Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die Wiler Frauen auf dem Weg zum Frauenstreik in St.Gallen. (Bilder: Benjamin Manser)

Die Wiler Frauen auf dem Weg zum Frauenstreik in St.Gallen. (Bilder: Benjamin Manser)

Der Zugbegleiter fragt irritiert: «Sie gönd mit denä uf Sanggalle?» – Die Wiler Frauen auf dem Weg zum Streik

50 Frauen zogen am Freitag durch Wils Strassen zum Bahnhof und stiegen dort in den Zug nach St.Gallen, um letztlich am Frauenstreik teilzunehmen. Die Organisatorinnen hatten nicht mit so vielen Frauen gerechnet.
Zita Meienhofer

«E Frau, die wött go streike go, wött dä Ma dehemei lo», stimmt Renata Ruggli das textliche angepasste Lied von «Es wött es Fraueli z’Märit go» an. Sie und ihre Mitstreiterinnen Jeannette Loosli, Marianne Mettler, Mirta Sauer, Ronja Stahl und Miriam Schildknecht sind begeistert, dass eine grosse Anzahl Frauen jeglichen Alters mit ihnen nach St.Gallen an den Frauenstreik ziehen möchte.

Auf dem Weg zum Bahnhof blasen sie in ihre Trillerpfeifen, lassen ihre Rätschen ertönen und skandieren: «Frauestreik, es isch sowiit, üsi Recht, isch höchschti Ziit.» Sie werden von den Passanten beachtet, erhalten Zustimmung, werden hin und wieder belächelt und einige wenige schütteln verärgert den Kopf. Die Stimmung der Frauen ist fröhlich, es folgt ein weiteres Lied: «Avanti donne, alla riscosa le femministe …»

Rund 50 Frauen aus Wil – von etwas über 20 Jahren bis über das Pensionsalter hinaus – forderten am Frauenstreik die Gleichberechtigung.

Rund 50 Frauen aus Wil – von etwas über 20 Jahren bis über das Pensionsalter hinaus – forderten am Frauenstreik die Gleichberechtigung.

Es muss sich etwas ändern

Renata Ruggli setzt sich für die Rechte der Frauen ein, seit es ihr möglich ist. Am Streiktag dabei sind auch ihre Schwiegertochter sowie Gatte Erwin Sulzer. Auch er sei überzeugt, dass sich im Bereich «Gleichstellung der Frau» etwas ändern müsse, erklärt Ruggli. In St.Gallen trifft sie viele Bekannte, Mitstreiterinnen von früher, Berufskolleginnen.

Die pensionierte Lehrerin hat einige positive Veränderungen während der vergangenen Jahrzehnte erlebt. Sie, die 1976 ihr erstes Kind gebar, stand zwei Monate später wieder im Klassenzimmer, Mutterschaftsurlaub gab es damals nicht. Die Kinderbetreuung übernahm ihr Mann, der zugleich in Ausbildung war.

Mit dem Zug fuhren die Frauen nach St. Gallen, wo sie viele Gleichgesinnte trafen. Um 15.24 Uhr war dann Start zur Demo.

Mit dem Zug fuhren die Frauen nach St. Gallen, wo sie viele Gleichgesinnte trafen. Um 15.24 Uhr war dann Start zur Demo.

Enttäuscht von der Haltung der Stadt Wil

Mirta Sauer nimmt unbezahlten Urlaub, um am Frauenstreik teilnehmen zu können. Die Primarlehrerin und ehemalige SP-Stadtparlamentarierin ist enttäuscht von den Verantwortlichen der Stadt Wil. «Ich hätte mir gewünscht, dass in unserer Stadt ein Zeichen gesetzt wird und die Frauen frei bekommen hätten», sagt sie. Nina Friedinger, hingegen hat heute ihren freien Tag. Aber auch sie hätte keinen freien Tag erhalten.

Von vielen Passanten ernteten sie Beifall oder ein Lachen, einige zückten die Handys, wenige verstanden die Beweggründe der Frauen nicht.

Von vielen Passanten ernteten sie Beifall oder ein Lachen, einige zückten die Handys, wenige verstanden die Beweggründe der Frauen nicht.

«Ich arbeite im Sozialen und hätte mich für den Morgendienst gemeldet, dass ich nachmittags an den Frauenstreik hätte gehen können», erklärt sie. Derweil kontrolliert der Zugbegleiter ihr Billett. «Ah, sie fahren öfters nach St. Gallen», stellt dieser fest. Nina Friedinger bejaht und erklärt, dass sie in der Kantonshauptstadt arbeite. «Und jetzt gönd sie mit denä uf Sanggalle?», fragt er etwas gar abschätzig und zeigt auf die streikenden Frauen. Auf die Bemerkungen Friedingers Kolleginnen geht er nicht ein, kontrolliert unbeirrt weiter die Billette.

Für die Gleichberechtigung einstehen

In Uzwil steigen keine streikenden Frauen ins Abteil, in Flawil werden die violett gekleideten jungen Frauen herzlich begrüsst. Die beiden 23-Jährigen wussten bereits im Oktober, dass sie am Frauenstreiktag teilnehmen wollen. Es sei wichtig, für die Gleichberechtigung einzustehen, sagen sie. Begleitet werden sie von einem gleichaltrigen Mann.

«Sie gönd mit denä uf Sanggalle?»

«Sie gönd mit denä uf Sanggalle?»

«Jahrelangen Frust loswerden»

Die Frauen tauschen sich aus, erzählen von den Meinungen, die in ihren Familien herrschen. «Meine drei Söhne und mein Mann finden es toll, dass ich am Frauenstreik teilnehmen», sagt die eine Frau in die Runde. Ihre Kollegin erklärt, dass ihr Sohn sie gefragt habe, weshalb sie als Pensionierte da dabei sei. «Ich muss den jahrelangen Frust bezüglich Gleichberechtigung loswerden», begründet sie ihr Dabeisein.

Politprominenz gesellt sich hinzu

Am Bahnhof in St. Gallen werden die Wiler Frauen mit Fahnen, Transparenten und freundlichem Umarmen empfangen. Durch die Vadianstrasse und die Multergasse geht es zum Vadian-Denkmal. Es ist elf Uhr und die Startaktion beginnt. Die Frauen aus Wil vereinen sich mit den Frauen aus dem ganzen Kanton. Später kommen die Thurgauerinnen und die Frauen aus Appenzell Ausserrhoden dazu. Worum es geht, ist auf grossen Plakaten, auf Flugblättern aufnotiert und wird von den Organisatorinnen skandiert. Nun sind wohl auch jene informiert, die mit fragenden Gesichtern an den streikenden Frauen vorbeizogen. Politprominenz gesellt sich dazu. An einem Stand ist Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann diskutierend zu sehen.

Um 15.24 Uhr ist des dann soweit: Die Demo beginnt. Genau zu jenem Zeitpunkt, ab dem die Frauen gratis arbeiten, weil sie durchschnittlich 20 Prozent weniger Lohn erhalten. Die Wilerinnen halten ihre Transpararente in die Höhe und stimmen in den Sprechgesang der unzähligen weiteren Frauen ein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.