Der Wald braucht Hilfe: Trockenheit und Hitzewellen setzen den Bäumen zu – auch in der Region

Wie machen die Förster den Wald «fit» für die Zukunft?

Tobias Söldi
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Links vom Weg wächst eine Douglasie in die Höhe. Sie ist gut an die neuen Bedingungen angepasst. (Bilder: Tobias Söldi)

Links vom Weg wächst eine Douglasie in die Höhe. Sie ist gut an die neuen Bedingungen angepasst. (Bilder: Tobias Söldi)

Waldsterben? Das Wort gefällt Bruno Cozzio überhaupt nicht. In den Ohren des Försters klingt es nach Hype, Hysterie und Panikmache. «Und das bringt uns gar nichts», sagt Cozzio, der für das Forstrevier Uzwil zuständig ist. Dennoch: Der hiesige Wald ist unter Druck, die Bäume sind im Stress, das kann Cozzio nicht abstreiten.

Aus Teilen der Schweiz vernahm man jüngst wenig Erfreuliches: Bei Basel müssen 2000 grosse Bäume gefällt werden, im Jura trockneten in der Region Ajoie an der Grenze zu Frankreich 100000 Kubikmeter Wald aus, beides Folgen des Dürresommers im Jahr 2018. Cozzio erklärt:

«Der Klimawandel findet statt, die Sommer werden immer trockener und heisser. Damit kommen nicht alle Bäume gleich gut klar. Und der Stress für die Bäume und den Wald wird noch zunehmen.»
Bruno Cozzio, Revierförster Uzwil

Bruno Cozzio, Revierförster Uzwil

Bruno Cozzio waltet seit mehr als dreissig Jahren als Revierförster. Neu ist das Thema für ihn nicht: Schon in den 1980er-Jahren habe der Klimawandel – damals in Zusammenhang mit dem sauren Regen – und dessen Folgen für den Wald Anlass zu Diskussionen gegeben.

Borkenkäfer und Eschenwelke: Schwache Bäume sind anfällig

Man findet sie auch in der Region, Bäume, die unter dem Trockenstress leiden. Sie stossen ihre Blätter oder Nadeln früher ab als gewöhnlich. Denn wenn ein Baum zu wenig Wasser hat, schliesst er die Spaltöffnungen in den Blättern, damit kein Wasser verdampft. Mit geschlossenen Blättern aber kann er kein CO2 aufnehmen und keinen Zucker herstellen. Er lebt von seinen 
Reserven und geht früher in die Ruhepause, die normalerweise erst im Herbst beginnt.

Solcherart geschwächte Bäume sind anfällig für Schädlinge wie den gefrässigen Borkenkäfer oder Pilzkrankheiten wie die Eschenwelke. Cozzio zeigt auf eine kahle Esche in der Thurebene nahe der Autobahn: «Trockenheit und die Eschenwelke, das war zu viel – obwohl sich die Eschen hier eigentlich auf dem richtigen Boden befinden.» Sie muss gefällt werden. Zu gross ist die Gefahr von herunterfallenden Ästen für die Spaziergänger und den Verkehr auf der Autobahn.

Geschwächte Fichten sind ein gefundenes Opfer für den Borkenkäfer.

Geschwächte Fichten sind ein gefundenes Opfer für den Borkenkäfer.

So prekär wie andernorts ist die Situation des Waldes in der Region aber noch nicht. «Wir haben viele mittel- bis tiefgründige Böden, welche das Wasser gut speichern können», betont Cozzio. Die Bäume seien darum im Vergleich zu den trockeneren Regionen der Schweiz fitter. «Letztes und auch dieses Jahr hatten wir zudem das Glück von einzelnen Gewittern in der Region, welche das nötige Minimum an Wasser brachten.»

Ein Nordamerikaner könnte 
hier heimisch werden

Doch nicht für alle Arten sind die sich verändernden klimatischen Bedingungen ein Fluch. Es gibt auch Profiteure. Die Douglasie etwa, ein in Nordamerika heimisches Nadelgehölz. Auch auf dem Vogelsberg bei Oberuzwil ragen einige Douglasien in die Höhe, gepflanzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie stechen heraus. Mit ihrer Wuchshöhe von bis zu 60 Metern überragen sie weite Teile des Waldes, zudem bleibt der Stamm lange gleich dick und verjüngt sich erst weit oben.

«Sie sind sehr robust, wetterbeständig und wachsen in Kalifornien von Meereshöhe bis über 2000 Meter über Meer», erklärt Cozzio die Vorzüge der Art. «Selbst der Sturm Lothar 1999 konnte den Douglasien nichts anhaben.» Auch gegen Waldbrände, wie sie in Nordamerika öfters vorkommen, ist die Douglasie gerüstet: Ihre bis zu acht Zentimeter dicke, feuerfeste Borke schützt sie. «Sie kohlt nur an.» Zum Vergleich: Diejenige der Fichte ist nur etwa einen Zentimeter dick.

Am Südhang oberhalb von Zuzwil gibt es mit dem Nussbaum einen weiteren Gewinner der Veränderungen zu entdecken.

«Vor 30 Jahren kam diese Art höchst selten vor, weil es ihr eher zu kalt war.»
Ein Indiz dafür, dass wärmeliebende Arten auf dem Vormarsch sind: der Nussbaum.

Ein Indiz dafür, dass wärmeliebende Arten auf dem Vormarsch sind: der Nussbaum.

Der Nussbaum ist ein weiterer Indikator dafür, dass wärmeliebende Arten, die mit Trockenheit umgehen können, auf dem Vormarsch sind. Daneben stellen für Cozzio auch die Eiche, die Föhre oder der Ahorn eine Chance für den künftigen Wald dar.

Wie kann der Wald seine 
Funktionen weiterhin erfüllen?

Passender als der Begriff «Waldsterben» scheinen Cozzio die weniger alarmistischen Bezeichnungen «Wald mit Zerfallserscheinungen» oder «Waldveränderungen», wie sie auch in der Fachwelt benutzt werden. Denn sterben wird der Wald nicht, davon ist er überzeugt.

«Der Wald verändert sich. Aber das ist nicht das Problem des Waldes, sondern das von uns Menschen.»

Sorgen bereitet ihm denn auch nicht die Fähigkeit des Waldes, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, sondern die Frage, ob der Wald in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch die Funktionen erfüllen kann, die der Mensch heute von ihm erwartet. Die wichtigsten: Der Wald schützt vor Erdrutschen und Lawinen; er stellt einen Wirtschaftsfaktor dar; er bietet den Menschen Erholung und den Tieren und Pflanzen Lebensraum. Vor allem die Schutzfunktion hebt Cozzio hervor: «Da geht es um das Leben von Menschen.»

Ohne Eingriffe wäre der Wald 
viel gleichförmiger

Wie lässt sich der Wald «fit» halten? Das ist die Frage, die Waldbesitzer und Förster umtreibt. Cozzio beschreibt das Rezept für einen sogenannten «Dauerwald»: Zentral sind eine hohe Biodiversität mit vielen verschiedenen Arten, eine gute Durchmischung von jungen und alten Bäumen sowie von grossen und kleinen Exemplaren. «Das ist für den Wald in unserer Region die beste Antwort auf die kommenden Herausforderungen», erklärt Cozzio.

Ohne entsprechende Eingriffe sähe der Wald in unserer Region in hundert Jahren ganz anders aus. Bliebe das Klima, wie es bis jetzt war, würden wir wohl mehrheitlich durch dunkle Buchen- und Tannenwälder spazieren. «Die Biodiversität wäre kleiner ohne unsere Eingriffe», sagt Cozzio. 100 Jahre – das ist der Zeithorizont, in dem ein Förster denkt.

«Vor 30 Jahren haben die Förster mit der Umwandlung unserer Wälder zum Dauerwald begonnen. Seine volle Wirkung entfaltet dieser aber erst nach 50 Jahren bis 100 Jahren.»

Ein Förster braucht Geduld – unnötige Panikmache ist nicht sein Ding.