beiden Städte verbindet jedoch nicht nur diese Bahnlinie. Es gibt Gemeinsamkeiten, Besonderheiten, Auffälligkeiten – das zeigt ein Besuch.

Zita Meienhofer
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Ankunft im Bahnhof von Brugg – es ist unübersehbar. (Bilder: Zita Meienhofer)

Ankunft im Bahnhof von Brugg – es ist unübersehbar. (Bilder: Zita Meienhofer)

Die Fahrt mit der S12 von Wil nach Brugg kommt dem Öffnen eines Adventskalenders gleich: Es dauert 24 Stationen, bis das Ziel erreicht ist. Während der Werktage fährt die S12 stündlich von 5.18 bis 21.18 Uhr von Wil nach Brugg. Nach einer Stunde und 35 Minuten bekommt der einst weisse Fleck auf der Landkarte Kontur. Jener Ort, welcher der Schreibenden nur wegen «Als der Regen kam», dem Buch des in Brugg aufgewachsenen Urs Augstburger, bekannt ist. Ein Roman, dessen Inhalt vom «Heiligtum» Bruggs, dem jährlich stattfindenden Jugendfest, handelt. Jener Woche, in der sich ganz Brugg herausputzt, in der alle stolz auf ihre Stadt sind.

Schweizerdeutscher Ortsname

Blick in die Altstadt über die Brücke an der engsten Stelle der Aare, rechts der Schwarze Turm, links hinter dem Turm der Rathaussaal.

Blick in die Altstadt über die Brücke an der engsten Stelle der Aare, rechts der Schwarze Turm, links hinter dem Turm der Rathaussaal.

Brugg liegt auf 352 Meter über Meer, zählt rund 11000 Einwohnende, wurde im Jahr 1064 erstmals urkundlich erwähnt, ist Sitz des Schweizer Bauernverbandes, Hauptort des Bezirks Brugg, hat eine Altstadt und erhielt den Namen wegen einer Brücke. Die Geschichte: 14 Jahre nach Christus entstand in Brugg die erste Holzbrücke, die über die Aare führte. Diese wurde dort erstellt, weil es die einzige Stelle dieses Flusses zwischen Rheinmündung und Thunersee war, die mit einem Baumstamm überbrückt werden konnte. Bis vor 40 Jahren führte über diese Brücke die Hauptverkehrsachse durch die Stadt. Seither ist die Brücke für den motorisierten Verkehr mit einem Verbot versehen und die Altstadt vom Durchgangsverkehr befreit.

Vom Bahnhof zur Altstadt: Odeon, Rotes Haus, PIC

Das Rote Haus am Eisiplatz und am Eingang zur Brugger Altstadt hat eine lange Geschichte und eine Tradition als Gaststätte.

Das Rote Haus am Eisiplatz und am Eingang zur Brugger Altstadt hat eine lange Geschichte und eine Tradition als Gaststätte.

Das Bahnhofgelände verlassend fällt das Schaufenster des Odeons, dem Kulturhaus beim Bahnhof, auf, dort wird auf kulturelle Angebote aufmerksam gemacht – auf eine reizvolle Art und Weise. Entlang der Bahnhofstrasse geht es in Richtung Altstadt. Das Rote Haus am Eisiplatz – dem Eingang zur Altstadt – ist nicht zu übersehen. Ein Gebäude mit langer Geschichte und einer fast ebenso langer Tradition als Gaststätte. Auf der rechten Seite, zwar etwas weiter entfernt, aber weit auffälliger, buhlen gesprayte Kunstwerke um Aufmerksamkeit. «PIC» steht in grossen Lettern. Picadilly ist das Jugendkulturhaus von Brugg, schön gelegen mit Blick auf die Aare.

Die Bezeichnungen der Häuser in der Altstadt

«Zum Rüden» ist eine der Bezeichnungen für die Häuser an der Hauptstrasse in der Brugger Altstadt.

«Zum Rüden» ist eine der Bezeichnungen für die Häuser an der Hauptstrasse in der Brugger Altstadt.

Die Altstadt: Links und rechts schmale, aneinandergebaute Häuser – einmal schmuck, einmal schäbig – aber stets mit einem Namen versehen. Unter anderem: zum Schlüssel, St. Fridolin, Roter Bären, Lindwurm, zum Rüden, Schwarzes Lämmli, Kleeblatt. Die Geschichten hinter den Namen sind kaum bekannt. Das erfuhren Claudia Meier und Janine Müller, Redaktorinnen der «Aargauer Zeitung» in Brugg, denn die Recherchen waren für eine Geschichte zur Namensgebung zu wenig ergiebig. Am Ende der Altstadt steht der Schwarze Turm, das älteste Bauwerk und Wahrzeichen der Stadt. Im Gebäude daneben, dem Rathaussaal, tagt der Einwohnerrat. Dieser ist das Parlament von Brugg.

Die erste Frau Stadtammann ist seit 2018 im Amt

«Eiszeit» heisst es auf dem Eisfeld beim Campus Brugg-Windisch, das von Studenten realisiert und betrieben wird.

«Eiszeit» heisst es auf dem Eisfeld beim Campus Brugg-Windisch, das von Studenten realisiert und betrieben wird.

Präsidiert wird Brugg erstmals von einer Frau – wie Wil auch. Frau Stadtammann Barbara Horlacher (Grüne) ist seit 2018 im Amt. Was auffällt? Brugg, mit einer Grösse von rund 11000 Einwohnern, verfügt über keinen Informationsbeauftragten. Fusioniert wurde auch im Kanton Aargau. Umiken kam 2010 zu Brugg, Schinznach-Bad kommt im 2020. Eine Heirat zwischen dem reichen Brugg und dem ärmeren Windisch ist jedoch nicht erwünscht. Es wurde bereits die Fusionsabklärung der zusammengewachsenen und nur durch die Bahngeleise getrennten Orte bachab geschickt. Windisch allerdings mausere sich allmählich, erwache aus dem Dornröschenschlaf, ist zu hören, zu verdanken sei dies der Tatsache, dass die Fachhochschule Nordwestschweiz Brugg-Windisch als Standort wählte. Unübersehbar steht der Campus neben dem Bahnhof, dort wird von Mitte November bis Mitte Januar eine Eisbahn betrieben.

Kirschsteinspucker, Geiger, Heavy-Metal-Frauen

In Brugg stehen das nationale Judo-Leistungszentrum, ein Waffenplatz der Schweizer Armee und der einzige Pumptrack im Kanton. Jährlich findet ein grosser Fasnachtsumzug – Sonntag vor dem Morgenstraich – statt. Hauptorganisator ist Thomas Steinhauer, «Steini» genannt. Er ist zudem Weltmeister im Kirschsteinspucken und betreibt in der kühleren Jahreszeit beim Neumarktplatz einen Stand. Ebenso erfolgreich sind einige Musikerinnen und Musiker aus Brugg: der international auftretende Geiger Sebastian Bohren, die Frauen-Heavy-Metal-Band Burning Witches und Frank Powers, deren Songs keinem Genre zugeordnet werden können, sind auf SRF zu hören.

An das andere Ende der S12 zu fahren ist durchwegs lohnenswert, obwohl der Zürcher Verkehrsverbund, der diese Linie bestellte, vor allem Wil und Brugg mit Zürich verbinden wollte. Wer nach Brugg fährt, sucht für einen Kaffee oder Apéro die Trendlokale Katarakt, Number One oder Havanna auf, um den Hunger zu stillen, gibt es etliche Restaurants oder Imbissbuden mit italienischen Speisen und mit City-OL (www.city-ol.ch) kann die Stadt erkundet werden.