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Der steinige Weg von Flüchtlingen zu einem normalen Leben mit Job

Eine Baufirma wollte einen Flüchtling, um ihn zu integrieren, für ein Jahr als Praktikanten zu einem Gehalt unter dem Mindestlohn einstellen. Der Grund: Er sprach weder gut Deutsch, noch war er beruflich qualifiziert. Die Unia hält solche Billiglöhne für schädlich.
Lara Wüest
Viele Flüchtlinge arbeiten in Tieflohnbranchen, weil das Verständigen und Lernen wegen unzureichender Sprachkenntnisse stark eingeschränkt sind. (Symbolbild: Gaetan Bally)

Viele Flüchtlinge arbeiten in Tieflohnbranchen, weil das Verständigen und Lernen wegen unzureichender Sprachkenntnisse stark eingeschränkt sind. (Symbolbild: Gaetan Bally)

Je mehr sich die tragischen Berichte über Flüchtlinge in den Medien häuften, desto stärker verspürte Daniel Keller den Wunsch, irgendetwas zu tun. Er wollte helfen. Deshalb entschied er sich Mitte Jahr, einem jungen Mann aus Äthiopien in seiner Firma eine Stelle anzubieten und so Integrationshilfe zu leisten. Keller, der eigentlich anders heisst, besitzt eine Baufirma in der Region Wil. Seinen Namen und den seiner Firma möchte er nicht in der Zeitung lesen, es geht ihm um die Sache.

Da der Flüchtling keine Ausbildung vorweisen konnte und schlecht Deutsch sprach, stellte Keller ihn für eine beschränkte Zeit als Praktikanten zu einem Monatslohn von 2000 Franken ein. Die Arbeiten, die der junge Mann ausführte, waren einfach: Assistenzarbeiten wie Bodenabdeckungen vornehmen oder Material auf die Baustelle tragen. Doch Keller war mit seiner Leistung sehr zufrieden:

«Er war sehr motiviert und begabt.»

Deshalb wollte der Unternehmer den jungen Mann vorerst für ein Jahr weiterbeschäftigen und danach fest einstellen. Zum branchenüblichen Lohn.

An gesetzlichen Hürden gescheitert

Da Daniel Keller sich nicht sicher war, wie die rechtliche Situation für Praktikanten in der Baubranche aussieht, wollte er sich absichern. Er fragte bei der Flüchtlingsberatungsstelle nach, die den Kontakt zum jungen Mann aus Äthiopien hergestellt hatte. Was er dann erfuhr, war eine Enttäuschung: Gesetzlich sei es nicht erlaubt, einen Flüchtling für ein Jahr unter dem Mindestlohn zu beschäftigen, teilte ihm die Beratungsstelle mit.


Daniel Keller erschrak, mit dem Gesetz wollte er nicht in Konflikt geraten. Er löste das Arbeitsverhältnis auf. Zurück blieb Ernüchterung:

«Es ist doch besser, wenn ein Flüchtling Arbeit hat, als wenn er vollständig von der Sozialhilfe abhängig ist.»

Arbeit für Flüchtlinge fördert Integration

Dass Flüchtlinge in der Schweiz Arbeit finden, ist wichtig für ihre Integration. Darüber sind sich viele einig. So will beispielsweise der Bund die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt durch das neue, nationale Ausländer- und Integrationsgesetz, das Anfang 2019 in Kraft tritt, fördern. Die Frage der fairen Entlohnung bleibt jedoch ein viel diskutiertes Thema.

Die Schwierigkeit: «Gerade bei Flüchtlingen besteht die Gefahr, dass sie ausgenutzt werden», sagt Claudia Nef, Leiterin des Kompetenzzentrums für Integration und Gleichstellung im Kanton St. Gallen. Eine solche Ausbeutung müsse man verhindern. «Grundsätzlich gilt: Wenn jemand gut arbeitet, sollte die Person gleichviel verdienen, wie alle anderen auch.»

Trotzdem ist die Situation nicht so einfach: Viele Flüchtlinge kommen ohne jegliche Qualifikationen und Kenntnis der Landessprache in die Schweiz. Die Arbeitgeber müssen sie zuerst anlehren, so wie Daniel Keller den jungen Mann aus Äthiopien. Deshalb stellen sie Migrantinnen und Migranten lieber gar nicht erst ein, weil sie den vollen Lohn bezahlen müssten. Und das ist gemäss Nef ein Problem:

«Wenn Flüchtlinge keine Arbeit finden oder nur über eine kurze Zeitdauer angestellt werden, findet keine nachhaltige Integration statt.»

Deshalb könne manchmal eine Praktikumsstelle über eine längere Zeit sinnvoll sein. Sie betont jedoch: «Es muss sichergestellt werden, dass niemand die Flüchtlinge ausnutzt.»

«Flüchtlinge werden zu ewigen Praktikanten»

Im Kanton St. Gallen hat man das Problem erkannt. Seit Anfang Jahr bietet sich für Arbeitgeber durch das Konzept Teillohnmodell die Möglichkeit, Flüchtlinge zu einem um 30 Prozent tieferen Lohn als den branchenüblichen einzustellen. Die Differenz zwischen dem bezahlten Lohn und dem Mindestlohn übernehmen die Arbeitslosenkasse, die Invalidenversicherung oder die Sozialämter. Das Konzept klingt gut: Arbeitgeber erhalten einen Anreiz, Flüchtlinge einzustellen, Flüchtlinge bekommen eine Stelle, haben ein Einkommen.

Die Gewerkschaft steht dem Konzept Teillohnmodell allerdings skeptisch gegenüber. «Die Idee, dass Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden, ist gut», sagt Anke Gähme. Sie ist Regionalleiterin der Unia Ostschweiz Graubünden. Das Konzept birgt gemäss Gähme aber Risiken:

«Flüchtlinge werden dadurch womöglich zu ewigen Praktikanten, da sie keine richtige Ausbildung machen.»

Dass es dazu kommt, zeigten Beispiele aus der Praxis. Etwa im Gastrobereich: Dort hat die Unia St. Gallen beobachtet, dass einige Restaurants Migrantinnen und Migranten über Monate hinweg in der Küche abwaschen oder abtrocknen liessen. Deutsch oder berufliche Qualifikationen hätten sie dabei nicht erlernen können, sagt Anke Gähme. Die Gewerkschafterin kritisiert:

«So schafft man ein schädliches Billiglohnsystem.»

«2000 Franken sind zu wenig»

Trotzdem findet sie ein Teillohnmodell nicht grundsätzlich schlecht: «Einige Arbeitgeber machen es gut», sagt sie. Sie würden den Flüchtlingen einen Sprachkurs bezahlen und nach dem Praktikum eine Lehrstelle anbieten. «Das schafft für die Leute Perspektiven für die Zukunft», sagt sie. Ein Praktikumslohn von 2000 Franken, wie ihn der junge Äthiopier von Daniel Keller erhielt, hält sei aber für zu wenig. «Selbst ein Hilfsarbeiter leistet mehr.»

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