Erste Schritte als Profi: Martin Hubmann fühlt sich nach Trainingslager in Kenia «so gut wie noch nie»

Weltmeister Martin Hubmann gestaltet sein sportliches Leben neu und wird wie sein Bruder Daniel Profi. Illusionen über eine Leistungssteigerung macht sich der Läufer von OL Regio Wil keine.

Urs Huwyler
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Martin Hubmann vor dem Training in Kenia mit rund hundert laufstarken Einheimischen. (Bild: PD)

Martin Hubmann vor dem Training in Kenia mit rund hundert laufstarken Einheimischen. (Bild: PD)

Die Milchbüchlein-Rechnung ist einfach: Wenn Martin Hubmann aus Eschlikon als Teilzeitprofi zur erweiterten Weltklasse gehört, wird er als Berufs-OL-Läufer die internationale Spitze aufmischen. «Ganz so einfach», kontert der Bauingenieur, «ist es nicht.» Er habe sich deshalb für das Profi-Abenteuer entschieden, weil er wissen wolle, was möglich sei.

«Ich möchte mir nie vorwerfen müssen, den Versuch, mich auf den Sport zu konzentrieren, nicht gewagt zu haben. Nach den ersten beiden Monaten fühle ich mich ausgesprochen wohl in meiner neuen Rolle.»

Zu Beginn des neuen Lebensabschnittes absolvierte der bald 30-jährige Sprint-Staffel-Weltmeister mit Marathon-Spezialist Patrik Wägeli und drei weiteren Schweizer Ausdauer-Spezialisten wie etwa Maja Neuenschwander, ein dreiwöchiges Trainingslager in Kenia auf
2400 m ü. M.

Frauen laufen ihm um die Ohren

Er spulte wöchentlich 140 Kilometer bei deutlich höherem Tempo als in der Schweiz ab. Dass der Zeitunterschied lediglich zwei Stunden beträgt, vereinfachte die Sache. Schwieriger als gedacht sei die Akklimatisation an die Höhe gewesen. «Anfangs hatte ich schon Mühe mit Atmen beim lockeren Joggen oder Treppensteigen, ich schlief schlecht und wachte oft auf.»

Meistens waren die Schweizer untereinander oder mit den Deutschen unterwegs. Zweimal mischte sich Hubmann bei einem Fahrtspiel unter die rund hundert Einheimischen und musste erfahren, «dass ich mich zwar im Mittelfeld halten konnte, mir aber auch Frauen um die Ohren liefen».

«Der Tagesablauf als Profi ist entspannter»

Trotz der neuen Erfahrung fiel die Bilanz für den «weissen Kenianer» positiv aus. «Ich wurde in jedem Training gefordert. So gut wie am Ende des Höhentrainingslagers fühlte ich mich noch nie.»

Inzwischen rennt der dreifache Europameister wieder traditionell in der Region durch die Gegend und erlebt, dass Sport als Beruf einige Änderungen nach sich zieht. «Der wesentliche Unterschied: Ich kann morgens und nach einer Erholungsphase nachmittags grössere Umfänge trainieren, die Aktivitäten konzentrieren sich nicht auf den Abend. Dadurch ist der Tagesablauf entspannter», sagt der sechs Jahre jüngere Bruder von Daniel Hubmann, der 2007 den Wechsel zu den Profis wagte.

«In einer nicht-olympischen Sportart war der Entscheid mutig. Doch er war richtig.»

Dieser Überzeugung ist Hubmann der Ältere als zweifacher Familienvater noch immer.

Nun gibt es keine Ausreden mehr

Mehr Zeit und weniger vorgegebene Fixtermine – beispielsweise Arbeitsbeginn – zu haben, birgt umgekehrt auch Gefahren. «Profi zu sein, verlangt mehr Selbstdisziplin, sich Strukturen zu setzen und den Tagesplan auch bei Regen oder Schnee durchzuziehen.» Aber es sei nicht immer einfach, den «inneren Schweinehund» zu überwinden. «Doch ich will ja besser werden.»

Den umgekehrten Weg geht die Bütschwilerin Selina Büchel. Die zweifache 800 m-Hallen-Europameisterin arbeitet wieder rund 30 Prozent bei ihrem früheren Arbeitgeber. «Nur» Sport treiben mag Büchel, die am vergangenen Wochenende in St. Gallen über 800 m Schweizer Hallen-Meisterin wurde, nicht mehr.

Fünf Trainingslager in Norwegen

Bei Martin Hubmann besteht keine Gefahr auf Vereinsamung. Anfang März reist der Läufer der OL Regio Wil mit dem Nationalkader nach Portugal, danach fliegt er zwischen Ende März und Ende Juli fünfmal bis zu vier Wochen nach Norwegen, um mit seinem Zweitclub Frederikstad trainieren zu können. «Ich kann so in einem anderen Umfeld neue Impulse setzen.» Es seien immer Spitzenleute aus anderen Nationen dabei.

«Davon verspreche ich mir einiges. Kenia hat mir gezeigt, dass ich physisch noch einiges herausholen kann. Und die WM 2019 findet Mitte August in Norwegen statt.»

Neben Wettkämpfen in Frankreich, Schweden, Finnland (Weltcupstart am 4. Juni), Norwegen und China stehen diverse Rennen in der Schweiz auf dem Terminkalender. Und irgendwann wird er nach Kenia zurückkehren. Den ersten Test nimmt er am Sonntag in Bettwiesen bei der «Regiomila» der OL Regio vor.