Der Mensch im Zentrum

Am Gründonnerstag feierte Johannes Brahms «Deutsches Requiem» in der Kreuzkirche eine Aufführung, die das Publikum zu stehenden Ovationen bewegte. Unter der Leitung von Felicitas Gadient sang der Kammerchor Wil.

Carola Nadler
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Der Kammerchor Wil konzertierte mit dem «Deutschen Requiem» in der Kreuzkirche. (Bild: can.)

Der Kammerchor Wil konzertierte mit dem «Deutschen Requiem» in der Kreuzkirche. (Bild: can.)

Johannes Brahms hätte die Strafen des ewigen Höllenfeuers so gewaltig komponieren können, wie kaum ein anderer Komponist. Doch als Protestant stand er den traditionellen Lehren kritisch gegenüber und stellte sich die Textvorlage seines Requiems aus Bibelstellen selbst zusammen. Seinen betrachtenden Reflexionen über den Tod stellte er Trost gegenüber, eingebettet in Momente von Ruhe, Geduld und Zuversicht. Damit stellt Brahms die Bedürfnisse des Menschen in Zeiten von Abschied und Schmerz in den Vordergrund, nimmt diesen Verzweifelten sacht an die Hand und führt ihn durch seine Trauer, anstatt ihn zu einem demütig-gefügigen Liturgie-Statisten zu degradieren, der in seiner Kirchenbank immer kleiner wird.

Spannung trotz ruhigem Tempo

Diese Grundhaltung war in der Wiler Aufführung von Dirigentin Felicitas Gadient konsequent und feinfühlig herausgearbeitet worden, ohne in Sentimentalität abzugleiten. Im Vergleich zu heutigen Einspielungen des Werkes hatte die Dirigentin ein ruhiges Tempo gewählt, ohne je den Kontakt zur Spannung zu verlieren. So konnte man regelrecht wohlig in den tröstenden Zusprüchen baden: «Selig sind, die da Leid tragen». Eine Aussage, die Zynismus hervorrufen könnte, durch Brahms? Komposition und die Interpretation durch den Kammerchor Wil und das Musikkollegium Winterthur jedoch fassbar wurde.

Das von grosser Tiefe geprägte Eingangsspiel gelang äusserst transparent, in sich ruhend setzte der Chor sein «Selig sind» darüber. Die sehr gepflegte Artikulation trug ebenfalls zu dem schwerelosen Charakter bei, keine Ecken und Kanten stachen heraus. Diese «aus einem Guss»-Natur setzte sich durch die ganze Aufführung fort: Kein dramatisches Fortissimo wirkte aufdringlich, kein unversehens einbrechendes Piano sackte ab, und das bei einer durchgehenden Chorpräsenz über siebzig Minuten.

Grosse Kontraste ausmusiziert

Der Totenmarsch des zweiten Satzes wurde ebenfalls relativ langsam musiziert, was ihm eine würdevolle, gemessene Ausstrahlung gab. Mächtige Pauken untermalten den wütenden Kummer des «Denn alles Fleisch, es ist wie Gras». Wunderbar dagegen abgesetzt das «So seid nun geduldig», einen Hauch von heiterer Gelassenheit ausstrahlend. Solch grosse Kontraste von einem Laienchor derart sorgfältig, präsent und sicher ausmusiziert zu hören, ist ein kleines Wunder.

Sympathische Bescheidenheit

Bariton Peter Brechbühler strahlte in seinem «Herr, lehre doch mich» eine sympathische Bescheidenheit aus, die sich auch im sechsten Satz fortsetzte, als er die letzte Posaune ankündigte und der Chor in einem grossen Triumph den Tod fragt: «Wo ist Dein Sieg?». Barbara Böhis Sopran war anfangs gegenüber dem mächtigen Orchesterklang, der generell ein klein wenig dominierte, nicht leicht zu vernehmen, doch es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie nicht forcierte, sondern den Charakter der liebevoll-tröstenden Zuwendung beibehielt.

Nach der mächtigen Schlussfuge «Herr, Du bist würdig» wäre eigentlich alles gesagt gewesen, aber Brahms kehrt in einem letzten Satz zurück zum Beginn des Requiems und lässt nochmals das «Selig sind die Toten» singen, dessen letzter, stiller Chorklang von den Bläsern unschön übertönt wurde.