Der Steiner-Schule fehlen Schüler

Seit einem halben Jahr ist Johannes Hanel Schulleiter an der Rudolf-Steiner-Schule. Als Retter in der Not möchte er den Trend der seit Jahren sinkenden Schülerzahlen stoppen. Trotz der nicht leichten Aufgabe versprüht er viel Enthusiasmus.

Silvan Meile
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WIL. «Wir müssen die Schule neu erfinden», sagt Johannes Hanel, Schulleiter an der Wiler Rudolf- Steiner-Schule. Er steht vor grossen Herausforderungen. Die Schülerzahlen sinken von Schuljahr zu Schuljahr. In den neun Jahrgängen von der ersten Primar- bis zur dritten Oberstufe drücken derzeit noch 28 Schüler die Schulbank in der Steiner- Schule. Vor zehn Jahren waren es noch rund 130 Kinder, die hier die obligatorische Schulzeit nach den Grundsätzen der von Rudolf Steiner begründeten Waldorfpädagogik besuchten. Damals wurde auch noch in den Räumen an der Säntisstrasse 3 unterrichtet. Doch diese Liegenschaft – eine in den 90er-Jahren von der damaligen «Freien Schule Wil» getätigte Investition – brachte die Institution in eine finanzielle Schieflage. 1996 wurde die Schule vor dem Konkurs aufgefangen und in Rudolf-Steiner-Schule umbenannt. Im Rahmen eines Nachlassverfahrens, das dank Spenden und Aktionen von Eltern zustande kam, musste 2004 die Liegenschaft verkauft werden. Die Steiner Schule befreite sich zwar aus eigener Kraft aus dieser Notlage und blickte mit neuem Elan von der Säntisstrasse 31 und 33 in die Zukunft. Doch die Abgänge der Schüler konnten seither niemals mehr mit Neueintritten kompensiert werden. Noch sind es 28 Schüler, die Tendenz bleibt aber sinkend. Das Wort Schliessung geisterte bereits im vergangenen Jahr durchs Schulhaus, wo man derzeit Platz für 60 Schüler hätte.

20 Prozent der Schüler aus Wil

Seit August 2012 ist Johannes Hanel Lehrer und Schulleiter an der Rudolf-Steiner-Schule. Seine Stelle wurde neu geschaffen. Der Mann aus Deutschland soll der von den Eltern getragenen und von diesen auch mitgestalteten Schule neuen Schwung verleihen. Trotz der schwierigen Ausgangslage versprüht Hanel Enthusiasmus. Ihm liegt die lebensnahe Schule am Herzen. «Die Rudolf Steiner-Schule trägt zur Bildungsvielfalt bei», sagt er und bedauert gleichzeitig die vom Stimmvolk abgelehnte freie Schulwahl. 500 Franken pro in Wil wohnhaften Schüler und Schuljahr erhält die Rudolf-Steiner-Schule von der Stadt. Den Rest der durchschnittlichen Kosten von 14 000 Franken pro Schüler und Schuljahr tragen die Eltern, nach einem einkommensabhängigen Schlüssel.

Rund 80 Prozent der Wiler Steiner-Schüler kommen aus einer Regionsgemeinde. Thurgauer Eltern trifft es härter, weil sie das Schulgeld ihrer Sprösslinge nicht von den Steuern abziehen können, erwähnt Hanel.

«Dereinst wieder im Trend»

Die grosse Erfolgswelle erlebte die Rudolf-Steiner-Schule ab den 70er-Jahren mit zunehmender Anzahl alternativer Eltern als Folge der 68er-Bewegung. Was und wie die Lehrer unterrichten, ergibt sich allein aus der kindlichen Entwicklung. Es wird auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen, statt sich stur an einen Lehrplan zu halten. «Wir lesen den Lehrplan vom Kind ab», sagt Hanel. Er will heute mit verschiedenen Massnahmen die Wiler Schule in eine erfolgreiche Zukunft führen, ohne die Pädagogik Rudolf Steiners über Bord zu werfen: «Wir planen beispielsweise ein Familienatelier, in dem Eltern ermutigt werden, sich der Erziehung zu widmen.» Etwa eine Mutter-Kind-Gruppe, eine Beratung von Eltern mit Neugeborenen oder eine solche für Schwangere soll unter dem Dach des Familienateliers angeboten werden. Auch könnte eine Plattform für Eltern entstehen, um sich kennenzulernen und gegenseitig zu unterstützen. So könne die Steiner-Schule schon früh eine Beziehung zu den künftigen Schülern beziehungsweise deren Eltern aufbauen.

Zudem suchten heutige Eltern vermehrt das Angebot von Tagesschulen, an denen die Kinder über Mittag verpflegt und betreut werden. Deshalb sieht Hanel auch in diesem Bereich eine Möglichkeit. Auch vermehrt an die Bedürfnisse der Familien abgestimmte Unterrichtszeiten erkennt er als Potenzial, die Schule mit ihrer Philosophie wieder populärer zu machen. So soll sie der Zeit angepasst werden und ihr dadurch in Wil das Überleben gesichert werden. Hanel hat keine ernsthaften Existenzängste: «Die Rudolf-Steiner-Schule ist zäh. Wir machen so lange weiter, wie es irgendwie geht.» Die fehlenden Einnahmen von Elternbeiträgen müssten wohl weiter durch sinkende Lehrergehälter kompensiert werden. «Wir müssen eine Balance finden», sagt Hanel und fügt zuversichtlich hinzu: «Die Steiner-Schule wird früher oder später wieder im Trend liegen.»