Der Bahnhof Wil bekommt ein neues Gesicht: Eine Führung zu den Orten, wo sich Veränderungen abzeichnen

Der Knotenpunkt Wil bekommt ostseitig in Richtung St. Gallen ein neues Gesicht. Bemerkbar macht sich dies mit neuen Rampen, längeren Perrons und Gleisverschiebungen. Projektleiterin Gabriela Elmer führt durch den Bahnhof und zeigt die Stellen, die umgebaut werden.

Dinah Hauser
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Die Perrons sind zu kurz: Der längste Zug, der derzeit am Bahnhof Wil halten kann, ist der einstöckige Neigezug mit knapp 380 Metern Länge. Künftig sollen bis zu 400 Meter lange Züge Platz haben.

Die Perrons sind zu kurz: Der längste Zug, der derzeit am Bahnhof Wil halten kann, ist der einstöckige Neigezug mit knapp 380 Metern Länge. Künftig sollen bis zu 400 Meter lange Züge Platz haben.

Bild: Tobias Garcia

Der Nebel lässt an diesem Tag die Enden der Perrons am Bahnhof Wil fast verschwinden. Dennoch müssten sie länger sein, damit die neuen FV-Dosto-Züge in Doppeltraktion halten können. Darum verkehrt der Zug auf der Strecke St. Gallen–Zürich in voller Länge derzeit ohne Halt in Wil oder verkürzt auf nur 200 bis 300 Metern Länge statt den möglichen 400.

Auch deshalb soll am Bahnhof Wil bald ein Umbau stattfinden. Als Knotenpunkt der Region stellt er Verbindungen ins Toggenburg, nach Zürich und St. Gallen sowie in den Thurgau sicher. Leistungssteigerung und Barrierefreiheit heissen die Zauberworte des Bauvorhabens. Längere Züge, mehr Passagiere und erleichterte Zugänge zu den Perrons. Das soll ab Ende 2023 Realität sein. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Wil als eines der letzten Puzzleteile

Das Umbauprojekt am Bahnhof Wil ist auf das Jahr 2009 zurückzuführen. Damals stimmte das nationale Parlament zu, 5,4 Milliarden Franken für den Bahnausbau freizugeben. Zukünftige Entwicklung Bahninfrastruktur, oder kurz ZEB, ist der Name des Pakets, welches über 100 Infrastrukturprojekte beinhaltet. Dazu gehören auch Massnahmen zur Leistungssteigerung der Strecke Zürich–Winterthur–St. Gallen. Als eines der letzten Projekte wird der Umbau am Bahnhof Wil realisiert. (dh)

Perronanpassungen über Umwege

Gesamtprojektleiterin Gabriela Elmer.

Gesamtprojektleiterin Gabriela Elmer.

Bild: Tobias Garcia

Gabriela Elmer führt über das Bahnhofgelände. Als Gesamtprojektleiterin führt sie alle Fäden zusammen. Sie zeigt auf das Perron zu Gleis 1. Es soll in Richtung Landhausareal verlängert werden – fast bis zur Hubstrasse. Damit die 400 Meter langen Züge Platz haben, braucht es 420 Meter Perron. Bisher können nur die knapp 380 Meter langen Neigezüge in voller Länge halten. Auch in Richtung Westen wird das Perron ein wenig verlängert und erhöht – allerdings nur für die Dauer der Bauarbeiten.

«Da im östlichen Teil zuerst grössere Umbauten durch Verschiebung der Gleisachsen stattfinden, wird das Perronende auf Gleis 1 in diesem Bereich erst nachher gebaut», erklärt Elmer. Die Züge müssen daher bis dann weiter hinten im jetzigen Perronbereich anhalten, dazu wird der Perron noch etwas in Richtung Westen provisorisch verlängert. Zudem werden die Dächer auf den Perrons zu Gleis 2/3 und 4/5 in Richtung Osten verlängert.

Die Perronverlängerungen haben auch Auswirkungen auf die Gleisführung. In westlicher Richtung wäre dies aufwendiger und kostenintensiver, da dort viele Weichen liegen. In östlicher Richtung allerdings beginnt sogleich eine Kurve und die Überführung zur Hubstrasse liegt nahe. So müssen die Gleise «auseinandergezogen» werden, wie Projektleiterin Elmer sagt. Zusätzlich wird neu die Bahnüberführung Hubstrasse mit vier Gleisen befahren statt mit drei. Dort planen die SBB zudem den Einbau einer neuen Deckenplatte. Dies diene als Vorbereitung für den Neubau der Unterführung durch die Stadt Wil, welcher ein paar Jahre später realisiert werden soll.

Westseitig liegen viele Weichen. Hier grössere Veränderungen vorzunehmen, wäre aufwendiger und kostenintensiver.

Westseitig liegen viele Weichen. Hier grössere Veränderungen vorzunehmen, wäre aufwendiger und kostenintensiver.

Bild: Tobias Garcia

Warum schiefe Gleise sinnvoll sind, aber für Menschen im Rollstuhl zu Problemen führen können

Konrad Streckeisen, Projektleiter Beschaffung.

Konrad Streckeisen, Projektleiter Beschaffung.

Bild: Tobias Garcia

Eigentlich wäre das Perron zu den Gleisen 2 und 3 noch gut in Schuss. «Allerdings haben sich die Anforderungen in den vergangenen Jahren geändert», erklärt Konrad Streckeisen. Als Projektleiter Besteller ist es seine Aufgabe, alle Anforderungen und Vorgaben festzulegen. Bisher wurden Perrons mit einer Wölbung gebaut, sodass Wasser zu den Gleisen hin abfliessen kann. Neu müssen Perrons zur Mitte hin abfallend sein, wegen Unfallgefahr infolge wegrollender Kinderwagen und Gepäckstücke.

Eine weitere Schwierigkeit: Der Bahnhof Wil liegt teilweise in einer engen Kurve. Damit die Züge schneller fahren können, werden die Gleise überhöht gebaut. Das heisst, dass der eine Schienenstrang höher liegt als der andere, das Gleis also schief liegt. Hält ein Zug an, so liegt auch der Ein- und Ausgang höher oder tiefer. Je nach Höhe der entstandenen Schwelle können Personen im Rollstuhl kaum oder gar nicht mehr selbstständig ein- oder aussteigen. Die Gleise sind auch nach dem Umbau noch überhöht, jedoch nur noch so stark, dass eine Nutzung mit Rollstühlen gewährleistet ist.

Die Perronumbauten bedingen auch ein neues Entwässerungssystem. Elmer zeigt auf das Perron. «Etwa in diesem Bereich kommt die Rinne zu liegen – also nicht ganz mittig.» Die Rinne, die mit einem Gitter überdeckt ist, soll parallel zur Perronkante verlaufen. Auf Perron 1 existiert bereits eine solche. Dort fällt das Perron zum Gebäude hin ab. Streckeisen sagt: «Da die Eingänge des Gebäudes unterhalb der Perronkante lagen, wurde damals diese Lösung gewählt.»

Die Treppe zum Perron 2/3 wird durch eine Rampe ersetzt. Die Lifte im Hintergrund gehören zum stillgelegten Posttunnel und sollen abgebrochen werden.

Die Treppe zum Perron 2/3 wird durch eine Rampe ersetzt. Die Lifte im Hintergrund gehören zum stillgelegten Posttunnel und sollen abgebrochen werden.

Tobias Garcia

Während das Perron 3/4 zusätzlich mit einem weiteren Lift gegenüber der bestehenden Treppe erschlossen wird, setzt man beim Perron 2/3 auf eine Rampe. Diese kommt dort zu liegen, wo die heutige Treppe ist. Den Grund dafür erklärt Elmer: «Gleis 1 und 2 dienen überregionalen Verbindungen mit mehr erwarteten Passagieren. Die Aufgänge müssen genügend Kapazität bieten.» Ein zusätzlicher Lift allein gewährleiste dies nicht.

Auch eine neue Treppe entsteht, sie kommt in der Unterführung Ost auf der gegenüberliegenden Seite zu liegen und soll die Pendlerströme von der ostseitigen Verlängerung in den Untergrund führen. Sie tangiert dort leicht den stillgelegten Posttunnel. Dieser muss mit dem Projekt ohnehin verstärkt werden, da die Stadt den Tunnel zukünftig als Veloquerung umnutzen möchte.

Von blossem Auge kaum zu erkennen: Der eine Schienenstrang liegt höher als der andere. Diese Überhöhung macht schnelleres Fahren in Kurven möglich. Sie führt aber dazu, dass die Ein- und Ausstiege nicht immer auf Perronhöhe liegen.
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Die Treppe zum Perron 2/3 wird zu einer Rampe. Auf der gegenüberliegenden Seite entsteht eine Treppe; etwa dort, wo die Werbeplakate angebracht sind.
Linksseitig wird es neu eine gegenläufige Rampe zum Perron 6 geben.
Das Perron 4/5 ist nicht auf ganzer Länge gleich hoch. Der ebenerdige Ein- und Ausstieg ist somit nicht überall möglich. Dies soll beim Umbau korrigiert werden.
Die westliche erhält ebenfalls eine Kur: Die Bodenplatte wird verstärkt und der 30-jährige Lift zum Perron 4/5 erneuert.
Die Unterführung Hubstrasse erhält eine neue Deckenplatte. Sie soll in den nächsten Jahren neu gebaut werden.
Am und um den Bahnhof sind die Markierungen für den Umbau sichtbar.

Von blossem Auge kaum zu erkennen: Der eine Schienenstrang liegt höher als der andere. Diese Überhöhung macht schnelleres Fahren in Kurven möglich. Sie führt aber dazu, dass die Ein- und Ausstiege nicht immer auf Perronhöhe liegen.

Bild: Tobias Garcia

Dass das Trassee auf der Ostseite breiter wird, hat Auswirkungen bis zur Titlisstrasse. «Die Böschung kann nicht wie bis anhin mittels Gitter gesichert werden», sagt Streckeisen. Damit der Schotter nicht herunterpurzelt, braucht es neu eine Stützmauer. Auch beim Churfirstenpärkli auf der gegenüberliegenden Seite werde die Böschung gesichert. Hier allerdings mit einem Gitter.

Das Gitter zur Trasseesicherung bei der Titlisstrasse kommt weg. Holzpfähle markieren, wo neu die Stützmauer zu liegen kommen soll.

Das Gitter zur Trasseesicherung bei der Titlisstrasse kommt weg. Holzpfähle markieren, wo neu die Stützmauer zu liegen kommen soll.

Bild: Tobias Garcia

Auch in der westlichen Unterführung wird gebaut

In der westlichen Personenunterführung sind ebenfalls kleinere Massnahmen geplant. Hier werden unter anderem die Bodenplatte verstärkt und der Lift zum Perron 4/5 ersetzt. «Der Lift ist bald 30 Jahre alt», sagt Elmer. Zudem fällt das Perron auf Höhe des Liftes ab. Auch dieser Teil soll erhöht werden. Bei der haltenden S12 fällt auf: Eine Person im Rollstuhl kann bei den vorderen Türen deswegen gar nicht einsteigen. «Früher wurde nur der stark genutzte Teil von Perrons angehoben. Das entspricht nicht mehr den heutigen gesetzlichen Vorgaben», sagt Streckeisen. Apropos S12: Diese könnte in Zukunft auch mal in doppelter Traktion geführt werden. Die Perrons zu den Gleisen 1 bis 3 wären dafür genügend lang.

Der Baustart ist noch immer auf Sommer 2021 geplant, trotz der drei Einsprachen, die beim Bundesamt für Verkehr eingegangen sind. Die Kosten werden auf rund 40 Millionen Franken geschätzt – rund fünf Million höher als im Baugesuch vermerkt. Die Mehrkosten können durch vertiefte Erkenntnisse aufgrund der genaueren Planung sowie der Anpassungen an die Vorschriften erklärt werden, heisst es seitens der SBB. Dazu gehöre etwa die Anpassung der Neigungen auf den Perrons. Zudem sei der Lift beim Perron Gleis 6 in den bisherigen Kosten noch nicht enthalten gewesen.

Läuft alles planmässig, ist der Umbau bis Ende 2023 abgeschlossen. Der Bahnhof Wil wäre ab dann barrierefrei zugänglich und die neuen FV-Dosto-Züge können in voller Länge an den Perrons anhalten. Gerade rechtzeitig, denn der Bund verlangt die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes bis dahin. Rückbauten und Aufräumarbeiten dauern noch bis Sommer 2024.

Die SBB planen während der Bauphase, die Bevölkerung regelmässig auf der Website www.sbb.ch/ausbauwil über den aktuellen Stand in Kenntnis zu setzen. Wochenend- und Nachtarbeiten sowie zeitweise Sperrungen würden ebenfalls mitgeteilt.

Die Pläne sind komplex.

Die Pläne sind komplex.

Bild: Tobias Garcia