Der Stille Raum geben

FLAWIL. Die Türe zur katholischen St. Laurentius-Kirche gleitet langsam auf. Die Kirche ist leer. Die Sonne, die durch die farbigen Fenster strahlt, lässt das Innere in einem mystischen Licht erscheinen. Vorne, neben dem Altar, brennen einige Kerzen.

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Die Kerzen in der Kirche St. Laurentius brennen in der Stille dahin. Ab und zu flackert die Flamme, wie durch einen Windstoss bewegt. (Bild: meg.)

Die Kerzen in der Kirche St. Laurentius brennen in der Stille dahin. Ab und zu flackert die Flamme, wie durch einen Windstoss bewegt. (Bild: meg.)

FLAWIL. Die Türe zur katholischen St. Laurentius-Kirche gleitet langsam auf. Die Kirche ist leer. Die Sonne, die durch die farbigen Fenster strahlt, lässt das Innere in einem mystischen Licht erscheinen. Vorne, neben dem Altar, brennen einige Kerzen. Der Marmorboden lässt die Schritte widerhallen. Beim Setzen auf die Bank knarrt das Holz. Dann ist es fast still. Man hört den eigenen Atem und den eigenen Herzschlag.

In stiller Nacht?

Kirchen sind zur Weihnachtszeit ein begehrter Ort, um innezuhalten. Um nachzudenken. Um den Geist zu öffnen. «Der Raum des Geistes, dort, wo er seine Flügel öffnen kann, das ist die Stille», sagte Antoine de Saint-Exupéry. Stimmen: Sie dringen von draussen gedämpft herein. Dann verstummen sie. In der Kirche ist es kühl. Die Flammen der Kerzen flackern, als ob von irgendwoher ein Luftzug durch die Kirche weht. Die Ohren beginnen zu surren ob der ungewohnten Stille. Ob es in der heiligen Nacht auch so still war? Gemäss dem bekanntesten Weihnachtslied «Stille Nacht, heilige Nacht» soll es so gewesen sein. Am Heiligabend im Jahre 1818 führten der Arnsdorfer Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber (1787–1863), Komponist des Liedes, und der Hilfspfarrer Joseph Mohr (1792– 1848), der den Text dazu verfasste, in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg dieses Weihnachtslied erstmals auf. Hans Brändle, Pastoralassistent der Pfarrei St. Laurentius, kann sich sehr gut vorstellen, dass es in der Nacht, als Jesus geboren wurde, still war. Stiller als heute. «Wenn man bedenkt, dass der Mensch heutzutage beinahe 24 Stunden am Tag Lärm ausgesetzt ist, war es zur damaligen Zeit still», sagt er. Das Gebiet um den Geburtsort Christi sei dünn besiedelt gewesen, die Menschen hatten weder Elektrizität noch Gas. Die Bevölkerung sei arm gewesen und man sei sicherlich früher zu Bett gegangen. «Das Nachtleben hat sich nicht abgespielt», sagt er.

In der heutigen Zeit werden die Menschen mit Lärm dauerberieselt, wie es Brändle sagt, 24 Stunden am Tag. Man denke nur an den Strassenverkehr, Fluglärm, Baustellen, Maschinenlärm, die Eisenbahn, bellende Hunde, schreiende Kinder, die laute Musik. Es gäbe noch so viele mögliche Beispiele aufzuzählen. Lärm ist belastend. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt dazu: «Übermässiger Lärm ist gesundheitsgefährdend, mindert die Standortqualität der betroffenen Gebiete und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten.»

Störender Schall

Gemäss Bafu sind in der Schweiz 1,3 Millionen Personen übermässigem Lärm ausgesetzt. Die wichtigste Lärmquelle sei der Strassenverkehr. Aber was genau ist Lärm? «Lärm ist störender Schall. Generell bezeichnen wir unangenehme, belästigende oder gar gesundheitsgefährdende Schallereignisse als Lärm», beschreibt das Bafu.

Die Holzbank knarrt beim Aufstehen. Die Schritte auf dem Marmorboden hallen in der ganzen Kirche wider. Beim Verlassen der Kirche schlägt einem der Strassenverkehrslärm entgegen. Der Alltag ist zurück.

Melanie Graf

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