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Der Mathematik-Erklärer: Josef Beda Senn aus Degersheim zerlegt Formeln und erklärt sie im Internet.

Auf seinem Youtube-Kanal «Mathematikstudio Senn» findet man Videos über verschiedene Mathematikprobleme.
Michael Hug
Mathe im ersten Semester: Josef Senn erklärt eine Ableitungsfunktion. (Bild: Michael Hug)

Mathe im ersten Semester: Josef Senn erklärt eine Ableitungsfunktion. (Bild: Michael Hug)

Er wirkt wie ein Mathematikprofessor und ist doch keiner. Wenn er an der Wandtafel mathematische Gleichungen auseinandernimmt, hat er kein Publikum. Und doch sehen ihm ab und zu ein paar Interessierte zu – im Internet. Josef Beda Senn zeigt eine Einführung in das binäre Zahlensystem oder leitet die Additionstheoreme der Trigonometrie her und filmt sich dabei.

Die Videos lädt er danach auf seinen Youtube-Kanal «Mathematikstudio Senn». Und so kann – wen’s interessiert – mitverfolgen, wie das Degersheimer Mathe-Genie den Wurzelsatz von Vieta (François Viète, 1540–1603) beweist. Schritt für Schritt, reine Logik, viel abstraktes Denken. Als unbedarfter Zuschauender läuft man Gefahr, dass einem ganz schwindlig wird dabei.

Reges Interesse für Mathematik

Für Josef Senn ist nicht das Verstehen der demonstrierten Gleichungen das Problem:

«Ich interessiere mich schon seit meiner Schulzeit für Mathematik.»

Der Satz von Vieta ist ein Anfängerproblem für Erstsemesterstudenten. «Aber ich bin kein Genie, die sechs ungelösten Probleme der Mathematik, die sogenannten Millenniumsprobleme, löse auch ich nicht. Das wäre natürlich schön, denn für die Lösung nur eines dieser Probleme hat ein Institut in Cambridge eine Million Dollar ausgesetzt», sagt Senn. Das wirkliche Problem bei dieser Arbeit sei die Vorbereitung für die Aufnahmen mit der Kamera. Dazu schreibt er ein Drehbuch: «Darin steht der Text, denn ich sagen muss, die Gleichungen und deren Herleitungen, die ich an die Wandtafel schreiben will.» Die Aufnahmen erfolgen in Sequenzen: «Weil ich keine Tafel habe wie die Professoren an der Uni, die zehn Meter Tafel vollschreiben können.»

Beschäftigung für einen Frührentner

«Ich mache das, um mich zu beschäftigen», sagt der Frührentner. Josef Senn hat dazu in Flawil extra ein Büro – «Mathematikstudio» nennt er es – gemietet. Hier produziert er die Videoclips. «Ich habe hier mehr Ruhe und ausserdem genug Platz.» Rund eine Woche braucht er für einen Clip, für Vorbereitung, Aufnahmen, Nachbearbeitung. «Geld verdiene ich nicht damit», sagt Senn, «das ist aber auch nicht die Absicht. Es gibt kompetentere Leute mit Tausenden von Followern im Internet, die können vielleicht etwas verdienen.»

Doch der Degersheimer hat ja seit zwei Jahren die AHV-Rente:

«Für die Geräte hier im Studio habe ich Geld aus meiner Pensionskasse investiert.»

Womit Senn auf seine letzten Jahre im Arbeitsleben zurückblendet: «Vor 15 Jahren hatte ich meine letzte, gut bezahlte Arbeitsstelle im ersten Arbeitsmarkt.»

Vom Elektromonteur zum Ingenieur

Gelernt hatte Senn einst Elektromonteur; mit dem Ziel, mit dem Ingenieurstudium am damaligen Technikum Rapperswil (heute FHS) Elektroingenieur zu werden. Doch nach zwei Jahren brach er das Studium ab. «Ich wechselte zur Digital Equipment Corporation, erst als Computertechniker im Aussendienst, später als Supporter in der Vertragsadministration. Später bei der Firma Industrade leitete ich die Reparaturabteilung für Apple-Computer. Anschliessend habe ich bei Xerox Engineering Systems die technische Leitung übernommen. Nach fünf Jahren ging ich zu Radio TV Steiner und wurde dort Aussendienstleiter.»

Das zur Coop-Gruppe gehörende Unternehmen wurde mit der Interdiscount fusioniert:

«Die neue Firma wurde verschlankt, meine Stelle wurde gestrichen und ich stand mit 50 Jahren auf der Strasse.»

Senn, kinderlos und unabhängig, wechselte in die Gastronomie und übernahm den Löwen-Pub in Degersheim: «Vier Jahre, dann musste ich aufgeben.» Er stand wieder vor dem Nichts, ging wieder stempeln, 18 Monate lang.

Dreidimensionale Vektorgeometrie

Dann, wie er sagt, «wurde ich beim Sozialamt angestellt.» Das Sozialamt verschaffte ihm eine Stelle bei der Stiftung Tosam, wo er für das Bestellwesen bei buchplanet.ch zuständig war. In der Freizeit beschäftigte er sich wieder vermehrt mit der Mathematik:

«Ich habe ein Buch über dreidimensionale Vektorgeometrie geschrieben, 120 Seiten.»

Und er gab Nachhilfeunterricht in Geometrie und Trigonometrie; Fächer, die in bestimmten Berufen – zum Beispiel in seinem erlernten Beruf Elektromonteur – unabdingbar sind.

Wegen der Regel, wonach Sozialhilfebezüger im Alter von 63 Jahren in die Rente geschickt werden können, wurde er frühpensioniert. Mittlerweile war sich Josef Senn abrupte Kurswechsel aber gewohnt. «Ich wusste, was ich tun werde: mich intensiver mit Mathematik befassen. Und E-Gitarre spielen lernen.» Übrigens: Der Wurzelsatz von Vieta ist mittlerweile im Netz.

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