«Der Vertrag ist zu kündigen»

Über die Auslegung des Vertrags zwischen dem «Kathi» und der Stadt Wil sind Klosterberater Raphael Kühne und das Bildungsdepartement des Kantons St. Gallen gegenteiliger Meinung.

Monique Stäger
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Widerspricht die Tatsache, dass die Mädchensekundarschule durch den Stiftungsrat geführt wird, dem Vertrag, den das Kloster St. Katharina im Jahr 1997 mit der Stadt Wil abgeschlossen hat? Diese und andere kritische Fragen stellte Mark Zahner (SP) zusammen mit sieben Mitunterzeichnenden in einer Interpellation, die er im Januar dem Stadtrat eingereicht hat.

Vertragsbruch vorgeworfen

Zahner spricht in seiner Interpellation klare Worte – von Vertragsbruch ist die Rede. Der SP-Politiker verlangt zudem vom Stadtrat eine Stellungnahme zur Ausdehnung des St. Katharina auf geschlechtergetrennte Oberstufenzentren, vor allem unter dem Aspekt der sozialen Durchmischung, wie sie bei den Primarschulen so vehement gefordert werde.

«Ist es rechtlich zulässig, den öffentlichen Bildungsauftrag auf der Oberstufe zu einem grossen Teil einer privaten, religiös motivierten Stiftung zu übertragen?», lautet eine weitere Frage des Interpellanten.

Verschieden ausgelegt

Im Jahr 1997 wurde ein Vertrag zwischen der Stadt und dem Kloster St. Katharina geschlossen. Darin wurde festgehalten, dass dieser Vertrag zu kündigen sei, sobald das Kloster nicht mehr in der Lage sei, die Schule zu führen. Hier nun sieht Mark Zahnd einen Vertragsbruch, da die Schule nicht mehr durch das Kloster, sondern durch den neu gegründeten Stiftungsrat geführt wird. Der Klosterberater Raphael Kühne nimmt dazu wie folgt Stellung: Das Kloster führe die Schule ab diesem Jahr durch die Stiftung. Der bestehende Schulvertrag schliesse die Führung der Schule durch das Kloster mittels Stiftung nicht aus.

Eine klare Antwort kommt vom Bildungsdepartement des Kantons St. Gallen: «Der Vertrag ist zu kündigen.» Der Vertrag sei zwischen der Mädchensekundarschule St. Katharina und der Politischen Gemeinde Wil abgeschlossen worden. Darin sei festgehalten worden, dass das Kloster die Schule führe. Die Möglichkeit einer anderen Schulführung sei im Vertrag nicht vorgesehen. Das Kloster könne demnach die Schulführung nicht eigenmächtig an eine Stiftung übertragen. Es sei gegebenenfalls ein neuer Vertrag zwischen der Stadt Wil und der Stiftung als neuem Vertragspartner auszuhandeln.

Klosterbeirat führte Schule

Im Stadtrat werde zum heutigen Zeitpunkt nicht vertieft geprüft, ob der geltende Vertrag verletzt worden sei, heisst es in der Antwort des Stadtrats auf die Interpellation von Mark Zahner. Im Jahr 2000 habe das Kloster einen «Klosterbeirat» zur strategischen Führung der Schule geschaffen. Parlament und Stadtrat wurden schriftlich darüber informiert. Dies sei nicht als Vertragsbruch gewertet worden. Allerdings habe der Stadtrat gegenüber dem Klosterbeirat schriftlich festgehalten, dass die Klostergemeinschaft weiterhin Vertragspartnerin der Stadt sei. Die Frage, ob heute ein Vertragsbruch vorliege, werde man prüfen, falls aus irgendwelchen Gründen kein Folgevertrag zum Abschluss kommen sollte.

Neuen Vertrag aushandeln

Wie ein neuer Vertrag mit dem «Kathi» aussehen könnte, ist offen. Die Schule erhält pro Schülerin jährlich 19 000 Franken. Kritiker forderten schon seit Jahren, dass die Mädchensekundarschule St. Katharina den vollen öffentlichen Bildungsauftrag zu erfüllen habe, sofern sie durch öffentliche Gelder finanziert werde. Das bedeute nicht die alleinige Aufnahme von Sekundarschulmädchen, das entspreche nur einem Viertel des Bildungsauftrags.

So stünden folgende Optionen offen: eine gemischte Schule mit Mädchen- und Knabenklassen im gleichen Gebäude; zwei Schulen, das heisst eine Mädchenschule und eine Knabenschule; keine Schule also eine Kündigung des Vertrags und anschliessende Miete der Räume des St. Katharina durch die Stadt Wil. Alle drei Lösungen lassen sich gemäss stadträtlichem Bericht verfassungs- und gesetzeskonform realisieren.