Der Missionar und sein Deal mit Gott

Als Teenager wollte Armin Cziesla nichts mit der Gemeinschaft der Mormonen zu tun haben. Nun, mit 27 Jahren, ist er Präsident der Kirchgemeinde Ebnat-Kappel. Sein Leben verläuft zwischen Jobsuche, Bedürfnissen von anderen Gläubigen und dem Gebet.

Lara Wüest
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Von aussen fast wie ein Wohnhaus: Die Kirche der Mormonen in Ebnat-Kappel.(Bilder: Lara Wüest)

Von aussen fast wie ein Wohnhaus: Die Kirche der Mormonen in Ebnat-Kappel.
(Bilder: Lara Wüest)

Bevor Armin Cziesla sich vollends auf seinen Glauben einliess, schloss er einen Handel mit Gott ab. Er war 20 Jahre alt und absolvierte die Offiziersschule im Militär. Schon länger plagten ihn Schmerzen im linken Knie. Irgendwann waren sie so stark, dass er befürchtete, die Offiziersschule abbrechen zu müssen. Das hätte seinen Zeitplan über den Haufen geworfen. Er wollte das Militär beenden, wollte studieren und die Welt kennen lernen. Und so kniete sich Cziesla eines Abends hin und bat Gott, sein Knie zu heilen. Im Gegenzug wollte er für zwei Jahre in einem fremden Land auf Mission gehen, um anderen den Glauben näherzubringen. «Am nächsten Morgen», sagt er, «waren die Schmerzen verschwunden.»

Steiler Aufstieg in der Kirchenhierarchie

Armin Cziesla ist eines von rund 9000 Schweizer Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der heiligen letzten Tage, auch bekannt als Mormonen. Seit jenem Abend im Militär sind sieben Jahre vergangen, heute ist er 27. Mittlerweile hat es der Wiler weit gebracht in der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi: Seit diesem September ist er Präsident der Kirchgemeinde Ebnat-Kappel, zu der auch Wil zählt. Er berät die Gläubigen in Sinnfragen, steht rund um die Uhr als Ansprechpartner bereit und wählt Leute aus, die am Sonntag in der Kirche eine Predigt halten. Unterstützung erhält der junge Präsident dabei von zwei Ratgebern, einer davon ist schon viele Jahre ein Mitglied der Mormonen in Ebnat-Kappel.
Sein Glaube kostet Cziesla nicht nur Zeit, sondern auch Geld: Wie die meisten Mitglieder gibt er zehn Prozent seines Einkommens an die Kirche ab. Viel war es bisher nicht, vor ein paar Wochen erst beendete er sein Studium der International Affairs an der HSG. Als Student jobbte er etwa im Avec und als Aushilfe bei Events, jetzt sucht er eine Stelle. Als was konkret weiss er noch nicht. «Ich bin offen für Vieles.»

Keinen Alkohol, Tabak und Sex vor der Ehe

Armin Cziesla, Präsident der Kirche Jesu Christi in Ebnat-Kappel: «Ich finde es ideal, wenn die Frau zu Hause bleibt, da sie einen besseren Bezug zu Kindern hat.»

Armin Cziesla, Präsident der Kirche Jesu Christi in Ebnat-Kappel: «Ich finde es ideal, wenn die Frau zu Hause bleibt, da sie einen besseren Bezug zu Kindern hat.»

Seit seiner Geburt ist der mormonische Glaube ein Teil von Czieslas Leben, auch seine Eltern gehören diesem an. Neben der Bibel berufen sich die Mormonen auf das Buch Mormon. Es wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von dem Amerikaner Joseph Smith verfasst. Doch auch die Mormonen glauben an die Gebote von Christus. «Viele Menschen denken, wir seien eine Sekte. Dabei sind wir Christen», sagt Armin Cziesla. Im Unterschied zu vielen anderen Christen leben die Mormonen jedoch nach strengen Regeln: Sie verzichten auf Alkohol, Koffein, Tabak und Sex vor der Ehe. Auch Armin Cziesla sparte sich für seine Frau auf, mit der er seit drei Jahren verheiratet ist und später Kinder will. Die Familie, Gott und die Glaubensgemeinschaft stehen bei den Mormonen an oberster Stelle. Wer viel betet und fromm lebt, kann als Belohnung auf eine Auferstehung in einem gottähnlichen Körper hoffen. Armin Cziesla betet zwei- bis dreimal pro Tag, manchmal auch öfter.
In Ebnat-Kappel steht die älteste Kirche der Mormonen in der Schweiz, 50 Jahre ist sie alt. Jeden Sonntag treffen sich dort rund 40 aktive Kirchgemeindemitglieder zum Gottesdienst. Das Gebäude, ein schlichter 60er-Jahre-Bau mit spitzem Dach, hebt sich kaum von den umliegenden Wohnhäusern ab. In einem Nebenraum der Kirche stehen Stühle in einem grossen Kreis, hier treffen sich die Mitglieder jeden Sonntag, um über den Glauben zu diskutieren. Auf einem der Stühle sitzt jetzt Armin Cziesla, ein hochgeschossener junger Mann mit sorgfältig frisiertem, blonden Haar und einem schelmischen Lächeln. Still sitzen fällt ihm schwer, wenn er spricht, sprudeln die Worte aus seinem Mund. In Momenten wie diesen wirkt er wie die meisten 27-Jährigen.
Aber manches, das Cziesla sagt, lässt ihn um Jahre älter erscheinen. Mormonen lehnen Homosexualität ab, die Rollen von Frauen und Männern sind klar getrennt. Bis zu einem gewissen Grad vertritt auch Armin Cziesla diese Ansicht, so wie es die Gemeinschaft und sein Glaube von ihm verlangen. Er sagt: «Ich finde es ideal, wenn die Ehefrau Zuhause bleibt, da sie einen besseren Bezug zu Kindern hat.» Die Taufe von Homosexuellen, die in einer sexuellen Beziehung leben, ist für ihn nicht denkbar.

Als Missionar nicht bei allen willkommen

Es gab eine Zeit, in der Armin Cziesla nicht von der Lebensweise der Mormonen überzeugt war: «Als Teenager wollte ich nicht für den Rest meines Lebens jeden Sonntag in die Kirche müssen.» Doch nachdem Gott seinen Teil des Handels im Militär einhielt, wollte auch er zu seinem Wort stehen. Mit 21 Jahren zog er los, um im Ausland zu missionieren, wie das die meisten jungen Mormonen machen. Für zwei Jahre reiste er nach Schottland und Irland, klopfte dort an fremde Türen, um ebenso fremde Menschen für seinen Glauben zu gewinnen. Nicht alle freuten sich über seinen Besuch: «Jemand sagte, ich sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden», erinnert er sich. Der Kontakt nach Hause war in den zwei Jahren auf ein Minimum beschränkt: Einmal pro Woche durfte er seiner Familie ein Mail schreiben, zweimal pro Jahr durfte er skypen. «An Weihnachten hatte ich Heimweh.»
Noch heute ist Missionieren ein Teil von Armin Czieslas Leben. Immer wieder sucht er das Gespräch zu Andersgläubigen, will ihnen die Möglichkeit geben, die Kirche Jesu Christi für sich zu entdecken, wie er sagt. Nur über Klischees spricht er nicht gern: «Wenn mich jemand fragt, ob ich mehrere Frauen habe, macht mich das wütend.» Mormonen, sagt er, leben heute monogam. Als Präsident hat er sich zum Ziel gesetzt, solche Klischees aus der Welt zu schaffen.