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«Der Tod ist Teil des Geschäfts»: Micarna abgeblitzt - «10vor10»-Beitrag war nicht manipuliert

«Da ich keine Manipulation feststellen kann, kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.» So lautet der Schlusssatz von SRG-Ombudsmann Roger Blum in seiner Antwort auf eine Beschwerde der Micarna SA.
Hans Suter
Gegen den im Januar ausgestrahlten «10vor10»-Beitrag «Der Tod ist Teil des Geschäfts» legte die Micarna SA beim Ombudsmann der SRG Beschwerde ein. Bild: PD

Gegen den im Januar ausgestrahlten «10vor10»-Beitrag «Der Tod ist Teil des Geschäfts» legte die Micarna SA beim Ombudsmann der SRG Beschwerde ein. Bild: PD

Im Januar sendete das SRF-Nachrichtenmagazin «10vor10» den Beitrag «Der Tod ist Teil des Geschäfts». Darin wurde nach Auffassung der Redaktion aufgezeigt, wie Tiere im Rahmen einer «besonders tierfreundlichen Stallhaltung» – kurz BTS – leben und teilweise verenden. Zu Beginn des Beitrages kam die Bäuerin eines BTS-Stalles zu Wort, die dem Publikum ausführlich erklärte, warum BTS aus ihrer Sicht eine tierfreundliche Haltung sei. Darauf folgten anonyme Bilder, auf welchen verletzte und tote Tiere in «BTS Ställen der grossen Produzenten Micarna, Bell und Frifag» zu sehen waren.

Der Präsident des Vereins Tier im Fokus (TIF), Tobias Sennhauser, dem die Aufnahmen von anonymer Quelle zugespielt worden waren, erklärte darauf, was BTS aus seiner Sicht bedeute: «Massentierhaltung mit all ihren Folgen, wie beispielsweise eine hohe Mortalitätsrate.» Im Anschluss äusserte sich der Sprecher der Micarna und sagte, eine gewisse Mortalitätsrate sei normal.

«Vermischung von Fakten und Meinungen»

Bei der Micarna SA löste der Beitrag Verärgerung und Enttäuschung aus. «Nicht, weil es keine schöne Berichterstattung zur Pouletmast gegeben hat, schliesslich erwartet die Micarna von einem Nachrichtenmagazin der SRG keine PR-Berichterstattung, aber weil jegliche Grundgebote der Sachgerechtigkeit und der Fairness in diesem Zusammenhang mit Füssen getreten werden», echauffierte man sich bei der Micarna und legte bei SRG-Ombudsmann Roger Blum Beschwerde ein. Darin wirft die Micarna «10vor10» vor, bewusst und mit voller Absicht tendenziösen Skandaljournalismus zu betreiben, der von Beginn weg auf die klare Vermischung von Fakten und Meinungen setze, Fehlinformationen als recherchierte und überprüfte Tatsachen wiedergebe und sich von einer militanten Aktivistengruppe manipulieren lasse. Damit missachte die Redaktion, ihren publizistischen Auftrag, dass bei Sendungen mit Informationsgehalt, das Publikum in die Lage versetzt werden müsse, sich aufgrund der vermittelten Fakten und Meinungen eine eigene Meinung zu den behandelten Themen bilden zu können».

Der beanstandete Beitrag von «10vor10» jedoch stütze sich von Beginn weg auf eine vorgefertigte Meinung, basierend auf anonymen, illegal gemachten und nicht überprüfbaren Aufnahmen von Drittquellen. «Die Verantwortlichen der Micarna sind der Überzeugung, dass das Nachrichtenmagazin ‹10vor10› mit dem Beitrag ‹Der Tod ist Teil des Geschäfts› klaren publizistischen Leitlinien der SRG sowie zahlreichen journalistischen Grundsätzen des Schweizer Presserates widerspricht und erwartet von der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz eine offizielle Überprüfung der Beanstandung», steht im Schlusssatz der Beschwerde.

«Sachgerecht und fair berichtet»

Die mehr als zehnseitige Beschwerdeschrift der Micarna SA wurde von SRG-Ombudsmann Roger Blum der zuständigen Redaktionsleitung zur Stellungnahme unterbereitet. «Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen versucht, in dem Wust von Vorwürfen, die in weiten Teilen auf falschen Annahmen gründen, die wichtigsten herauszukristallisieren und dazu Stellung zu nehmen», schreibt «10vor10»-Redaktionsleiter Christian Dütschler in seiner Antwort. «Wir sind der Meinung, dass wir ein wichtiges Thema aufgegriffen und dieses korrekt umgesetzt haben.

Insbesondere wurde die Micarna vorgängig mit den Vorwürfen konfrontiert.» Im Beitrag selbst kämen die beiden BTS-Unterstützer (Micarna-Vertreter, Bäuerin) in rund fünf Zitaten zu Wort. Sie erhielten also ausführlich Gelegenheit, ihre Sichtweise darzulegen und dem Publikum die Vorteile von BTS zu erklären. Die kritische Haltung von TIF, dessen Vertreter im Beitrag einmal zu Wort komme, werde im direkt anschliessenden Studiogespräch mit dem Schweizerischen Tierschutz zudem differenziert eingeordnet. «Das Publikum konnte sich jederzeit eine eigene Meinung bilden», argumentiert Dütschler weiter. Im Kerngehalt erfahre es, dass – was vielen Konsumenten nicht bewusst ist – auch bei der BTS im Vergleich zu tierfreundlicheren Haltungsformen viele Tiere verendeten.

Umgekehrt werde dem Publikum durch die Berichterstattung auch klar, dass BTS deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehe und im Vergleich zu den Haltungsformen im Ausland zudem die deutlich tierfreundlichere Variante sei. «Anders als die Beanstander meinen, haben wir weder ‹tendenziösen Skandaljournalismus› betrieben, noch haben wir ‹Fakten und Meinungen vermischt›. Wir haben sachgerecht und fair berichtet und bitten Sie deshalb, die Beanstandung nicht zu unterstützen.»

Dass Ombudsmann Roger Blum von der Ausführlichkeit der Beschwerde fast erschlagen wurde, lässt sich aus seiner eigenen Bewertung der Sendung leicht erahnen. «Ihre sehr ausführliche Beanstandung, die zu vielen Details der Sendung immer wieder Bestimmungen der Schweizerischen Bundesverfassung und des Radio- und Fernsehgesetzes, Pflichten des Journalistenkodex, Punkte der Publizistischen Leitlinien von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sowie Ausführungen der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) anführt, birgt die Gefahr, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht oder sich fragt: Where is the beef?»

Christian Dütschler, Redaktionsleiter von «10vor10», habe daher aus der Begründung der Micarna 17 Vorwürfe herausdestilliert und sie Schritt für Schritt beantwortet, «auch wieder – notgedrungen – ausführlich». «Auf diese Weise ist dieser Schlussbericht zu einem der dicksten der letzten Jahre geworden», hält Blum fest. «Die Dicke des Schlussberichtes entspricht indes in keiner Weise der Relevanz der beanstandeten Punkte.»

Zwei Kritikpunkte sind geblieben

Als Ombudsmann habe er den Blickwinkel des Publikums einzunehmen. «Ich schaue mir die Sendung an und frage: Wird in der Kontroverse eine der Parteien ungerechtfertigt negativ dargestellt? Wird eine der Parteien ungerechtfertigt positiv dargestellt? Wird das Publikum manipuliert, weil entscheidende Fakten fehlen oder weil sich eine Partei nicht mit ihren besten Argumenten wehren kann?» Wenn er nun die Sendung aus dem Blickwinkel des Publikums anschaue, dann finde er alle wesentlichen Fragen gestellt und behandelt. Keine Konfliktpartei sei daran gehindert worden, ihre besten Argumente vorzutragen. Keiner Seite sei ein Vorwurf gemacht worden, auf den sie nicht habe reagieren können. «Etliche der Vorwürfe gründen darauf, dass Sie nicht richtig hingehört haben. Bei anderen haben Sie eine Feindseligkeit Ihnen gegenüber konstruiert, die so nicht besteht», schreibt Roger Blum in seinem Schlussbericht. Christian Dütschler habe die Vorwürfe Punkt für Punkt widerlegt, «aus meiner Sicht überzeugend».

Es bleiben nach Auffassung Roger Blums nur zwei Kritikpunkte. Erstens: «Dass keine Quellentransparenz der Bilder bestand, nicht einmal gegenüber der Redaktion, ist unschön. Aber es ist rechtlich zulässig, ausnahmsweise so vorzugehen, weil nur auf diese Weise dokumentiert werden konnte, dass Tiere verenden.» Zweitens: «Der Begriff ‹Freilaufhaltung› anstelle von ‹Freilandhaltung› war ein Fehler. Aber es handelt sich um einen Fehler in einem Nebenpunkt, der nicht geeignet ist, die freie Meinungsbildung des Publikums zu beeinträchtigen.»

«Vor allem aber», schreibt Roger Blum weiter, müsse er auf die Programmautonomie aufmerksam machen. «Sie ist der auf den Rundfunk bezogene Ausdruck der Medienfreiheit. Zur Programmautonomie gehört beispielsweise die Wahl eines Themas, die Definition der Fragestellung, die Auswahl der Gesprächspartner, die Bestimmung des Ausstrahlungszeitpunkts. Solange dabei das Publikum nicht manipuliert wird, ist eine Sendung sachgerecht.» Alles in allem gelangt Roger Blum zum Schluss: «Da ich keine Manipulation feststellen kann, kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.» Die Micarna-Pressestelle war nicht erreichbar für eine Stellungnahme.

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