Der Zirkus lenkt vom Schicksal ab

Mitte Februar reiste Lucas Cadonau in die Türkei, nur 20 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Dort tauchte er mit Flüchtlingskindern eine Woche lang in die Zirkuswelt ein. Der Sirnacher ist beeindruckt von deren Lebensfreude.

Leandra Reiser
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Die Flüchtlingskinder in Mardin freuen sich über die gespendeten Clownkostüme. (Bild: pd)

Die Flüchtlingskinder in Mardin freuen sich über die gespendeten Clownkostüme. (Bild: pd)

Herr Cadonau, wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit Flüchtlingskindern?

Lucas Cadonau: Sehr vielschichtig und herausfordernd. Ich führte die 200 Kinder gruppenweise in Jonglage, Pantomime, Clownspiele und Zaubertricks ein. Mein Fachwissen gab ich auch an einheimische Jugendliche weiter, damit es nachhaltig ist. Mit denen, die schon artistisches Vorwissen mitbrachten, studierte ich Choreographien ein und zeigte, wie sie ihre Fähigkeiten künstlerisch verpacken können.

Gab es keine Verständigungsprobleme?

Cadonau: Die Kinder sprachen Türkisch, Arabisch und Kurdisch – wovon ich kein Wort verstand. Es hatte zwar Übersetzer vor Ort, aber wir unterhielten uns vorwiegend in der Sprache der Pantomime und Komik, die zum Glück international ist. Es machte mich stolz, die Kinder so zum Lachen zu bringen.

Sie sammelten vor Ihrer Abreise Spenden. In welcher Form unterstützten Sie damit die Flüchtlinge?

Cadonau: Die Summe von 7000 Franken finanziert das Kulturzentrum in Mardin über vier Monate. Mit dem Geld werden auch Leute direkt vor Ort unterstützt. Ich konnte zum Beispiel ein Korsett und ärztliche Hilfe für ein zehnjähriges Flüchtlingsmädchen finanzieren, das an Skoliose leidet.

Wie waren die Reaktionen auf die Kostüme, die Sie auch mitbrachten?

Cadonau: Etwa 100 gespendete Clownkostüme und Zirkus-Requisiten durfte ich dem Kulturzentrum übergeben – die unbändige Freude der Kinder darüber war unbeschreiblich. Dies zeigte mir, was für eine wertvolle Wirkung das Projekt hat.

Was war am emotionalsten für Sie?

Cadonau: Der eindrücklichste Moment war die Anprobe der Kostüme. Das Leuchten in den Augen dieser Kinder, die teilweise sehr schwere Schicksale ertragen müssen, rührte mich. Dass sie einen Weg finden, trotzdem so glücklich zu sein, gibt Hoffnung für unsere Welt.

Gab es auch schwierige Situationen?

Cadonau: Nein, eigentlich nicht. Ich reiste schon vielerorts hin, wo nicht jeder hingehen würde. Ich hatte also nie Angst und habe mich immer wohl gefühlt. Die Menschen, die ich kennenlernen durfte, waren alle sehr zuvorkommend. Es entstanden wertvolle Freundschaften, die man nicht gerne zurücklässt.

Prägten Sie diese Begegnungen?

Cadonau: Das Kennenlernen von Flüchtlingen lässt einen die aktuellen Bilder am Fernsehen mit anderen Augen betrachten. Am liebsten hätte ich einige Menschen in meinen leeren Koffern mit nach Hause genommen, um ihnen hier ein Leben mit Perspektiven zu ermöglichen.

Würden Sie sich erneut auf dieses Abenteuer einlassen?

Cadonau: Ja, sofort. Vielleicht sogar schon nächsten Herbst wieder. Das Projekt der «Art Anywhere Association» unterstütze ich ausserdem weiterhin. Es ist bewegend, wie man als Mitwirkender dort die Kinder für eine Zeit ihren harten Alltag vergessen lassen kann.