Der «Säntisblick» in Degersheim scheint gut gewappnet, um das Corona-Virus vor der Tür stehen lassen zu können

Im «Säntisblick» in Degersheim finden Behinderte ein geschütztes Zuhause. Vor dem Corona-Virus sind aber auch sie nicht gefeit. Verschiedene Massnahmen helfen jedoch, das Risiko einzudämmen.

Katja Brütsch
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Eine Tagesstruktur und Beschäftigungen sind im "Säntisblick" essenziell.

Eine Tagesstruktur und Beschäftigungen sind im "Säntisblick" essenziell.

Bild: PD

Sieben Tage sind vergangen, seit der Bundesrat das Notrecht verhängt hat und das öffentliche Leben eingefroren wurde. Man arrangiert sich, sucht nach Möglichkeiten für Home-Office und für die Betreuung der Kinder. Irgendwie wird es funktionieren. Doch wie sieht die Situation in einer spezielleren Umgebung aus?

Der «Säntisblick» in Degersheim beschreibt sich als «Lebensraum für Menschen mit Behinderung». Neben verschiedenen Wohngruppen gehören normalerweise drei Tagesstätten zum Angebot. Momentan sind diese jedoch aufgrund des Corona-Virus geschlossen.

Jean-Luc Villing, Institutionsleiter des «Säntisblick» erklärt, dass mit diesem Schritt die sozialen Begegnungen minimiert und so das Social Distancing gefördert werden soll. So besteht zurzeit kein Austausch zwischen Internen, den Bewohnern des «Säntisblick», und Externen, die tagsüber in einer der Tagesstätten beschäftigt sind.

Vorerst heisst es: Keine Besuche mehr zu Hause

 «Die Institution muss ihre Verantwortung wahrnehmen», bekräftigt Villing. Ein Drittel der Bewohner zähle zur Risikogruppe, sei es wegen des Alters oder wegen Vorerkrankungen. Diese gelte es besonders zu schützen. Damit dies gelingt, wurden gleich mehrere Massnahmen ergriffen. Zum einen eben die Schliessung der regulären Tagesstätten. Ein Notfallprogramm bleibt weiterhin für jene Externe offen, bei denen zu Hause keine Betreuung gewährleistet werden kann.

Am gravierendsten trifft die Bewohner die Regelung, nun auch die Wochenenden konsequent im «Säntisblick» zu verbringen. Bis zum 19. April müssen sie entweder die ganze Zeit zu Hause oder konsequent im «Säntisblick» bleiben. Villing erklärt: 

«Die Besuche zu Hause einzustellen, war ein schwerer Entscheid, aber nur so haben wir eine Chance, das Virus vom ‹Säntisblick› fernzuhalten»

Normalerweise würden viele Bewohner über das Wochenende nach Hause zu ihren Eltern gehen, diese seien aber oft schon älter und damit Teil der Risikogruppe, welche es zu schützen gelte. «Diese Massnahmen sind einschneidend, aber sie wurden im Einverständnis der Angehörigen, der gesetzlichen Vertreter und der Bewohner getroffen. Niemand soll bevormundet werden», betont Villing.

Damit die Bewohner trotzdem den Kontakt zu ihren Angehörigen halten können, hat der «Säntisblick» Videokonferenzen ermöglicht. Dies soll vor allem der seelischen und psychischen Gesundheit entgegenkommen.

Ferienlager und Ausflüge müssen warten

Die Stimmung zu halten, liege nun in der Verantwortung der Betreuer und Mitarbeiter. Ihre Aufgabe sei es, den Bewohnern Sicherheit und Struktur zu geben. Villing ergänzt:

«Tagesstrukturen und Beschäftigungen in der Wohngruppe sind sehr wichtig. Das können schon kleine Sachen, wie zum Beispiel selbst Kochen sein»

Der Internetauftritt des «Säntisblick» informiert mit den wichtigsten Fakten jeden Interessierten über die Lage. Zum Beispiel steht dort: «Es finden keine Freizeitaktivitäten ausser Haus mehr statt.» Wer jetzt denkt, alle Bewohner und ihre Betreuer sässen den ganzen Tag drinnen, liegt dennoch falsch.

Villing erklärt: «Alle grösseren Ausflüge sind abgesagt. So zum Beispiel die Ferienlager Ende Mai. Aber natürlich können unsere Bewohner weiterhin ausserhalb vom Dorf spazieren gehen. Dabei sollen sie jedoch einen Abstand von vier Metern zu allen ‹Fremden› einhalten, um sich und andere ihrer Wohngruppe nicht zu gefährden.» Kinobesuche und Ausflüge in Museen seien auch hinfällig.

Wenn Händewaschen einmal mehr wichtig ist

Selbstverständlich werden auch im «Säntisblick» sämtliche Hygienemassnahmen umgesetzt. In intensiven Gesprächen und mit Hilfe von unterstützender Kommunikation werden die Bewohner immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Auch habe es Schulungen zum richtigen Händewaschen gegeben. Zusätzlich sollen Bilder das richtige Händewaschen vorzeigen und so unterstützend wirken. Villing ergänzt:

«Und jetzt fragen wir immer wieder, zum Beispiel vor dem Essen, ob sich wirklich alle die Hände gewaschen haben»

In der nahen und insbesondere in der körperlichen Pflege geht das Team um Jean-Luc Villing noch eine Schritt weiter. Handschuhe seien gang und gäbe. Bei Bewohnern, die zur Risikogruppe zählen, gehört neuerdings auch eine Gesichtsmaske dazu.

Jean-Luc Villing vermittelt einen ruhigen und vorbereiteten Eindruck. Viele Massnahmen wurden bereits schon getroffen, an weiteren wird gearbeitet. Das Feedback der Angehörigen ist grundsätzlich sehr positiv. «Die meisten Angehörigen sind sehr froh, dass unsere Bewohner so gut wie möglich vor einer allfälligen Ansteckung geschützt werden», so Villing.

Die Massnahmen rund um das Corona-Virus werden in verschiedenen Institutionen unterschiedlich gehandhabt

Wenn die Lebensumstände oder die Wohnsituation von der sogenannten Norm abweichen, wird es unausweichlich schwieriger, die Massnahmen des BAG einzuhalten. Zum Beispiel lässt sich manche Form von Pflege nicht mit Social Distancing vereinbaren. Mit diesem Artikel startet eine Serie, welche die Auswirkungen des Corona-Virus auf Menschen in verschiedenen, speziellen Lebenssituationen beleuchten möchte.

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