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Der Wiler Turm hätte schon 1884 gebaut werden sollen

Der Aussichtsturm auf dem Hofberg wurde nicht an einem Tag erstellt. Seine Entstehungsgeschichte ist durch mehrere Einsprachen immer wieder gebremst worden. Erst im fünften Anlauf wurde das Wiler Wahrzeichen 2006 errichtet. Am Samstag steht das erste Turmfest an.
Kurt Leuenberger

Türme standen schon immer im Blickpunkt. Dienten sie früher in erster Linie als Wachturm der Sicherheit auf den Burgen und Schlössern, so bekamen sie im Laufe der Zeit ihrer Attraktion oder Aussicht wegen grosse Aufmerksamkeit. Das wohl eindrücklichste Beispiel ist der Pariser Eiffelturm. Als Wahrzeichen der Weltausstellung 1889 erlangte er weltweiten Ruhm, denn er war seiner eigenwilligen Bautechnik wegen eine Kuriosität. Das kurz zuvor einsetzende industrielle Zeitalter ermöglichte fortan Eisen und Stahl herzustellen und damit ganz neue Bauformen. So entstand ein Turm, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte.

Auch der Wiler Turm auf dem Hofberg ist eine Sehenswürdigkeit par excellence. Während die meisten Aussichtstürme einfache Metallkonstruktionen sind, hat der anerkannte Holzbauingenieur Julius Natterer mit dem Turm ein Holzbauwerk von einmaliger und graziöser Eleganz geschaffen. Allein schon das Betrachten des Turmes löst Staunen und Bewunderung aus. So viel schöne Baukunst hatte man bei der Projektausschreibung sicher nicht erwarten können. Und wenn man schliesslich die 189 Stufen erklommen hat, eröffnet sich einem ein wunderbarer Aus- und 360-Grad-Rundblick.

Das heutige «Wil Tourismus» entsteht

Denn, wenigsten ist wohl bekannt, dass die Idee für den Bau des Turmes schon vor über 134 Jahren in Wiler Köpfen herumschwirrte. 1884 wird das erste Projekt lanciert. Interessant ist dabei die zeitliche Nähe zum Pariser Eiffelturm, der 1889 fertig gebaut war. Ob nun der Eiffelturm vom Wiler Projekt Wind bekommen hat oder ob es doch eher umgekehrt war, bleibe mal anheimgestellt. Das Projekt stand mit gesicherter Finanzierung vor der Realisierung, wären da nicht erhebliche Probleme mit einem Grundanstösser gewesen. In der Bevölkerung fand die Idee rasch grosse Unterstützung, zumal der Besitzer des Hofbergs, Stadtrat Heinrich Blatter-Hoffmann, zur Verwirklichung des Vorhabens unter bestimmten Bedingungen eine günstig situierte Parzelle Land auf dem Gipfel des Hofbergs schenkte.

Allerdings knüpfte er daran die Bedingung, dass auf dem ausgesteckten Platz von einer sich zu bildenden Gesellschaft innert zwei Jahren ein Aussichtsturm erstellt wird, andernfalls er die Schenkung zurückziehe. In der Folge fanden sich eine Anzahl Männer, die sich in öffentlichen Ämtern der Stadt einen Namen gemacht hatten, zusammen und gründeten im Restaurant Sonne an einer öffentlichen Versammlung einen Verein. Dessen Vereinszweck war die Verschönerung von Wil und Umgebung, «speziell durch die Zugänglichmachung und Instandstellung der um Wyl herumgelegenen Aussichtspunkte». Auf diesen neu gegründeten Verschönerungsverein geht der Verein Wil Tourismus zurück.

20 Rappen für Erwachsene, 10 Rappen für Kinder

Innert Kürze konnten die finanziellen Mittel aufgetrieben werden. Für eine Eisenkonstruktion rechnete man mit 12000 Franken und 9000 Franken für eine Ausführung mit Holztreppe. Im Vergleich zum heutigen Turm mit 560000 Franken Baukosten ist das zweifellos einiges weniger, wobei der Betrag für die damalige Zeit sicher auch kein Pappenstiel war.

Für den Turmzugang sah die Ausgabe von Karten oder Kontrollmarken mit Eintrittspreisen vor: Erwachsene 20 Rappen, Kinder 10 Rappen, Schüler 5 Rappen. Der Turm sollte von 6 Uhr morgens bis zur eintretenden Dunkelheit offen sein, wobei die Schlüssel zum Aussichtsturm nur in der Hand der Vereinskommission beziehungsweise von Alois Engeler, dem damaligen Besitzer des Gutsbetriebes Hofberg, bleiben sollten. Alois Engeler stellte jedoch weitgehende Forderungen und Bedingungen zur Errichtung der Zufahrtswege, was mit der Zeit zermürbend wirkte. Obwohl man ihm auch noch einen Teil der ­Billett-Einnahmen als Abgeltung für ­seine Überwachungstätigkeit des Turmes ­zusprach, kam es zu weiteren Schwierigkeiten und schliesslich einem finalen Zerwürfnis. Im Protokoll der Haupt­versammlung im Schöntal vom 26. September 1884 heisst es unmissverständlich: «1. Weitere Verhandlungen mit dem Anstösser Engeler werden abgelehnt. 2. Die Ausführung des Aussichtsturmes auf dem Hofberg soll einstweilen ad acta gelegt werden». Und dies, nachdem man noch am 22. August 1884 ein detailliertes Reglement zur Benützung des Turmes ausgearbeitet hatte und fest an die Realisierung glaubte. Aus der Traum vom Aussichtsturm.

Im Jahr 1932 zu teuer

1912 kam die Turmbau-Idee wieder aufs Tapet. Wahrscheinlich herrschte in der Wiler Bevölkerung nach dem Besuch des deutschen Kaisers der Herbstmanöver der Schweizer Armee am 5. September 1912 eine gute Stimmung. Auf jeden Fall zog ein Komitee schon am 12. September den Turmbau wieder in Betracht, zumal auf dem Hofberg auch eine Kaiser-Linde gepflanzt wurde, die heute noch steht. Man rechnete mit einem Beitrag der eidgenössischen Landestopografie, weil der Hofberg ein wichtiger Vermessungspunkt sei. Der ablehnende Bescheid aus Bern und die Tatsache, dass auch Friedrich Pestalozzi, Nachfolger auf dem Hofberg-Gutsbetrieb, nichts von einem Turmbau wissen wollte, führte zur Feststellung «womit dieser Gegenstand leider für einmal ad acta gelegt werden muss». Auch dieser Traum platzte so rasch, wie er gekommen war.

Der Präsident des Verkehrs- und Verschönerungsvereins machte dann 1932 die Anregung, den Gedanken wieder aufzugreifen und zu studieren. Als die Kostenschätzung auf 20000 Franken lautete, musste der Vorstand die Idee gleich wieder begraben. Zu teuer. Über 50 Jahre war es dann still um diese Idee. Erst 1983 stellte ein Wiler Fabrikant eine Spende von 100000 Franken in Aussicht. Eine Gruppe von Wiler Umweltschützern legte sich quer und meldete Bedenken an, worauf auch dieser Anlauf scheiterte. Trotz dieser langen Geschichte an grossen Hoffnungen und herben Enttäuschungen blieb der Gedanke in den Wiler Köpfen wach.

Knappe Zustimmung im Stadtparlament

Im Jahr 2006 sollte es dann doch noch klappen. Im Rahmen der Vorgespräche zum 1250-Jahr-Jubiläum brachte der Verkehrsverein 2003 als eines von vier Jubiläumsprojekten den Bau eines Beobachtungs- und Aussichtsturmes ein und fand Anklang. Die Stadt war zu einem Beitrag von 170000 Franken an die Gesamtkosten von 340000 Franken bereit. Der Verkehrsverein seinerseits verpflichtete sich, die Restfinanzierung durch Spenden und Sponsoren sicherzustellen. Im Parlament reichte es nur zu einer knappen Zustimmung, weil die Geschäftsprüfungskommission mit Blick auf die hohe Verschuldung dem Beitrag an den Aussichtsturm absolut keine Priorität beimass, somit auch und keine Notwendigkeit gegeben sah.

Der Entwurf des Turmes vermochte den Sicherheitsanforderungen wie auch den Anforderungen einer nachhaltigen und langfristigen Konstruktion nicht zu genügen. In der Folge beauftragte man Holzbauingenieur Julius Natterer von der ETH Lausanne, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten im Bereich des Holzbaues, mit der Entwicklung eines neuen Projektes. Es entspricht dem heutigen Turm. Zwar gab es auch dieses Mal Einsprachen, wobei es um den Standort generell, die Erschliessung und den Unterhalt und die Sauberkeit des Turmplatzes ging. Es konnten aber allseits zufriedenstellende Lösungen gefunden werden, sodass im April 2006 der Bauplatz hergerichtet und danach innert nur zehn Wochen der Turm aufgebaut werden konnte.

50000 Besucher im ersten Jahr

Am 8. Juli 2006 wurde er mit einem Volksfest eingeweiht. Nach 122 Jahren gelang der Bau im fünften Anlauf. Ganz nach dem Sprichwort: «Was lange währt, kommt endlich gut». Die Baukosten beliefen sich auf 560000 Franken. Die Stadt steuerte 260000 Franken bei und der Verein Wil Tourismus sammelte 300000 Franken mit Spenden und Sponsoring. Wie sehr der Turm die Neugier und das Interesse der Bevölkerung zu wecken vermochte, zeigt die Tatsache, dass im ersten Jahr etwa 50000 Besucher den Turm bestiegen. Das neue stolze Wahrzeichen von Wil erlebte eine würdige Geburtsstunde. Mit seiner filigranen und ästhetischen Architektur zieht er die Leute bis heute in den Bann und strahlt einzigartige Faszination aus.

* = Kurt Leuenberger ist Vizepräsident des Vereins Wil Tourismus und OK-Präsident des ersten Wiler Turmfestes. Dieses findet heute Samstag zwischen 10.30 Uhr und 17.30 Uhr beim Turm auf dem Hofberg statt. Als Quelle dieses Artikels diente das Jubiläumsbuch «125 Jahre Wil Tourismus».

Stolze 189 Stufen zählt der Wiler Aussichtsturm auf dem Hofberg. (Bild: Claudio Weder)

Stolze 189 Stufen zählt der Wiler Aussichtsturm auf dem Hofberg. (Bild: Claudio Weder)

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