Der Protest des kleinen Mannes: Lokalpolitiker der Region Wil nehmen sich Lobbyisten in Bundesbern vor

Eine Gruppe aus der Region Wil demonstrierte gestern in Bern gegen Krankenkassen-Lobbyisten im Bundesparlament.

Gianni Amstutz
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Mit Transparenten ausgerüstet, geht die Reise für Walter Kerschbaumer (links) und die Demonstranten nach Bern. Bild: Gianni Amstutz

Mit Transparenten ausgerüstet, geht die Reise für Walter Kerschbaumer (links) und die Demonstranten nach Bern. Bild: Gianni Amstutz

«Die Krankenkassen bringen uns um.» Die Worte, die Walter Kerschbaumer, Ortsparteipräsident der SVP Zuzwil, an diesem Montagmorgen wählt, zeigen seine kämpferische Haltung. Mit einer kleinen Gruppe will er gegen Lobbyisten der Krankenkassen in National- und Ständerat demonstrieren. Es ist der Kampf David gegen Goliath. Hier Kerschbaumer und seine 13 Mitstreiter, die im Minibus nach Bundesbern fahren, dort die Bundesparlamentarier, welche die Reise wahlweise mit dem Privatauto oder dem 1.-Klasse-GA zurückgelegt haben.

Dieses Bild – der Kampf des kleinen Mannes – zeichnet Kerschbaumer unweigerlich, wenn man ihm zuhört. Er spricht von «fürstlichen Entlöhnungen» der CEOs der Krankenkassen, von astronomisch hohen Honoraren für Verwaltungsräte und von den Bundesparlamentariern, die in ebendiesen Verwaltungsräten sässen – und das auf Kosten des einzelnen Bürgers. Gegen diese Parlamentarier richtet sich die Demonstration, die Kerschbaumer organisiert hat.

«Unterschicht leidet am meisten»

Die einzelnen Bürger litten am stärksten unter der Tatenlosigkeit der Parlamentarier in Fragen der Krankenkassen, sagt Kerschbaumer. Zu spüren bekämen die jährlich steigenden Prämien insbesondere die Unterschicht, weniger der Mittelstand oder die Reichen. Kerschbaumer spricht aufgrund der «enormen Zahl von Lobbyisten» von einem «gekauften Parlament». Gemäss seinen Aussagen verdienen Parlamentarier jährlich 6,5 Millionen Franken durch Mandate im Gesundheitswesen. Vielleicht hätten sie darum kein Interesse, «den Prämienirrsinn zu stoppen», mutmasst er.

Mit der Protestaktion hoffen Kerschbaumer und seine Mitstreiter, die Politiker in Bern wachzurütteln. Obwohl die meisten der 14 Demonstranten Angehörige einer SVP-Ortspartei der Region Wil sind und auf dem Flyer die Konterfeis der SVP-Nationalratskandidaten Lukas Reimann und Mike Egger prangen, will Kerschbaumer die Parteizugehörigkeit nicht in den Vordergrund stellen.

Obschon im Oktober Wahlen anstehen und die Kernthemen seiner Partei – Zuwanderung und EU – zurzeit kaum für Aufsehen sorgen, sei die Aktion nicht Wahlkampf der SVP, versichert er. Diese habe selbst viele Krankenkassen-Lobbyisten in ihren Reihen. Tatsächlich verortet Kerschbaumer das Problem vor allem im bürgerlichen Lager, auch wenn es quer durch alle Parteien existiere, wie er sagt.

Einheitskrankenkasse als Lösung?

Die Lösung liegt für ihn in einer stärkeren staatlichen Regulierung. Es könne nicht sein, dass es über 80 Krankenkassen gebe. Denn dadurch stiegen die Verwaltungskosten ins Unermessliche. Gar eine Einheitskrankenkasse würde Kerschbaumer heute «mit Handkuss begrüssen», auch wenn er diese bei der Abstimmung 2014 noch abgelehnt habe.

Damit vertritt der SVP-Politiker eine klassisch linke Ansicht. Er beurteilt das hingegen anders. Als Mitglied der SVP politisiere er bürgerlich.

«Und die einfachen Bürger sind es, die von einer stärkeren Regulierung der Krankenkassen profitieren würden»

Dass letztlich nur 14 Personen die Reise zur Protestaktion angetreten haben, ist für ihn nicht zwingend ein schlechtes Zeichen. Viele hätten aufgrund ihrer Arbeit nicht teilnehmen können, der Zuspruch sei jedoch gross gewesen.