Der kritische Blick ist geblieben

Frank Nievergelt erhält den Anerkennungspreis der Stadt Wil. Der Kunsthistoriker leitete während 20 Jahren die Kunsthalle Wil. Unter Nievergelts Führung etablierte sich die Kunsthalle als Forum für zeitgenössische Kunst.

Philipp Haag
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WIL. 105. Frank Nievergelt ist selbst erstaunt, wie viele es sind. Für über 100 Ausstellungen zeichnete Nievergelt während der 20 Jahre als Leiter der Kunsthalle Wil verantwortlich. «Und jede hat stattgefunden», sagt er, «keine musste abgesagt werden.» Darauf ist Nievergelt stolz. Das eine oder andere Mal stand eine Absage allerdings kurz bevor. Doch das vermeintliche Unglück liess sich durch Improvisationsvermögen, gepaart mit Geschick und Glück, in einen Erfolg verwandeln. Als beispielsweise kurz vor der Vernissage eine Leuchteninstallation zusammenfiel und der Künstler kurzerhand aus den Neonröhren der Kunsthalle ein neues Werk kreierte.

Ein Nichtwiler

Nievergelt erhält für seine Verdienste um die Kunsthalle am nächsten Donnerstag den Anerkennungspreis der Stadt Wil verliehen (siehe Kasten). Eine Auszeichnung, die ihn freut. Dass ihm als Nichtwiler diese Würdigung zuteil wird, sieht er als Zeichen, dass seine Arbeit in Wil geschätzt wurde. Der 69-Jährige gab Ende des vergangenen Jahres die Leitung der Kunsthalle in jüngere Hände, in diejenigen von Gabrielle Obrist (und Claudia Reeb). Nach 20 Jahren. Begonnen hatte Nievergelt im Jahr 1991. Damals suchten die beiden Gründer der Kunsthalle, die Künstler Beni Salzmann und Max Zeintl, einen Kunsthistoriker für das Führungsteam, der sich um die Pressetexte kümmerte, das Werk im Katalog beschrieb und Führungen durchführte. Bereits nach drei Jahren übernahm Nievergelt die alleinige Leitung, war also auch für die Programmgestaltung und die Finanzen zuständig. 18 Jahre stand die Kunsthalle unter der ausschliesslichen Verantwortung von Nievergelt. Während der Leiter als Konstante auftrat, wechselten die Standorte: von der Alten Post über die ehemalige Hofbrauerei sowie die Dienerschaftskapelle bis zur ehemaligen Viehmarkthalle an der Grabenstrasse, wo die Kunsthalle seit 2009 untergebracht ist.

Vom Risiko und dem Ärger

«Nur wer bereit ist, ein Risiko einzugehen, und sich so richtig ärgern kann, kann eine Kunsthalle führen», beschreibt Nievergelt zwei Eigenschaften, die jemand mitbringen muss, der einem Ausstellungsort für installative und experimentelle zeitgenössische Kunst vorstehen möchte. Risiko, weil oft bis zur Vernissage nicht im Detail klar war, wie die Ausstellung arrangiert war. Die Künstlerinnen und Künstler erhielten eine Carte blanche. Einzige Bedingung: Sie mussten sich mit den Räumen – der Halle und der Galerie – auseinandersetzen und diese zu bespielen vermögen. Nievergelt vertraute den Künstlern – Vertrauen ist ein weiterer wichtiger Charakterzug für einen Kunsthallenleiter –, doch hin und wieder war dann doch ein lautes Wort notwendig. Vor allem, wenn der Aufbau ein wenig zu schleppend voranging.

Leisen Ärger löste auch das eine oder andere Werk bei Nievergelt aus. Doch der Unmut war Ergebnis der Energie, der Emotion, welche die Skulpturen und Installationen auslösten. Nicht selten hatten sie einen eigenwillig-provokativen Einschlag. Doch das war gewünscht. «Gute Kunst regt zum Nachdenken an», sagt Nievergelt. Eine Kunsthalle sei der Ort, an dem unangepasste Kunst ausserhalb der Galerien eine Plattform finde. Als Forum für zeitgenössische Kunst hat sich die Kunsthalle Wil denn auch schweizweit einen guten Namen gemacht.

In den Augen von Nievergelt sticht in den 20 Jahren keine Ausstellung besonders hervor. «Jede war für sich spannend und interessant.» Dass Roman Signer, heute einer der europaweit bedeutendsten Gegenwartskünstler, in Wil ausstellte, erfüllt Nievergelt aber schon ein wenig mit Stolz. In Erinnerung bleiben ihm vor allem die Begegnungen und die Gespräche mit den Künstlern. Er empfand es als bereichernd, ihre Sichtweise auf die Welt zu erfahren. Die kritische Auseinandersetzung mit der Welt, all ihren Facetten, gehört für Nievergelt zum Wesen der Kunst. «Die Kunst ist ein wesentlicher Bestand der Kultur und somit der Gesellschaft», sagt er. Dass die Stadt in Vertretung der Gesellschaft den ehemaligen Kunsthalle-Leiter ehrt, beweist, dass sich die Wilerinnen und Wiler der Bedeutung zeitgenössischer Kunst bewusst sind.