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Der Kampf mit dem Stacheldraht: Ostschweizer Jäger sorgen sich um die Sicherheit des Wildes

Die Jagdsaison hat begonnen. Die Jäger beschäftigt aber nicht nur der Abschuss der Tiere, sondern auch deren Schutz. Denn so manches Tier verfängt sich in einem Zaun und verendet qualvoll.
Lara Wüest
Jäger Harry Flückiger ist besorgt, dass sich ein Tier in diesem Zaun verfangen könnte. (Bilder: Lara Wüest)Jäger Harry Flückiger ist besorgt, dass sich ein Tier in diesem Zaun verfangen könnte. (Bilder: Lara Wüest)
Der Zaun, der junge Bäume im Nieselberger Wald schützt, kann zur Falle werden.Der Zaun, der junge Bäume im Nieselberger Wald schützt, kann zur Falle werden.
Am Stacheldraht beim Nieselberger Wald finden sich Tierhaare.Am Stacheldraht beim Nieselberger Wald finden sich Tierhaare.
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Der Kampf mit dem Stacheldraht

Es ist kurz vor Feierabend. Die Sonne scheint warm durch Tannenzweige und ein Meer an Buchenblättern auf den laubigen Waldboden am Fuss des Nieselbergs in Wil. Ein paar Spaziergänger hängen auf den Waldwegen ihren Gedanken nach. Einer von ihnen ist Harry Flückiger. Er stapft mit seinem Hund, einem Jagdhund, einen Trampelpfad entlang.

Ein unschönes Ende

Der mittelgrosse Mann mit grauem Haar und brauner Holzbrille ist Jäger und Obmann der Jagdgesellschaft Zuzwil-Wil. Die Jagdsaison hat begonnen. Doch heute ist Harry Flückiger nicht in den Wald gekommen, um Tiere zu schiessen, sondern um sie zu schützen. Der Jäger will prüfen, ob sich ein Wildtier in einem Zaun verfangen hat oder zumindest, ob Spuren darauf hindeuten, dass kürzlich eines hängen geblieben ist. Immer wieder kommt das vor, auch am Fuss des Nieselbergs am Rand der Stadt Wil. Für die Tiere nimmt das eigentlich immer ein unschönes Ende, viele sterben, weil sie sich nicht mehr befreien können.

Stacheldraht aus Bequemlichkeit

Nach nur wenigen hundert Metern kommt Flückiger zu einer Weide am Waldrand, auf der ein paar Kühe verträumt wirkend auf der Wiese liegen. Idyllisch sieht es aus. Doch das geübte Auge von Flückiger sieht sofort die Gefahr: Die Weide ist mit einem Stacheldraht umzäunt. Flückiger sagt:

«Viele Bauern verwenden diese, weil es einfach ist, sie zu errichten. Sie brauchen keinen Strom und halten lange.»

Doch für Wildtiere können sie gefährlich sein. Auch am Zaun am Fuss des Nieselbergs hängen Tierhaare.

Der Unfall im Wohnquartier

Schon länger sind solche Zäune am Waldrand und im Wald den St.Galler Jägern ein Dorn im Auge. Zusammen mit Pro Natura St.Gallen-Appenzell und dem WWF St.Gallen haben sie deshalb die Initiative «Stopp dem Tierleid – gegen Zäune als Todesfallen für Wildtiere» lanciert, die vor gut einem Monat zu Stande kam. Die Initiative fordert, dass gefährliche Zäune aus Stacheldraht verboten, Zäune im Wald nur in Ausnahmefällen erstellt und unnötige Weidezäune abgebaut werden.

Wenn das Volk die Initiative annimmt, gäbe es auch in der Region einiges zu tun. Ein bisschen weiter unten im Wald beim Nieselberg stösst Harry Flückiger auf einen Maschendrahtzaun, der Jungbäume vom restlichen Wald abtrennt. An einer Stelle hat sich der Zaun vom Pfahl gelöst und neigt sich leicht nach unten. «Ein Tier, das auf der Flucht ist, zum Beispiel, weil es durch einen unvernünftigen Waldbenutzer gestört wird, kann hier leicht hängen bleiben, wenn es über den Zaun springt», sagt Flückiger und drückt den Zaun mit seinem Arm nach unten.

Von den Qualen erlöst

Doch nicht nur im Wald kommt es zu solchen Unfällen. Auch schon musste Flückiger in einem Wohnquartier einschreiten, wie er auf dem Spaziergang erzählt. Dieser Zwischenfall hat sich dem Jäger besonders ins Gedächtnis eingebrannt: Fünf Jahre ist es her, als ein Mann ihn anrief und um seine Hilfe bat. Ein Rehbock hatte sich auf dessen Grundstück am Waldrand im Zaun verfangen, alleine konnte sich das Tier nicht mehr befreien. Und für den Mann war es zu gefährlich, dem Bock nahe zu kommen. So ein Tier wiegt bis zu 25 Kilogramm, hat ein spitzes Geweih – und ist in Panik, wenn es vom Zaun nicht mehr loskommt. Die Gefahr, dass der Bock den Mann verletzt hätte, wäre zu gross gewesen. Und so rief er Harry Flückiger an.

Wenn sich ein solcher Wildtier-Unfall in der Region Wil-Zuzwil ereignet, muss er oder einer seiner Kollegen zur Stelle sein. Dem Rehbock konnte Flückiger jedoch nicht mehr helfen. Der Jäger musste das Tier mit einem Schuss von seinen Qualen erlösen. Noch heute geht Flückiger nah, was alles hätte passieren können:

«In dem Quartier lebten ja auch Kinder.»

Doch ohne diesen Gnadenschuss wäre das Tier qualvoll verendet, gestorben am Stress, an einem Herzversagen vielleicht oder einfach an Erschöpfung. Noch jetzt hört man aus Flückigers Worten das Unverständnis heraus, das er damals verspürt haben muss. Denn der Zaun, sagt er, sei völlig unnötig gewesen. «Es befanden sich keine Tiere auf der Weide.»

Bahn- und Strassenverkehr weitaus tödlicher

Wie viele Wildtiere sich jährlich in der Region in Zäunen verfangen, weiss Flückiger nicht. Im ganzen Kanton waren es im vergangenen Jahr 17 Rehe, 4 Rotfüchse, 2 Gämse, 1 Rothirsch und 1 Rabe. Das ist aus der kantonsweiten Jagdstatistik 2018 ersichtlich. Im Vergleich zu den Wild-Todesfällen im Strassen- und Bahnverkehr ist das ein Bruchteil. Durch Züge und Autos starben im vergangenen Jahr deutlich über 1000 Tiere. Warum also setzen sich die Jäger und Naturschützer so vehement gegen diese Zäune ein? Flückiger sagt:

«Der Strassenverkehr lässt sich nicht verhindern. Die Zäune verursachen unnötiges Leid.»

Dabei gäbe es genügend ungefährliche Alternativen zu Stacheldraht, Weidenetzen und Maschendrahtzäunen: etwa einen einfachen Stoppzaun.

Viele Vorfälle bei Degersheim

Ähnlich gross ist das Problem mit den Tieren, die sich in Zäunen verfangen, im Neckertal. «Immer wieder trifft man auf Wildtiere, welche sich in einem Maschenzaun oder Stacheldraht verfangen und in dieser Todesfalle elendiglich verenden», wie Beat Singenberger, Obmann der Jagdgesellschaft Nassen-Ruer, sagt. Der Jäger vermutet auch teils grössere regionale Unterschiede: Weil das Gebiet so ländlich und hügelig ist, greifen die Bauern besonders oft zur einfachsten Lösung mit dem Stacheldraht und Maschenzaun. «Öfters», sagt er, «sind ganze Stacheldraht- und Maschenzäune in den Wäldern zu finden.» Dort kämen deshalb nicht nur Rehe zu Tode:

«Auch geschützte Vögel wie Mäusebussarde oder Milane verfangen sich oft.»

Ein gewisses Verständnis zeigen die Bauern denn auch für das Anliegen der Jäger und Naturverbände. «Der Stacheldraht wird in vielerlei Hinsicht negativ gesehen. Es hat niemand Freude daran», sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes. Die Initiative sehen die Bauern aber kritisch: Die Forderungen gingen zu weit. Widmer hält das Vorhaben zudem für unverhältnismässig, da im Strassenverkehr weitaus mehr Tiere zu Tode kommen. «Die Initiative setzt am falschen Ort an.» Und der Rückbau der Stacheldrähte sei schon lange im Gang.

«Selbstverantwortung spielt hier nicht»

An diesem Spätsommernachmittag im Nieselberger Wald haben sich keine Tiere in Zäunen verfangen. Harry Flückiger und sein Jagdhund machen sich auf den Heimweg. Auch der Jäger sagt, es sei bereits besser geworden in der Region. «Vor drei Jahren hatten wir hier viel mehr Unfälle mit Wildtieren und Zäunen.» Trotzdem hofft er, dass die Initiative im nächsten Jahr angenommen wird. Denn die Selbstverantwortung zur Entfernung von unnötigen Zäunen, die spiele hier nicht, sagt er. Und durch die Initiative hätten sie, die Jäger, endlich eine Handhabe, um die Wiesen- und Waldbesitzer zum Handeln aufzufordern.

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