Der Konkurrenzkampf ist gross, aber: «Chinesische Medizin ist gut akzeptiert»

Die Nachfrage nach der traditionellen chinesischen Medizin hat stark zugenommen. Insbesondere in der Region Wil. China setzt sich nun für die Anerkennung seiner Ärzte in der Schweiz ein. Die Wiler Therapeutin Qin Deng Häne erzählt im Interview, wie es ist, als chinesische Ärztin in der Schweiz zu arbeiten.

Lara Wüest
Drucken
Teilen

Wir haben in der Schweiz eine hervorragende Schulmedizin. Weshalb braucht es die traditionelle chinesische Medizin?

Qin Deng Häne: Die chinesische Medizin arbeitet anders. Sie behandelt die Menschen ganzheitlich und nicht die einzelnen Symptome. Sie dient zur Vorbeugung von Krankheiten und ist bei chronischen Beschwerden wirksam. Wir stehen aber nicht in Konkurrenz zur westlichen Medizin, sondern sind eine Ergänzung. Es gibt immer mehr Schweizer Spitäler, die traditionelle chinesische Medizin (TCM) anbieten. Etwa auch das Kantonsspital St. Gallen. Es kommt auch immer wieder vor, dass Ärzte ihre Patienten an mich überweisen, wenn ihre Methoden nicht mehr nützen.

An was für Patienten richtet sich die traditionelle chinesische Medizin?

Zum Beispiel an Patienten mit Verspannungen und Schwindel, Menstruationsbeschwerden, Schwangerschaftsproblemen oder chronischen Schmerzen. ­Gestern kam jemand mit einem Tennisellenbogen zu mir. Die Person wollte sich kein Cortison spritzen lassen, da dessen Wirkung irgendwann nachlässt. Manche Leute versuchen, mit TCM auch eine Operation zu vermeiden. Etwa eine Knieoperation bei Arthrose. Und auch Asthma und Heuschnupfen können wir sehr gut behandeln.

Zur Person

Qin Deng Häne lebt seit zehn Jahren in der Schweiz und hat vor eineinhalb Jahren ihre erste TCM-Praxis in Münchwilen eröffnet. Seit Anfang Februar dieses Jahres führt sie zudem eine Praxis in der Wiler Altstadt. Davor war sie unter anderem als Ärztin am Universitätsspital in der Millionenstadt Guangzhou in China tätig. In der Schweiz arbeitete sie zudem als Angestellte in TCM-Praxen in Zürich und Romanshorn. Die 38-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bronschhofen. In ihrer Freizeit macht sie gerne Musik. Sie spielt das chinesische Seiteninstrument Guqin. (law)

Mit was für Methoden arbeiten Sie?

Das ist nicht immer gleich. Zuerst führe ich ein Anamnesegespräch. Dann entscheide ich mich für eine Methode. Die Behandlung erfolgt mit Akupunktur, Schröpfen, Tuina Massage oder Kräutern. Und ich behandle auch mittels Wärmetherapie. In der chinesischen Medizin ist Wärme sehr wichtig. Wir empfehlen den Leuten zum Beispiel auch, dass sie stets warm essen und trinken sollen.

Unterscheiden sich diese Methoden von den Behandlungsmethoden in China?

Bei der Akupunktur, beim Schröpfen und bei der Tuina Massage ist die Behandlung genau gleich. Aber die Kräutertherapie funktioniert anders. In China geben wir Ärzte die Kräuter direkt an die Patienten ab. Sie können diese nach der Konsultation mit nach Hause nehmen und dann selber kochen und zubereiten. Hier muss ich ein Rezept schreiben und dieses an eine chinesische Apotheke in der Schweiz schicken. Die Patienten erhalten dann oft erst nach mehreren Tagen ein Pulver oder eine Flüssigkeit.

Was haben Sie für eine Ausbildung gemacht?

Ich habe in China fünf Jahre lang traditionelle chinesische Medizin an der Universität studiert. Damit kann man in China als Arzt oder Ärztin tätig sein. Im Anschluss an mein Studium habe ich noch einen dreijährigen Master of Clinic Medicine absolviert, in dem westliche und östliche Medizin kombiniert wurden. In China kann man auch westliche Medizin studieren. Die östliche und westliche Medizin sind dort gleichgestellt. In der Schweiz bin ich dagegen mit meinen Abschlüssen im Bereich der Alternativmedizin tätig und rechne über die Zusatzversicherung ab. Ich verfüge aber auch noch über ein Zertifikat des Schweizerischen Roten Kreuzes, das meine Ausbildung als Naturheilpraktikerin in traditioneller chinesischer Medizin anerkennt.
Wie kam es dazu, dass sie heute in der Schweiz praktizieren?
Durch meinen Mann. Er ist Schweizer, studierte aber in China TCM. Ich lernte ihn während der Ausbildung kennen. Vor zehn Jahren entschloss ich mich, mit ihm in der Schweiz zu leben.

Wie war Ihre Anfangszeit als chinesische Ärztin in der Schweiz?

Zuerst war ich in verschiedenen Praxen angestellt. Ich sprach nicht gut genug Deutsch und brauchte eine Dolmetscherin. Als ich die Sprache besser verstand, bot mir meine Frauenärztin in Münchwilen an, ihre Räume mitzubenutzen. Sie arbeitete Teilzeit. Das war sehr praktisch, da die Räume über die Infrastruktur verfügten, die ich brauchte. So wurde ich selbstständig. Irgendwann hatte ich so viele Anfragen von Patienten, dass ich im selben Gebäude eigene Räume mieten musste. Etwas später entschloss ich mich, auch noch eine Praxis in Wil zu eröffnen.

Die Angebote an chinesischer Medizin nehmen in der Schweiz zu. Spüren Sie den Konkurrenzdruck?

Durchaus. Gerade in Wil gibt es bestimmt zehn andere TCM-Praxen. Der Ansturm ist hier deutlich weniger gross als in Münchwilen. Da merke ich die Konkurrenz auf jeden Fall.
Laut der «NZZ am Sonntag» machen China und die Verbände der chinesischen Medizin Druck, dass die Schweiz Chinesen, die in China traditionelle chinesische Medizin studiert haben, als Ärzte anerkennt und zulässt. Was sagen Sie dazu?
Ich verstehe die Forderungen der Verbände. Aber meiner Ansicht nach braucht es das nicht. Die chinesische Medizin ist sehr gut akzeptiert. Der TCM-Fachverband setzt sich sehr für uns ein.
Scheinbar fordern die Verbände auch, dass die Ärzte ihre Leistungen über die obligatorische Grundversicherung abrechnen können. 

Unterstützen Sie das?

 Insgesamt funktioniert es gut mit der Zusatzversicherung. Eine Ausnahme besteht aber bei alten Menschen. Gerade sie leiden oft an chronischen Schmerzen und könnten von unserer Medizin profitieren. Doch häufig sind sie nicht zusatzversichert, und in ihrem Altern nimmt sie auch keine Zusatzversicherung mehr auf. In diesem Bereich könnte der Staat noch etwas machen.

Sie haben mit Wil bereits Ihre zweite Praxis eröffnet. Wollen Sie noch weiter wachsen?

Im Moment nicht. Ich habe eine siebenjährige Tochter, mit der ich genügend Zeit verbringen möchte. Mein Mann und ich wechseln uns bei der Kinderbetreuung ab.