Der Wirtschaft in der Region geht es gut – die Industrie hat aber eine Rhythmusstörung

Ecopol-Ökonom Peter Eisenhut prognostiziert der Region Fürstenland-Toggenburg für 2020 ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent.

Hans Suter
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Der St.Galler Volkswirtschaftsdirektor, Regierungsrat Bruno Damann (links), im Gespräch mit dem Ökonomen Peter Eisenhut. Nach 20 Jahren hat Peter Eisenhut am Donnerstag zum letzten Mal durch die «Horizonte»-Veranstaltung der SGKB in Wil geführt.

Der St.Galler Volkswirtschaftsdirektor, Regierungsrat Bruno Damann (links), im Gespräch mit dem Ökonomen Peter Eisenhut. Nach 20 Jahren hat Peter Eisenhut am Donnerstag zum letzten Mal durch die «Horizonte»-Veranstaltung der SGKB in Wil geführt.

Bild: Hans Suter

«Die Talsohle ist erreicht, die Rezession (vorerst) abgesagt, das Schuldenwachstum aber ist bedrohlich.» So lautet Peter Eisenhuts aktuelle Prognose für die konjunkturelle Grosswetterlage für die Weltwirtschaft und für die Schweiz. Der St.Galler Ökonom, der am Donnerstagabend in Wil an der Konjunkturveranstaltung «Horizonte» der St.Galler Kantonalbank vor mehr als 300 Personen sprach, erwartet für die Schweiz ein Wachstum von «über 1 Prozent», tief bleibende Zinsen und relativ stabile Wechselkurse.

Konjunkturtalk

«Nicht auf Kurs»

Die Standortentwicklung Wil West sei wegen der Komplexität ein «ganz schwieriges» Projekt, sagte Regierungsrat Bruno Damann im Konjunkturtalk mit Bruno Eisenhut. «Aber zukunftsweisend», fügte der St. Galler Volkswirtsdirektor hinzu, der selber im Lenkungsausschuss von Wil West mitarbeitet. Nachdem diese Woche im Thurgauer Kantonsrat mit 48 zu 48 Stimmen und präsidialem Stichentscheid auf eine Diskussion verzichtet worden war, ist im Thurgau politisch Feuer im Dach. Auf die Frage, ob Wil West auf Kurs sei, sagte Damann diplomatisch: «Im Augenblick sind wir nicht auf dem Kurs, wie wir wollen.»
Die aktuell geäusserte Kritik an den Zugsverbindungen relativiert Damann. Die Schweiz habe nur eine Trasse für alle Züge – Güter-, Regional- und Fernzüge. Die Planung erfolge langfristig, was Unwägbarkeiten beinhalte. «Wir planen jetzt für 2045. Was wird dann sein?» (hs)

Ein Wachstum von einem Prozent erwartet der Ecopol-Ökonom auch für die Region Fürstenland-Toggenburg. «Die Bauwirtschaft läuft rund, die Dienstleistungen sind gut unterwegs, aber der Detailhandel stagniert.» Rhythmusstörungen gebe es hingegen in der Industrie, dem Herzmuskel der Region. Schuld seien globale Einflussfaktoren wie das Corona-Virus, der Wandel in der Automobilindustrie, Handelsstreitigkeiten oder Kriege.

Die Exporttreiber der Region Fürstenland-Toggenburg

Wichtigste Handelspartner für die Exportwirtschaft sind laut Eisenhut Amerika und die Euroländer, an erster Stelle die USA und Deutschland. Das gelte auch für das Fürstenland und das Toggenburg, wenngleich diese beiden Kleinregionen strukturell sehr unterschiedlich aufgestellt seien. «Wil ist vor allem in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie stark, das Toggenburg mehr im Bereich Chemie/Pharma.» Letzteres gelte übrigens für die ganze Schweiz. «Entgegen der landläufigen Meinung ist die Schweiz weniger ein Schoggiland als vielmehr eine globale Apotheke.»

Wichtigste Exporttreiber in der Region Wil waren 2019 nebst der MEM-Industrie Textilien, Nahrungs- und Genussmittel sowie Kunststoffe. Die grössten Einbussen verzeichneten die Bereiche Chemie/Pharma und Fahrzeuge. Im Toggenburg legten die Industriemaschinen und Präzisionsinstrumente zu, am stärksten rückläufig waren die Bereiche Elektroindustrie, Metalle und Kunststoffe.

Mehr Baubewilligungen und Leerstände

Mit einigen Sorgenfalten auf der Stirn verwies Peter Eisenhut auf die aktuelle Immobilienentwicklung in der Region. Die Zahl leer stehender Wohnungen sei hier deutlich stärker gestiegen als im Schweizer Durchschnitt. Das gelte auch für die erteilten Baubewilligungen, was tendenziell zu noch mehr Leerständen führen könnte.

Blockchain

Am Anfang einer grossen Veränderung

«Die Blockchain darf nicht auf Bitcoin reduziert werden. Kryptowährungen sind nur eine von vielen Anwendungen», warnte Ernesto Turnes. Der Professor der Fachhochschule St. Gallen hatte die nicht einfache Aufgabe, dem Publikum zu erklären, was genau hinter dem englischen Begriff steckt. «Eine Blockchain ist eine verteilte Transaktionsdatenbank», begann er. Dabei sei die Datenbank als Register, Liste oder Hauptbuch zur Erfassungen von Transaktionen zu verstehen, Transaktionen ihrerseits als Speicherung und Transfer von Daten, Werten und Programmen. «Verteilt» schliesslich bedeute, dass die Daten in eine Kette (Chain) vieler Blöcke aufgeteilt und anstelle einer zentralen Instanz (etwa ein einziges Rechenzentrum) auf einem dezentralen Netzwerk mit einer Vielzahl an Rechnern gespeichert werden. Das erhöhe die Sicherheit ungemein, da sich ein dezentrales System nur hacken lasse, wenn jemand mehr als 50 Prozent des Gesamtsystems unter seine Kontrolle bringen könne, was so gut wie ausgeschlossen sei. Denn die Daten würden durch einen Algorithmus, Hashing genannt, von Block zu Block zu einem Hashwert verarbeitet, der fälschungssicher sei. Ein Bitcoin zum Beispiel bestehe immer aus einer Folge von 64 Zahlen und Buchstaben. Eine Manipulation würde sogleich auffallen. Die Eigentumssicherung erfolge durch eine Verschlüsselung (Kryptografie). Um in seinem Wallet (Portfolio) eine Änderung vorzunehmen, benötige man einen Privatschlüssel (wie ein PIN beim E-Banking) und einen öffentlichen Schlüssel (wie IBAN im Zahlungsverkehr). Laut einer globalen Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte glauben 86 Prozent der befragten Geschäftsleitungsmitglieder, dass sich Blockchains künftig als Massenanwendung etablieren werden. Warum, mögen zwei Praxisbeispiele verdeutlichen. So ist es laut Ernesto Turnes möglich, dass bei einer Flugverspätungsversicherung eine Auszahlung automatisch erfolge. Bei Markenartikeln liesse sich vor dem Kauf über einen eingearbeiteten Chip die Echtheit nachprüfen, ebenso beim Autokauf. Eine weitere Anwendung sei die Verfügbarkeit von Patientendossiers. (hs)