Der Pöstler Ihres Vertrauens: Ernst Baumann aus Dicken hat 48 Jahre lang bei der Post gearbeitet

Auch in schwierigen Zeiten ist er ihr treu geblieben. Demnächt geht er auf seine letzte Tour.

Tobias Söldi
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Unfallbedingt hat Ernst Baumann seinen letzten Arbeitstag bereits hinter sich. Sonst hätte er noch bis Ende September die Post verteilt. (Bilder: Tobias Söldi)

Unfallbedingt hat Ernst Baumann seinen letzten Arbeitstag bereits hinter sich. Sonst hätte er noch bis Ende September die Post verteilt. (Bilder: Tobias Söldi)

Eigentlich sollte Ernst Baumann an diesem Vormittag in Dicken unterwegs sein und Post austeilen, wie er es in den vergangenen 28 Jahren getan hat. Doch stattdessen sitzt der 63-Jährige zu Hause am Küchentisch, die Füsse in Adiletten, den Arm auf einen klobigen Halter aus Schaumstoff gestützt. Im August ist Baumann gestürzt und hat sich an der Schulter verletzt.

Zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Denn Baumann wird auf Ende September frühpensioniert. Dass er nun seine letzte Tour als Pöstler nicht mehr gebührend begehen kann, ärgert ihn ein wenig – schliesslich hat er 48 Jahre bei der Post gearbeitet, sein ganzes Arbeitsleben lang: als Briefträger, bei der Bahnpost, als Postautofahrer, als Posthalter und zum Schluss nochmals als Briefträger. Eine Abschiedsrunde wird es dennoch geben: «Ich kann am 28. September mit einem Kollegen auf meiner Tour durch Dicken mitfahren.»

Ein Schulterzucken für den Postauto-Skandal

Baumann ist kein Kind der Traurigkeit. Er lacht oft, wenn er auf sein Arbeitsleben bei der Post zurückblickt. Und manchmal schüttelt er ungläubig den Kopf ob der damaligen Gepflogenheiten. Etwa, wenn er erzählt, wie er als junger Postbote im tiefsten Winter durch den Schnee und über die «Höger» gestapft ist, die Briefe in einer klobigen Umhängetasche, die Pakete an Karabinern umgehängt. Wie er damals, ausgerüstet mit einer Tränengaspistole, einen Geldtransport für die Post durchgeführt hat. Oder wie er die Nummern und Zahlen auf den Einzahlungsscheinen in mühseliger Handarbeit ins Journal übertragen musste.

Bereit für die Tour: Briefe in der Tasche, die Pakete an die Karabiner.

Bereit für die Tour: Briefe in der Tasche, die Pakete an die Karabiner.

Selbst wenn es um die dunklen Kapitel der Geschichte des Unternehmens geht, verliert er seinen Optimismus nicht – zumindest rückblickend. Für den Postauto-Skandal hat er nur ein Schulterzucken übrig:

«Als Briefträger hat uns das eigentlich nicht berührt. Vielleicht haben wir manchmal einen dummen Spruch gehört – mehr aber nicht.»

Einschneidender hingegen war die Welle der Filialschliessungen. Die hat auch die Baumanns erfasst. Am 1. Mai 1991 eröffneten er und seine Frau Daniela – sie haben sich übrigens auf der Post in Herisau kennen gelernt – eine Postfiliale in Dicken. «Im eigenen Haus, das wir damals nach Vorgaben der Post gebaut haben. Die Post hat sich bei uns eingemietet», erklärt Baumann.

Der direkte Kontakt ist weniger geworden

Posthalter, das galt damals als eine «Lebensstelle», als ehrenvolle Aufgabe. «Man hatte viele Freiheiten und war sein eigener Chef», sagt Baumann. Doch es kam dann anders: 2009 musste das Paar die Filiale wieder schliessen, als eine der letzten in der Region. Dank der Unterstützung des Dorfes habe man lange überleben können. «Das war schon ein Einschnitt», gibt Baumann zu, fügt aber sogleich hinzu: «Der Schritt war verständlich. Die Post musste etwas machen.»

Ein Geldsäckel und eine Brieftasche, wie sie Baumann früher bei sich hatte.

Ein Geldsäckel und eine Brieftasche, wie sie Baumann früher bei sich hatte.

Was sich ebenfalls verändert hat über die Jahre, ist der Stellenwert des Pöstlers. Baumann erinnert sich:

«Früher war man Vertrauensperson. Wir wussten viel über die Kunden.»

Es war eine Zeit, in welcher der Pöstler die AHV auszahlte, Einzahlungen annahm, sogar über Betreibungen der Leute Bescheid wusste. Das Austragen der Post erlaubte zudem Einblicke in deren Privatleben. «Wir wurden manchmal in der Küche empfangen.» Der Kontakt mit den Leuten – das war es, was Baumann am meisten gefallen hat an seiner Arbeit. Einer der Gründe auch, weshalb er seinem Arbeitgeber treu geblieben ist. Heute ist es ein bisschen anders: Die Digitalisierung und Automatisierung habe zwar vieles vereinfacht, dafür sei der direkte Kontakt weniger geworden.

Relikte aus vergangenen Zeiten

Noch immer befinden sich die beiden Postschalter, der massive Pakettisch und die Aktenschränke der ehemaligen Dickener Postfiliale an Ort und Stelle, wo sie früher genutzt wurden. Nur eine Tür trennt die ehemalige Filiale vom Wohnzimmer der Baumanns. Es sind stumme Zeugen vergangener Zeiten. Heute nehmen die Baumanns hier aber keine Briefe und Pakete mehr entgegen: Das Zimmer dient für Vereinssitzungen, als Schminkstube für die Guggenmusik, als Abstellraum.

Auch wenn für Ernst Baumann eine Ära zu Ende geht: Die Post kommt immer noch. Nicht nur in Brief- oder Paketform, sondern auch in Personen. Dienstags oder mittwochs, erzählt Daniela Baumann, wenn die Beizen in Dicken ihren Ruhetag haben, stellten sie jeweils ein kleines Schild vors Haus, das den Pöstler auf seiner Tour zur Kaffeepause und im Winter zum Aufwärmen lädt.