Der Tanz in eine neue Pflegepraxis

Seit Februar des vergangenen Jahres wird im Alterszentrum Tannzapfenland in Münchwilen ein Pilotprojekt durchgeführt, in dem die Mitarbeiter das Konzept der leibbasierten Pflege kennenlernen. Die Resonanz ist durchwegs positiv..

Simon Dudle
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Münchwilen. «Ich habe viel zu wenig Zeit.» Dies ist eine der meist gehörten Aussagen, die von Pflegepersonen immer wieder zu hören sind. Eine Problematik, die man auch im Alterszentrum Tannzapfenland in Münchwilen kennt. Zentrumsleiterin Ruth Puggler, die selber während mehr als 30 Jahren in der Pflege tätig gewesen war, hat sich deshalb entschieden, ein in der Region einzigartiges Pflegekonzept zu verfolgen: jenes der leibbasierten Pflege. Dieses von Brigitte Gerstgrasser und Pavlo Eckert – zwei Gerontagogen und Leibtherapeuten – entwickelte Konzept versteht die Pflege weniger als eine theoretische, sondern vor allem als eine Praxiswissenschaft. In der Perspektive der leibbasierten Pflege liegt der Fokus weniger auf dem objektiven, «expliziten Wissen», das von der Pflegewissenschaft bereitgestellt wird, sondern vorab auf dem subjektiven, «impliziten Wissen» der einzelnen Pflegepersonen. Denn dieses implizite Wissen ist es, das überhaupt erst die Grundlage für ein Pflegenkönnen bildet und das die Pflegenden ganz ursprünglich von zu Hause her mitbringen.

Partnerschaftliche Pflege

Seit Februar des vergangenen Jahres läuft im Münchwilener Alterszentrum nun ein Pilotprojekt. Die beiden Autoren beschreiben dieses Konzept als eine Art Tanz in einem metaphorischen Sinn, bei dem am Schluss eine partnerschaftliche Pflege gelingt. Patienten seien nicht nur alte, bedürftige Menschen, sondern es sei für sie besonders wichtig, dass sie an der Pflegesituation beteiligt werden und etwas dazu geben können. So sagte eine Bewohnerin des «Tannzapfenlands», die ständig Schmerzen hat und das Bett nicht mehr verlassen kann, dass sie die kalten Hände der Nachtschwester aufwärmen konnte. In dieser Zeit habe sie nicht mehr an ihre Schmerzen gedacht. Das Wichtigste sei ihr gewesen, dass sie, die so krank ist, noch etwas geben konnte. Dann habe sich die Nachtschwester bei ihr bedankt.

Lebensgefühl gesteigert

Die leibbasierte Pflege lehrt, wie die Pflegesituation im Hier und Jetzt intensiv erlebt und gestaltet werden kann. Denn zur Ausbildung gehört die Schulung des Zeiterlebens. Dabei geht es darum, die objektive und subjektive Zeit zu unterscheiden. Darum mussten die Mitarbeiter vom Gefühl her einschätzen, wie lange sie bei einem Patienten gewesen sind. Resultat war, dass die effektiv verbrachte Zeit meist deutlich erlebnisintensiver und länger gespürt wurde, als die gemessene Zeit war. Wenn man sich bewusst auf jeden einzelnen Bewohner einlasse und gedanklich nicht schon beim nächsten sei, könne die Qualität der Arbeit und des gegenseitigen Empfindens gesteigert werden, sind sich die beiden Leibtherapeuten und Zentrumsleiterin Puggler einig.

Die Erfahrung im Pilotprojekt hat gezeigt, dass mit der leibbasierten Pflege nicht mehr Zeit beansprucht wird, das Lebensgefühl bei allen Beteiligten aber deutlich steigt. Es wird ein grosser Stress abgebaut, wenn man die Gegenwart mit dem Bewohner lebt», sagt Puggler.

Projekt wird erweitert

Die Reaktionen des Personals sind fast ausschliesslich positiv. Oft bekommt die Zentrumsleiterin von ihren Mitarbeitenden zu hören, dass sie auf dieses Pflegemodell gewartet hätten. Auswirkungen habe dieses einerseits auf den Beruf, aber auch auf die Work-Life-Balance aller Beteiligten. «Leute, die zuvor nahe an einem Burn-out waren, haben nun wieder einen Sinn in der Pflege gefunden», beschreibt Puggler eine der vielen konkreten Auswirkungen.

Auch Gerstgrasser ist mit dem Pilotprojekt zufrieden und sagt, dass sie in Münchwilen sofort auf offene Ohren gestossen seien, was andernorts nicht der Fall gewesen sei. Wegen der positiven Erfahrungen werde das Projekt fortgesetzt und die Pflegenden auch im kommenden Jahr weiter geschult.